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"König Lear" als modernes Endzeitdrama an den Landesbühnen Radebeul

"König Lear" als modernes Endzeitdrama an den Landesbühnen Radebeul

Am Anfang die Torte: King Lear verteilt symbolisch sein Reich unter den drei Töchtern. Die beiden vermählten, Goneril und Regan, holen sich ihren Teil per Liebesschwur zum Vater - unter Beifall in ein Mikrofon geheuchelt - und erweitern so die Machtsphären ihrer Herzoge von Albany und Cornwall.

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Drei unechte Narren umgeben den wirren Lear (Olaf Hörbe, 2.v.r.) nach Sturz und Sturm: Grian Duisberg (Edgar), Cordula Hans (Cordelia) und Frank Siebers (Graf von Kent, v.l.).

Quelle: Hagen König

Kühl, wie bei einer Aufsichtsratssitzung in einem hohen Banktrutzturm, geht es zu - nur Cordelia (Cordula Hanns), als jüngste noch ohne Haube, verweigert den scheinheiligen Diplomatenakt. So landet sie, dank Lears Tobsucht, mit dem Gesicht in der Torte und wird zur Strafe - verstoßen und enterbt - Königin von Frankreich. Und zugleich - mit dem Tortengesicht - Lears Narr.

Zwei weitere vom König verstoßene Getreue bekleiden sie quer durch den Shakespeare'schen Intrigenstadl: Der Graf von Kent (Frank Siebers), verkleidet als Hartzer mit Sandalen, und der von seinem Halbbruder betrogene Edgar (Grian Duesberg), Sohn des Grafen von Gloster, der als nackter, schwarzgepuderter und halbverrückter Tom durch die Gegend vagabundiert. Beide für ein Doppelleben klar genug im Kopf und behende im Nahkampf. So bekleiden und betreuen letztlich drei falsche Narren den wahren: ihren König.

Nun war jener amtsmüde, zynische Witwer Lear (Olaf Hörbe) auch schon vor seiner zunehmenden Demenz nicht der Hellste: Er wollte, so als Gegenleistung für seine Abdankung, abwechselnd bei seinen Töchtern wohnsitzen, gemeinsam mit einhundert Vasallen, die sich - heuer in SEK-Optik - natürlich schlecht benehmen. So fliegt erst die Hälfte seiner Mannschaft, dann er selbst bei Goneril (Julia Vincze) und ihrem Herzog von Albany (Matthias Henkel) raus. Doch ehe er bei Regan (Sophie Lüpfert) und ihrem Herzog von Cornwall (Mario Grünwald) ankommt, ist Gonerils Bote schon da - und die gemeinsame Entwo(e)hnungsstrategie greift. Diese komplexe soziale Problemmaterie wird gezielt vom Bastard des Grafen von Gloster (Michael Heuser) verschlimmert - jener fiese Edmund (Michael Berndt), der als "natürlicher Sohn" den arglosen, aber rechtmäßigen Edgar vertreibt und jede Gelegenheit nutzt, um nach oben zu stürzen. Zum Schluss hat er sogar, vermutlich mit Machtgeilheit, beide Thronfolgerinnen bezirzt und sich reihum verlobt, obwohl es nur Regan schaffte, sich zwischenzeitlich zu verwitwen.

Olaf Hörbe, nun schon seit über 36 Jahren an den Landesbühnen, spielt den erst dank seiner Verwirrung weisen König, der nur durch harten Machtverlust emotional geläutert wird, mit großer Hingabe - kraft seiner Erfahrung gelingt ihm der schwierige Spagat, um zwischen Ekelchef und "Onkelchen", wie ihn sein Narr liebevoll nennt, hin und her zu switchen und dennoch beim Publikum eine gewisse Empathie zu erhalten. Mit Cordula Hanns als glasklare, herzensgute und stimmgewaltige Cordelia sowie Frank Siebers als schlauem Helfershelfer hat er präsente Mitspieler, die er bei dieser Frontstellung auch braucht.

Matthias Henkel spielt den zerrissenen, Mario Grünwald den brutalen Herzog, Michael Berndt einen hemmungslosen Fiesling. Ihre beiden Damen, Julia Vincze und Sophia Lüpfert, stehen in Bosheit und Skrupellosigkeit keineswegs nach und sterben ebenso aufregend wie Johannes Krobbach gleich zweimal. Michael Heuser hat seine große Szene, als er blutig, ohne Augen, seinen Sohn erkennt und dieser ihm die Abbitte gewährt. Jenem Grian Duesberg ist es in seiner ersten großen Radebeuler Rolle vergönnt, per langem Schwertkampf (Kampfchoreographie: Holger Kahl) das Böse in Form seines Halbblutes endgültig zu besiegen.

Marcelo Diaz inszeniert das Ganze gekonnt in zwei Welten: die der zerlumpten Irrfahrt und die der gelackten, aber brutalen und überaus heutigen Macht. Ausstatterin Ulrike Kunze serviert ihm dafür nur einen, meist gol-denen Kettenvorhang im Hintergrund und anfangs einen Teppich, mit dem sich auch kämpfen lässt. Beide verbrauchen reichlich Theaterblut, um die Gewalt der Story zu illustrieren, aber gleichzeitig wird durch die un-natürliche Blutrunst klar: alles nur Theater.

Sicher könnte man hier und da straffen oder stringenter handeln. Oder im Kontext der Kostümierung schlicht rumballern, statt es edel auszufechten oder -stechen. Doch wozu? Eine Fassung unter drei Stunden (samt Pause) würde viel an Text rauben, der in der griffigen Übersetzung von Rolf Schneider, wo auch mal "impliziert" oder gar "gefoppt" wird, nichts an Kraft und Würde verliert.

Nach dem ewigen Sturm, der aufgrund der Kenntnis jener mächtigen Parallelwinde am Originalschauplatz während der Samstagspremiere noch schauriger wirkte, und der folgenden Pause wird die Dramatik noch gesteigert. Es kommt zum Showdown zwischen Wahnwitz und Kriegsirrsinn, zwischen England und Frankreich, zwischen den drei Schwestern und zwischen den Halbbrüdern. Die Zahl der Überlebenden beläuft sich am Ende auf drei - schon allein die Szene, wie Lear aufgrund seiner um ihn herum drapierten Töchter leidet und stirbt, macht den Abend zu bleibendem Theater.

So beschert Diaz Sachsen (und via Landesbühnen vor allem den theaterlosen Kulturräumen) wohl den stärksten tragischen Shakespeare seit Jahren: textbasiertes kraftvolles Schauspieltheater mit ausbalanciertem Ensemblespiel, fast ohne Firlefanz.

nächste Vorstellungen an den Landesbühnen Radebeul am 13. März sowie 4. & 13. April; außerdem am 14. März im Kulturhaus Freital und am 23. März im Kulturschloss Großenhain.

www.landesbuehnen-sachsen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.02.2014

Andreas Herrmann

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