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Kollektiver Rausch - Roland Kaisers Doppelgastspiel in Dresden

Kollektiver Rausch - Roland Kaisers Doppelgastspiel in Dresden

Jedes Jahr die gleiche Prozedur. Schlagersänger Roland Kaiser ruft - und die Dresdner strömen ans Elbufer. Rund 12 000 Besucher wollten den 60-Jährigen jeweils am Freitag und Sonnabend bei seinen Konzerten auf dem Filmnächteareal erleben.

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In Dresden mit Sicherheit ein Kaiser: Roland K. sang zweimal am proppevollen Elbufer.

Quelle: Patrick Johannsen

Und sie waren keineswegs die einzigen. Auf den Elbwiesen saßen mindestens noch einmal so viele Fans. Dresden und Roland Kaiser - seit 2003 eine Liebesbeziehung der besonderen Art. In wohl keiner deutschen Stadt wird der Sänger derartig vergöttert wie in Elbflorenz.

Da ist es nicht verwunderlich, dass Roland Kaiser seiner zumindest künstlerisch zweiten Heimat ein eigenes Lied gewidmet hat. "Affäre" heißt der Song, der am Freitag Premiere feierte. Mit Strophen wie "Dresden du Unbesiegte, Dresden du Heißgeliebte" bringt der Schlagerkaiser deutlich seine langjährige Verbundenheit mit der sächsischen Landeshauptstadt zum Ausdruck. Stilistisch hat er dies ähnlich umgesetzt wie in all seinen anderen Songs. Der Text von Roland Kaiser und Norbert Hammerschmidt zur Musik von Jack White und Peter Wagner löst die Aufgabe mit einem typischen Kunstgriff des Künstlers, der sich mit zwischen den Zeilen zu lesender Erotik einen Namen gemacht hat. Er erzählt von einer Frau, die ihn berauscht, seine Fantasie weckt, von einer Schönheit, die auch nach dunklen Nächten noch jung, sexy und unbesiegt strahlt.

Apropos jung. Auch des Kaisers Publikum ist erstaunlich jung. Statt der Generation Ü50, die man ausschließlich auf den Konzerten des 60-Jährigen erwarten würde, kommen auch zahlreiche Teenager oder Mittzwanziger zur "Kaisermania" ans Elbufer. Ein Fernsehmoderator beschrieb Kaisers Wandlung vom 80er-Jahre-Chartstürmer zum Kult-Kaiser einmal treffend mit dem Satz: "Roland Kaiser ist der einzige Künstler, der mit der einen Hälfte seines Publikums die andere Hälfte gezeugt hat." Was im Fernsehen schon lange nicht mehr gelingt, die generationenübergreifende Samstagabendshow, ist für Roland Kaiser, der mittlerweile seit 38 Jahren im Showgeschäft unterwegs ist, anscheinend kein Problem.

Nicht selten sah man bei seinem Dresdner Gastspiel Mütter und Väter, die noch ihr kleines Kind dabei hatten, oder junge Paare, die von ihrer Mutter oder Schwiegermutter begleitet wurden. Alt und Jung stimmten gemeinsam in bekannte Songs wie "Santa Maria", "Dich zu lieben" oder "Joana" ein. Gerade die beliebten, Jahrzehnte alten Hits, die Ronald Kaiser geschickt mit den neueren Liedern gemischt hat, waren es, die das Publikum zum Beben brachten. 40-jährige Frauen und Männer tanzten heiter und unbeschwert herum, als wären sie gerade in der Pubertät. Unzählige Fotos wurden gemacht. Der glückliche Augenblick sollte unbedingt festgehalten werden. Während die Besucher bei anderen Konzerten nur bei bestimmten Liedern mitsingen, waren die Fans der "Kaisermania" den ganzen Abend über Feuer und Flamme. Enthusiastisch schwenkten sie Wunderkerzen oder Feuerzeuge und sangen, so gut es ging, mit.

Auch Roland Kaiser zeichnete sich trotz einer noch immer recht neuen Lunge, die ihm im Februar 2010 wegen eines Lungenleidens ("Raucherlunge") transplantiert wurde, durch eine kräftige und feste Stimme aus. Dass er sich beim Singen seiner Lieder kaum bewegte, nahm ihm indes keiner übel, weil es niemand anders erwartete. Roland Kaiser ist ein Showprofi. Er weiß genau, dass er eher hölzern und steif wirkt, wenn er über die Bühne läuft. Aus diesem Grund unterlässt er es einfach.

Allerdings müsste er das nicht, denn gerade in Dresden läuft er wenig Gefahr, irgendetwas falsch zu machen. Seine bloße Anwesenheit lässt das Publikum ausflippen. Vom Arbeiter bis zum Akademiker, vom Dynamo-Fan bis zum Vorstandsvorsitzenden - alle sind für wenige Stunden eine große Kaiser-Gemeinde. Das mag trivial klingen und den einen oder anderen Intellektuellen oder denjenigen, der sich dafür hält, verschrecken, aber vielleicht sind es gerade die einfachen, stimmungsvollen und leicht mitzusingenden Texte von Liebe, Hoffnung und Sehnsucht, die die Menschen in einer immer komplexer und stressiger werdenden Welt für wenige Stunden von der manchmal erdrückenden Last des Alltags befreien. Die Zuschauer am Elbufer konnten von diesem Lebensgefühl jedenfalls nicht genug bekommen. Erst nach vier Zugaben ließen sie den Schlagerkaiser, der sich bei seinem Auftritt obendrein über Kaiserwetter freuen konnte, von der Bühne.

Kritische Geister mögen nun ketzerisch sagen: Wo ist die Botschaft, was nehmen die Menschen aus dem Konzert mit? Wahrscheinlich nicht viel. Dafür gehen sie glücklich und beseelt nach Hause. Das ist nicht wenig und manchmal wichtiger als jede intellektuelle Erkenntnis. Im diesem Sinne schwelgen die Fans in Harmonie, freuen sich auf das nächste Jahr und summen auf dem Heimweg leise "bis zum nächsten Mal, bis zum nächsten Traum...".

Stephan Hönigschmid

weitere Fotos vom Konzert im Internet unter www.dnn-online.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.08.2012

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