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"Königskinder" feiert Premiere in der Dresdner Semperoper

"Königskinder" feiert Premiere in der Dresdner Semperoper

Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Theater spielen Familienprogramme, in Opernhäusern meist gleichbedeutend mit "Hänsel und Gretel". Der Komponist Engelbert Humperdinck wird ja allzu oft auf diese Märchenoper reduziert.

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Die Regisseurin Jetske Mijnssen.

Quelle: Matthias Creutziger

Dabei hat der einstige Wagner-Assistent und große - sowie hörbare! - Verehrer des Dichter-Komponisten eine ganze Menge mehr komponiert. Auch für die Bühne, wie jetzt die Semperoper beweist. Heute gibt dort die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen mit Humperdincks Oper "Königskinder" ihr Dresden-Debüt.

Frage: Dieses fast vergessene Werk von Engelbert Humperdinck klingt sehr royalistisch. Sie kommen aus einem Land, in dem man noch an Königshäuser glaubt. Wird Ihre erste Opernregie in Dresden jetzt furchtbar feudal?

Jetske Mijnssen: Nein, überhaupt nicht, denn das Königliche betrifft hier das Innerliche, das tief Menschliche. So ist das vom Komponisten gemeint. Eigentlich müsste jeder Mensch den König in sich selbst suchen. Das Königliche heißt das Menschliche, das Gute.

Solche Worte werden heute gern unter dem Stichwort des Gutmenschentums ins Lächerliche gezogen oder sie gehören ins nichtssagende Repertoire politischer Sonntagsreden - Sie meinen das ernst?

Für mich geht es wirklich darum, dass man versucht, als Mensch menschlich zu sein. Dass man versucht, offen zu sein für das, was fremd ist, für das, was man nicht versteht. Offen zu sein für andere Menschen. Das wird in der Oper ganz klar gezeigt, dass wir aufpassen müssen, damit unsere Gesellschaft nicht in eine tiefe Egozentrik gerät, wo nur noch Aggression und Hass wirken gegen alles, was fremd ist. In den Niederlanden erleben wir gerade, wie sich Intoleranz wieder ausbreitet.

Was macht denn diese vor gut 100 Jahren entstandene Oper so aktuell?

Also, die Figuren im zweiten Akt sind extrem böse, aber aus einer Art Dummheit. Die sind genauso, wie wir heute böse sind anderen gegenüber. Die sind nur mit sich selbst beschäftigt, mit sich und ihrem Geld. Sie würden sogar den besten Freund betrügen, um auch an dessen Geld zu kommen. Das ist eine sehr schwarze Gesellschaft. Engelbert Humperdinck und seine Librettistin Elsa Bernstein haben das äußerst skurril skizziert. Ich glaube, das alles hat ganz viel mit uns zu tun.

Dabei musste Elsa Bernstein sich noch hinter einem männlichen Pseudonym verstecken!

Ja, Elsa Bernstein war eine jüdische Frau und sehr begabt. Das Interessante ist, sie lebte in München gerade an der Straße, wo Hitler immer seine Paraden abgehalten hat. Sie hat eigentlich Anfang der 20er Jahre schon alles kommen gesehen. Ihre Biografie ist unglaublich, sie ist am Ende ihres Lebens sogar nach Theresienstadt gebracht worden, ihre Schwester ist dort gestorben, sie hat überlebt.

Eigentlich hat sie die Gesellschaft, die sie in "Königskinder" beschrieben hat, in ihrer eigenen Biografie erleben müssen, erst tatsächlich vor ihrer Tür, dann sogar in ihrem Privatleben, das ist eine unglaublich krasse Situation. Und genau das haben wir, der Ausstatter Christian Schmidt und ich, als Ausgangspunkt genommen für unsere Inszenierung. Sie spielt in den 30er Jahren, aber komplett ohne NS-Symbolik. Wir wollten ein theatrale Welt darstellen, die eine Verbindung mit uns, mit dem Heute hat.

Das Stück ist zwar auch ein Märchen, aber überhaupt keine Vorstellung für Kinder. Das ist ein Stück, womit sich Erwachsene auseinandersetzen sollen. Humperdinck greift uns und sagt: So! Jetzt kommt mal mit mir in diese Geschichte rein!

Die "Königskinder" treten als Gänsemagd und Schweinehirt auf, sollten eigentlich das Erbe eines verstorbenen Königs antreten, werden von den reichen und satten Bürgern aber verlacht und verstoßen. Schließlich erfrieren sie hungrig im Schnee. Was hat dieser fiktive Ort, an dem das spielt, mit dem Dresden von heute zu tun?

Seit ich in Dresden bin, stecke ich jeden Montag in diesen Demonstrationen fest. Es hat mich sehr angegriffen, wie aktuell hier gerade dieses Ausländerthema ist. Das ist absolut fragwürdig und schockierend, ganz ehrlich. Ich bin sehr davon angetan, gerade in diesem politischen Umfeld diese Oper spielen zu dürfen. Es berührt mich auch sehr, dass es immer so viel Pro und Kontra gibt. Das sind wirklich zwei Stimmen, die ganz laut aufschreien in der Gesellschaft. Das macht unsere Aufführung unerwartet aktuell.

Meinen Sie denn, dass Kunst in den Alltag eingreifen und der Gesellschaft etwas vermitteln kann?

Ich hoffe, dass Kunst eine Art Bewusstsein erwecken kann. Was wir sagen wollen, ist eigentlich: Pass auf! Pass auf dich selbst auf. Weil, das ist das Interessante, glaub ich, man muss nicht anderen Menschen Vorwürfe machen. Man muss bei sich selbst anfangen und fragen, wie tolerant bin ich denn? Inwieweit kümmere ich mich noch um andere? Oder bin ich auch schon nur noch damit beschäftigt, mein eigenes Geld zu scheffeln und es mir so bequem wie möglich zu machen? Wir sagen immer, es geht gut, wenn es mir selbst gut geht. Ich glaube, das ist eine grundsätzliche Frage, die diese Oper stellt, und ich kann nur hoffen, dass diese Frage irgendwie in jedem von uns entsteht: Wie sieht es bei mir aus?

Premiere "Königskinder": heute, 19 Uhr, Semperoper Weitere Termine: 22., 29.12.2014 sowie 3., 11., 17., 25.1.2015

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.12.2014

Michael Ernst

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