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Kleines Volk - große Literatur - Der Dresdner Klaus Oehmichen legt die erste Anthologie mongolischer Poesie vor

Kleines Volk - große Literatur - Der Dresdner Klaus Oehmichen legt die erste Anthologie mongolischer Poesie vor

"Ein kleines Völkchen, aber mit großen literarischen Traditionen." So nennt Klaus Oehmichen die Mongolen. Rund drei Millionen - etwas weniger als in Berlin - leben auf einer Fläche, die viereinhalb Mal so groß ist wie Deutschland.

Dichtung allerdings ist dort hoch angesehen. Lyriklesungen werden von Radio und Fernsehen übertragen. Auflagen von Gedichtbänden sind, gemessen an der Bevölkerungszahl, höher als in Deutschland. Und doch wissen viele von dem Land am ehesten etwas aus Filmen wie "Die Geschichte vom weinenden Kamel".

"Würde man die mongolische Lyrik in die Sprachen der Welt übertragen, könnte man ein Land erleben mit einer wunderbaren Poesie", hat der Dichter Bawuugijn Lchagwasüren einmal in einem Gespräch mit Klaus Oehmichen bemerkt. Doch Übersetzungen gebe es nur wenige, sagt Oehmichen. Dazu meist miserable. Also hat er sich selbst dran gemacht. Nach mehrjähriger Arbeit hat er jetzt unter dem Titel "Es wandern die Zeiten unter dem ewigen Himmel" die erste Anthologie mongo- lischer Poesie in deutscher Sprache vorgelegt.

Die Rohübersetzungen hat er sich von einer befreundeten Mongolin in Regensburg und einer Berliner Mongolistin anfertigen lassen. Oehmichen selbst spricht diese Sprache nicht, bezeichnet sich als "Seiteneinsteiger". Er hat ausgewählt und nachgedichtet.

Entstanden ist die Sammlung in seiner Wohnung in Dresden-Bühlau. Hier lebt der Lehrer für Deutsch und Geschichte, geboren 1942 in Hamburg, seit 1950. In seinem Ruhestand seit 2005 hatte er genügend Zeit, an den Versen zu feilen.

Schon als Junge hat der leidenschaftliche Vielleser Reisebeschreibungen über Asien verschlungen. 1976 bekam er eine Sammlung mongolischer Erzählungen aus der "Erkundungen"-Reihe des Verlags Volk und Welt in die Hände. Die löste eine Initialzündung aus. Seither hat er seine zahlreichen Bücherregale mit allem aufgefüllt, was an Übersetzungen existiert.

1985 ließen ihn die DDR-Behörden nach mehreren vergeblichen Anträgen zum ersten Mal mit einer Gruppe in die Mongolei reisen. Seither ist er mehrere Male dort gewesen.

Mit ihm Barbara Große, seine zweite Frau. Von ihr stammen die Illustrationen in dem Gedichtband. Aquarelle, Landschaften natürlich. "Wenn man durch diese mongolischen Weiten zieht, wird man ganz unwichtig", sagt sie, hält eine der großformatigen Farbfotografien hoch, die sie damals gemacht hat. Es ist diese Einfachheit, die sie sofort fasziniert hat. "Mitten in der Landschaft die Jurte, das Dach über dem Kopf, aufgebaut in einer Stunde. In deren Mitte der Ofen, Wärmespender und Kochstelle. Gefeuert mit Viehdung. Das Wasser holt man draußen vom Bach."

Dazu Toleranz, Wissensdurst, Offenheit. "Werte, die seit jeher den nomadischen Viehhirten eigen sind", sagt Klaus Oehmichen. Und vor allem Gastfreundschaft, gerade einem Fremden gegenüber wie ihm. Er nimmt einen himmelblauen Seidenschal von der Wand, einen Chadag. Legt ihn über die Hand, stellt eine verzierte Silberschale darauf. "Die muss man sich gefüllt mit Schnaps aus vergorener Milch vorstellen. So wird man begrüßt."

Von diesem genügsamen Leben inmitten in einer übermächtigen Natur erzählen diese Verse. Sie nachzudichten, sei nicht einfach gewesen. Stilmittel wie Alliteration, also der Reim im Anlaut oder in der Wortmitte, sind verbreitet. Ebenso wie parallel aufgebaute Verspaare. Hinzu kommen Eigenheiten, die nur aus dieser Kultur verständlich sind. Hürden, die Oehmichen umgehen musste.

Bewahrt hat er Tonfall, Intonation, besonders aber die Metaphern. Mit dieser Fülle an Sprachbildern wird man in dem Band reichlich beschenkt. Wo immer man ihn aufschlägt, funkeln einem die Fügungen entgegen: "Wie erfroren hasenhelle Jurten geduckt unterm eisigen Wind. / Der Hügel lauscht hinab ins lichtumspülte Tal", heißt es etwa bei Otschirbatyn Daschalbar. Und bei Bawuugijn Lchagwasüren: "Weht der Wind in leichtem Passgang, bekommt der See Gänsehaut".

Starke Emotionen fallen einem als Besonderheit auf. Diese Verse scheinen mehr den menschlichen Sinnen als dem Kopf entsprungen. Selbst lebensphilosophische Weisheiten sind noch in eine Landschaft gebettet. Die Bergesrücken und Wälder des Nordens, die Wüsten und Dünen des Südens besingt Daschdordshijn Nazagdordsh. Seen, Flüsse, Steppengras, unendliche Weite. Dazu begegnet uns eine innige Beziehung zur Mutter, auch Großmutter, ein starkes Band zwischen den Generationen.

Auf 108 Gedichte hat sich der Herausgeber beschränkt, in Anlehnung an die heilige Zahl der Perlen in den Gebetsketten des tibetischen Buddhismus, neben dem der Schamanismus, die "Urreligion", bis heute lebendig ist.

Der Band beginnt mit frühesten Zeugnissen, "Weisheitssprüchen des Tschingis Chaan" aus dem 13. Jahrhundert. Die meisten Beispiele stammen aus den 1960er bis 1990er Jahren, aus den Werken der "Goldenen Generation", einem Höhepunkt der mongolischen Dichtung. Die jüngsten Gedichte setzen die Bedrohung von Natur und Tradition durch rücksichtslose Industriemoderne und Flucht vom Land in die wachsende Millionenmetropole Ulan Bator in beunruhigende Bilder. Auch gesellschaftskritische Töne klingen an.

Die Zusammenhänge erklärt uns Klaus Oehmichen in seinem Nachwort, mit dem ihm eine komprimierte Kultur- und Literaturgeschichte der Mongolei gelungen ist. Ein Verzeichnis mit Personenangaben und Erläuterungen, eine Art Autorenlexikon, rundet das Ganze ab. So schmal der Band wirken mag, er offenbart Schätze einer Poesie mit einer elementaren, faszinierend fremdartigen, doch anrührenden Bildsprache.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.06.2014

Tomas Gärtner

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