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Köln und Dresden bringen gemeinsam Aufstieg und Fall der "Lehman brothers" auf die Schauspielbühne

Köln und Dresden bringen gemeinsam Aufstieg und Fall der "Lehman brothers" auf die Schauspielbühne

Ist das noch Gegenwart oder schon Geschichte? Da gab es einmal eine Weltfinanzkrise, da brach eine Sachsenbank zusammen, da ging sogar ein sächsischer Ministerpräsident namens Georg Milbradt.

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Szene aus der Schauspielinszenierung "Lehman brothers".

Quelle: David Baltzer

Der erste Stein des Dominos trug den Namen "Lehman brothers", eine unkaputtbar scheinende amerikanische Bank, die sich an faulen Immobilienkrediten verschluckte und die weltweite Blase wunderbar vermehrten ungedeckten Geldes anpiekste. Solche peinlichen Episoden liegen schon unendlich lange zurück, man schrieb das Jahr 2008, und inzwischen scheinen zumindest aus Sicht unserer Wohlstandsinsel Krisen etwas für die anderen zu sein.

Es hat denn auch im Wortsinn etwas Fabelhaftes, wie der vierzigjährige italienische Autor und Theaterleiter Stefano Massini die Geschichte der ausgewanderten jüdischen Gebrüder Lehmann aus dem bayerischen Rimpar erzählt. 243 Textseiten, am Dresdner Staatsschauspiel auf dreieinhalb Stunden Vorstellungsdauer gekürzt. Die Fakten stimmen, und doch mutet dieses Langgedicht wie eine Legende, wie eine Sage an. Weniger wie eine Familiensaga, denn zwischen den Menschen spielt sich schon in den Gründerjahren nach 1844 nicht allzu viel ab. Das Personale reduziert sich in den eineinhalb geschilderten Jahrhunderten mehr und mehr, Charaktere verzerren sich zu Grimassen und verschwinden unter dem Effizienzdiktat des fortschreitenden 20.Jahrhunderts ganz.

Verallgemeinerbare Exkurse

Massini kam es offensichtlich in erster Linie darauf an, die subtilen und in zyklische Katastrophen führenden Mechanismen kapitalistischer Expansion exemplarisch darzustellen. Nicht wie Marx, nicht im Stil einer Vorlesung, sondern entlang der handelnden Personen. Verallgemeinerbare Exkurse, die Finanzökonomie in Schönsprache fassen, erhellen Zusammenhänge. Schade nur, dass dem auch auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses spürbaren Rationalisierungszwang ausgerechnet Passagen über das Vertrauen als Grundlage des Geschäfts der Banken zum Opfer fielen. Die borgen sich das Geld ihrerseits ja auch nur.

Zwei von drei Teilen des Großwerks klingen nach einer Erfolgsgeschichte. Henry, Emanuel und Mayer Lehman verlegen sich in den Südstaaten anfangs auf die typische Händlerfunktion in der expandierenden Baumwollbranche nach dem Motto "billig einkaufen, teuer verkaufen". Sie erweitern ständig ihre Geschäftsfelder, streiten über konventionelle und unkonventionelle Geschäftsmodelle, überstehen Krisen, gründen eine Bank. Der Text endet eigentlich beim Verkauf von Lehman brothers an American Express im Jahr 1984.Den Zusammenbruch von 2008 hat die Regie gewissermaßen extrapoliert und in einem Flashlight-Gewitter nur angedeutet. Was es dazu zu sagen gäbe, findet sich bezeichnenderweise schon beim Schwarzen Freitag, dem Börsencrash von 1929.

Nach der preisgekrönten Uraufführung 2013 in Paris taten sich nun das Dresdner Staatsschauspiel und das Schauspiel Köln für die deutschsprachige Erstaufführung zusammen. Im März 2016 gibt es dann die zweite Premiere am Rhein. Dem Kölner Intendant Stefan Bachmann gelang in Dresden eine stringente Umsetzung der Vorlage. Massini weist in seinem Epos keine Theaterrollen zu, scheint in kursiv gedruckte Passagen lediglich Dialoge zu empfehlen. Die sieben durchweg männlichen Spieler treten folglich in zahlreichen Rollen und in mehrfacher Funktion auf. Sie berichten die umfangreichen narrativen Passagen, schlüpfen in die jeweiligen Rollen und kommentieren zugleich sich selbst.

Es geht in einem ans Pathetische grenzenden Text um Milliarden und unvorstellbaren Reichtum. Hintersinnigerweise herrscht dagegen auf der Bühne Kargheit. Bei einem Bühnenbildner wie Olaf Altmann auch so zu erwarten, ein fast leerer Zeit-Raum bis zum Sternenhimmel. Vorn aber dominiert eine monströse Maschine mit drei drehenden Hämmern. Sie ist mehr als die leitmotivisch erwähnte Spieluhr, assoziiert Riesenrad, Ölförderpumpe, Hammer und Sichel. Die Leere der Bühne korrespondiert mehr und mehr auch mit der Sinnenleere dessen, was der materialistische Zeitgeist unter Erfolg versteht. Fassungslos verabschieden sich die Lehman-Generationen, erscheinen als die eigenen Epigonen. Wer hat hier wirklich etwas gewonnen? Der Erfolgstaumel der Nachkriegsjahre wirkt da nur wie ein makabrer, kurzer Rausch.

Die sterilisierende Wirkung des zum Wachstum verurteilten Systems macht sich auch in der Inszenierung Bachmanns bemerkbar. Vom manchmal bemüht wirkenden Pathos der Vorlage bleibt in der szenischen Umsetzung ohnehin nicht viel Feierliches übrig. Eher schon die Ironie, der lange Abend läuft nicht humorfrei. Man kann sogar nachsehen, dass Sascha Göpel und Philipp Lux zum Gaudi des Publikums in die beiden kurzen Frauenrollen schlüpfen müssen, denn auch sie sind nur Bausteine dieser maskulinen Welt. Lux und auch Ahmad Mesghara brillieren einmal mehr mit ihrem Vielseitigkeitstalent.

Ohne Penetranz und Agitation

Eine latente Kälte und Distanziertheit macht sich zunehmend auch im Spiel breit. Man darf Absicht dahinter vermuten. Ohne die Cholerik von Torsten Ranft als Emanuel wäre schon der erste Teil möglicherweise etwas zäh geraten, der mit der Einreise des Bilderbuchjuden Heyum Lehmann, amerikanisiert als Henry Lehman und gespielt von Thomas Müller, noch sympathieheischend beginnt. Mit Jörg Ratjen als Philip beginnt der Abschied von den Patriarchen. Simon Kirsch braucht nur wenige Auftritte, um den eiskalten Trader und Flegel Glucksman zu markieren.

Ohne Penetranz und Agitation stellen Autor und das zwischen Elbe und Rhein günstig gemischte Ensemble die dringende Frage: Was wächst hier eigentlich und wozu? Im Epilog kriegen sich die auferstandenen Herren der Lehman-Dynastie kichernd wie die Kinder gar nicht mehr ein bei dem Gedanken, ihrer verstorbenen Bank die Totenehre nach jüdischem Ritus zu erweisen. Nichts bleibt. Das Räderwerk aber dreht sich unerbittlich weiter. Faites vos jeux!

Aufführungen wieder 10. und 22. Juni im Dresdner Schauspielhaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.06.2015

Michael Bartsch

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