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Komik! Alle Kassen! - Jochen Malmsheimer begeisterte im Dresdner Wechselbad

Komik! Alle Kassen! - Jochen Malmsheimer begeisterte im Dresdner Wechselbad

Jochen Malmsheimers Verhältnis zu Buchstaben, Worten und ganzen Sätzen manifestiert sich auch in seiner äußerlichen Gestalt. Er, der bärtige Koloss aus Bochum, wandelt das Deutsche um in Kolosse derselben Bauart.

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Jochen Malmsheimer zu Gast in Dresden.

Quelle: Dietrich Flechtner

Batzen sind es, verwinkelte Konstruktionen lustvoll gedrechselten Kunsthandwerks. In Malmsheimers Wortarbeiter-Werkstatt vermutet Zuhörer Lust und Liebe. Ja, der Meister muss die Sprache abgöttisch lieben, denn ohne würde es nicht gehen. Beim 52-Jährigen landen so gut wie gar keine Menschen mit Namen auf der Schippe, keine tagesaktuell beschossenen Politiker, keine volksdümmlichen Musiker, höchstens mal ein Koch oder ein Ex-Sportreporter. Denn Malmsheimer bespielt - mit Betonung auf SPIEL - die Erste Liga der Komik und gehört zur Spitzengruppe im deutschsprachigen Raum. Hellebarden seien keine klugen Sänger, und "inkontinent" meine noch immer nicht "auf dem Festland" -

In der Zugabe des seit Wochen ausverkauften Abends im Wechselbad brach Jochen M. eine Lanze gegen den Sport. Es war das "Wurstbrot" der Veranstaltung, denn Malmsheimer ließ es natürlich aus, seinen am meisten geklickten Clip im Netz nur schnöde zu wiederholen, um billig auf der Begeisterungswoge zu surfen. Er kam mit dem Programm "Ich bin kein Tag für eine Nacht: Ein Abend in Holz", eine herrlich verdrehte Allegorie aufs linguistische Nirwana im Hier und Jetzt. Ähnlich wie sein Vor-Programm "Wenn Worte reden könnten oder 14 Tage im Leben einer Stunde" führt schon der Titel an die Hürde. Glatt mal so, ohne jede Anstrengung kommt man bei Malmsheimer nicht darüber hinweg. Der Teufel lauert noch im kleinsten Detail.

Der Mann, der mit Frank Goosen einst als "Tresenlesen" firmierte, erdigen Show-Blues sang und als Graukittel angemessen selten und dennoch regelmäßig die ZDF-"Anstalt" betreut, folgte dem Rat weiser literarischer und erst recht kabarettistischer Vorkämpfer, indem er Wörter nicht nur benutzt, sondern auch kreiert. Hochhuth kommt bei ihm vor dem Fall, beim Besuch seiner Stammkneipe sitzen aufgeschraubte Typen wie Ginsterbüsche herum, die nur Geräusche machen, statt zu artikulieren. Motto: "Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich gehört hab', was ich sage?" Macht das Sinn? Malmsheimer würde sich subfontanell in seinen erwachsenen Männerschrei hochschrauben, wenn er diese hier bewusst falsch geschriebene, aber tagtäglich vernehmbare Dreierkombination lesen müsste: "Sinn machen? Ich wär so gern dabei, wenn einer Sinn macht. Denn der Sinn ist das Ergebnis, wenn wir Glück haben, nicht die Tätigkeit."

Mit abstrusen Sätzen ("Nach Sekunden, die mir wie Sekunden vorkamen") und vor allem im murmelnden Bassbereich seiner voluminösen Stimme erinnert er durchaus an den Ruhrpott-Kollegen Helge Schneider. Im Tempo freilich nicht, da weht bei Malmsheimer ein Sturm. Er selbst nennt es "Komik! Alle Kassen". Sein Label nennt es "Wortgestöber", und es meint dieses Schlingern, mit dem der Preisgekrönte scheinbar ablenkt auf dem Weg zum Punkt, ganz gleich ob es ums rheinische Dachdeckerkonklave, die eigene Kochsendung im Heimradio oder diesen fulminanten zweiten Auftritts-Teil geht.

Dort bringt Malmsheimer einen durch Klänge vom Band untermalten halbstündigen Lesetext an drei Mikrophonen, der, explosiv zugespitzt, an Ottos legendären "Menschlichen Körper" erinnert. Es ist der Blick in den übersichtlich bestückten Kopf eines 17-Jährigen, der in einer Diskothek von einem ansehnlichen Mädchen angesprochen wird und antworten soll. Das Adrenalin in der Zentrale und die Mitarbeiter in der Wortfabrik haben mit dieser einzigartigen Herausforderung alle Hände voll zu tun.

Und mit diesem schon etwas betagten Stück ist Jochen Malmsheimer dann indirekt bei seiner neuen Doppel-CD gelandet, die den erneut rätselhaften Titel "Ermpftschnuggn trødå! - hinterm Staunen kauert die Frappanz" (Roof) trägt. Eineinhalb Stunden live mitgeschnittene Wort-Salti zwischen Psalmen der Sorge, Missverständnissen, Unverständnissen, Einverständnissen, Rätseln und Lösungen. Und auch hier mit dem brillanten "Deutsch meint einfach" eine genial arrangierte, aberwitzige Blende in die nationale Schaltzentrale von Buchstaben, Worten und ganze Sätzen mit Sitz in Mannheim.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.02.2013

Andreas Körner

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