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Komponist, Weltbürger, Revolutionär: Vor 50 Jahren starb Hanns Eisler

Komponist, Weltbürger, Revolutionär: Vor 50 Jahren starb Hanns Eisler

Juli 1998 der Geburtstag Hanns Eislers (eigentlich Johannes) zum 100. Male jährte, wurde des Komponisten auf überraschend vielfältige Weise gedacht. Dabei hatte er doch, der 1949 Johannes R.

Bechers Verse der DDR-Hymne vertonte und 1950 dafür einen ersten Nationalpreis erhielt, seitdem in der Bundesrepublik als d e r DDR-Staatskomponist gegolten. Sein kompositorisches Spätwerk wurde gar als richtungsweisend für den sogenannten sozialistischen Realismus, die Kunstdoktrin in der DDR, bewertet. Waren Eisler etwa seine politischen, ideologischen und musikalischen "Sünden" vergeben und die Bedeutung seines Œuvre erkannt und anerkannt worden?

Davon kann keine Rede sein, weder damals noch heute. Zwar finden wieder hier und da Konzerte statt, in denen sein Name aus diesem Anlass auftaucht. Auch im Rundfunk erklingen einige Kompositionen. Sogar eine neue Biografie ist erschienen: Der Bertelsmann-Verlag Gütersloh legte Friederike Wißmanns Buch "Hanns Eisler - Komponist, Weltbürger, Revolutionär" vor. Dennoch wirkt alles irgendwie gedämpfter, um Grade kühler als seinerzeit. Es wird wohl wie gehabt weitergehen: Hannes Eisler bleibt wie seine ehemaligen Akademiekollegen und Freunde aus der älteren DDR-Komponistengeneration - Max Butting, Ottmar Gerster, Rudolf Wagner-Régeny, Paul Dessau, Fidelio F. Finke, Johann Cilenšek - nach wie vor mehr oder weniger aus dem gegenwärtigen Musikleben verschwunden.

Bei Eisler kommt freilich erschwerend hinzu, dass seiner der Brechtschen Ästhetik in besonderer Weise verpflichteten Vokalmusik - Lieder, Balladen, Songs, Chansons, Chöre - hervorragende Interpreten wie die Sängerinnen Irmgard Arnold, Gisela May, Roswitha Trexler und Sonja Kehler mit ihrer noch authentisch durch den Autor vermittelten Kenntnis spezieller Vortragsweisen nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Zeit ist aber indessen längst gekommen, Entdeckungen oder auch nur Wiederentdeckungen des Komponisten zu machen!

Eisler hat immerhin sein musikalisches Handwerk 1919 bis 1923 bei einem der wichtigsten Tonsetzer des 20. Jahrhunderts, bei Arnold Schönberg in Wien gelernt. Schönberg stellte ihn nicht von ungefähr in die Reihe seiner talentiertesten Schüler neben Anton Webern und Alban Berg. Allerdings hatte der verehrte Lehrer kein Verständnis dafür, dass der 1898 in Leipzig geborene Sohn des österreichischen Philosophen Rudolf Eisler - und seit 1901 mit den Eltern in Wien sesshaft - Kommunist wurde.

Massenlieder, Songs, Theater- und Filmmusiken

1925 übersiedelte Eisler nach Berlin, wo er mit der Agitprop-Truppe "Das Rote Sprachrohr" arbeitete und an der marxistischen Arbeiterschule unterrichtete und sich des weiteren als Musikkritiker der Zeitung "Die rote Fahne" betätigte. Damals entstanden u.a. das "Kominternlied" sowie speziell für den Sänger Ernst Busch, den "Barrikaden-Tauber", mit dem er bald Freundschaft schloss, das "Stempellied" und das "Solidaritätslied" (zum Film "Kuhle Wampe"). In den vielen Massenliedern, Songs, Theater- und Filmmusiken, die er in jenen Jahren komponierte, wollte der Komponist einen möglichst breiten Hörerkreis ansprechen. Gleichwohl blieb bis zuletzt die Schreibweise des Avantgardisten, als der er ja begonnen hatte - vor allem in den Kammermusik- und Orchesterwerken - unüberhörbar. Niemals verleugnete er auch seinen individuellen kritischen Standort. So sah er, der unbeirrt an die Verbesserungsfähigkeit der Welt glaubte, in der Dummheit in musikalischen wie in allen übrigen Dingen das größte Hindernis menschlichen Fortschritts.

Hanns Eisler, der "Halbjude", wie es im Nazijargon hieß, musste 1933 emigrieren. Nach wechselnden Aufenthalten in Österreich, der ČSR, in Frankreich, Spanien, England und Dänemark fand er endlich 1938 in den USA eine neue Bleibe. In New York übernahm er eine außerordentliche Professur für Musiktheorie und Komposition an der "New School for Social Research", lehrte zeitweilig auch am Konservatorium in Mexiko. 1942 übersiedelte er nach Los Angeles, übte eine Lehrtätigkeit an der University of Southern California aus und war für Hollywoods Filmindustrie tätig. Mehrere seiner Filmpartituren wurden von der Akademie für Filmkunst preisgekrönt.

An Kompositionen entstanden in den amerikanischen Jahren neben den vorrangig geschaffenen Film- und Bühnenmusiken Klavier- und Kammermusikwerke, die Kammersinfonie op. 69, der z.T. zwölftönige Variationenzyklus "14 Arten den Regen zu beschreiben" - ein Werk, das Eisler für sein bestes Kammermusikwerk hielt und es Schönberg zum 70. Geburtstag widmete. Jahrelang beschäftigte er sich auch mit dem theoretischen Projekt "Filmmusik". Zusammen mit Theodor W. Adorno verfasste er das Buch "Composing for the Films", das 1947 in New York erschien, zwei Jahre später in deutscher Übersetzung im Ostberliner Henschelverlag.

Wegen seiner linken Haltung - der Vorwurf, der "Karl Marx der Musik" zu sein, war für ihn ein Kompliment - wurde Hanns Eisler im September 1947 zu einem dreitägigen Verhör vor das "Kongresskomitee zur Untersuchung unamerikanischer Betätigung", das berüchtigte McCarthy Tribunal in Washington, zitiert und aus den USA ausgewiesen. Er nahm eine Einladung in die Tschechoslowakei an. Im Mai 1948 traf er zusammen mit seiner Frau in Prag ein, wo gerade der II. Internationale Komponistenkongress tagte. Sein hier gehaltenes Referat "Gesellschaftliche Grundfragen der modernen Musik" war später eine wichtige Basis für theoretische Diskussionen der DDR-Komponisten.

Von Prag wandte sich Eisler zunächst nach Wien. Hier erreichte ihn im Folgejahr der Ruf aus Ostberlin. Im November 1949 komponierte er für die eben gegründete DDR die Nationalhymne "Auferstanden aus Ruinen" auf den Text Johannes R. Bechers. Er schuf damit gleichsam ein Paradigma für die nun sich quasi selbst verordnete neue Einfachheit seiner Tonsprache, die er nicht zuletzt in weiteren Werken in Zusammenarbeit mit Becher realisierte, in Jugendliedern etwa, die als "Neue Deutsche Volkslieder" etikettiert wurden, oder in der Kantate "Mitte des Jahrhunderts".

Ernste Gesänge als Abschied

Es wäre jedoch ungerecht, sämtliche Werke seines Spätschaffens, die nicht immer gleichwertig ausfielen, in diese Rubrik einzuordnen, wenn er nun auch auf Jazz- und Songelemente bzw. Einflüsse seiner Kampfmusikperiode weitgehend verzichtete. Die freundschaftliche Verbindung zu Brecht, die er über die Exiljahre hinweg bis zu dessen Tod 1952 in Berlin aufrecht erhielt, war für seine schöpferische Arbeit indessen nach wie vor prägend. Es entstanden weitere Theater-und Filmmusiken, Kinderlieder, Kantaten und schließlich 1961 sein letztes Werk, eine Musik des Abschieds, die ergreifenden "Ernsten Gesänge" für Bariton und Streichorchester nach verschiedenen Dichtungen von Hölderlin bis Stephan Hermlin. Eigentlich hatte er sein Œuvre mit der Oper "Johannes Faustus" krönen wollen. Doch sie wurde, ausgenommen wenige Skizzen, nicht komponiert, da ihm schon sein 1952 veröffentlichtes, selbstverfasstes Libretto heftigste engstirnige Kritik eingebracht hatte.

Am 6. September 1962 verstarb Hanns Eisler und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte beigesetzt. Angemerkt sei, dass 1990 sein Brecht-Lied "Anmut sparet nicht noch Mühe" für eine neue gesamtdeutsche Nationalhymne im Gespräch war.

Dieter Härtwig

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.09.2012

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