Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 18 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Kleiner Grenzverkehr - österreichisch/ ungarisches Ensemble kurz vor dem Mauerfall

Kleiner Grenzverkehr - österreichisch/ ungarisches Ensemble kurz vor dem Mauerfall

"Wenn man von den Mauerspechten spricht, dann waren wir mit unserer Österreichisch-Ungarischen Haydn-Philharmonie sicher auch welche. Zwischen beiden Ländern gab es im Gründungsjahr 1987 natürlich immer noch eine schwer bewachte Grenze, aber auch schon so etwas wie eine Relativierung des Eisernen Vorhangs aus den gemeinsamen alten K.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Deutsche Erstaufführung in der Dresdner Semperoper: Ronnefelds "Nachtausgabe"

Schloss Esterhazy im österreichischen Eisenstadt.

Quelle: Christian Fürst

u.K.-Zeiten heraus. Möglichkeiten, die viel größer waren, als man sich das zum Beispiel in Ostdeutschland je hätte vorstellen können, und die wir mit unserem Orchester ausgenutzt haben: Musiker aus beiden Ländern, Konzerte auf beiden Seiten. Als die Grenze dann am 11. September 1989 für alle - auch die in Ungarn wartenden DDR-Bürger - geöffnet wurde, liefen hier in Eisenstadt gerade die Haydn-Tage. Plötzlich waren die Straßen voll mit verlassenen Trabis, überall sah man Flüchtlinge und schnell eingereiste deutsche Beamte, die sich um erste Hilfe und Logistik zu kümmern versuchten. Schlaflose Nächte - genau wie zwei Monate später beim Fall der Berliner Mauer-"

Der Dirigent Adam Fischer wird den größten Teil des Herbstes in New York verbringen, wo er an der MET dirigiert. Aber vorher war sein Kalender durch die Eisenstädter Haydntage belegt - wie schon seit 26 Jahren und, wenn es nach den Träumen des Mittsechzigers geht, gern auch noch 26 weitere. Wenn das Abschlusskonzert "seiner" binationalen Philharmonie mit dem Finale von Haydns Abschiedssinfonie endet und die Musiker getreu der überlieferten Anekdote gruppenweise vom Podium verschwinden, liegt darin immer auch das Versprechen, sich übers Jahr wieder zu sehen - mit konstanter Treue zu Joseph Haydn, dem Mann, der in dieser Region seine entscheidenden Prägungen erfahren hat. Und das nicht erst, als er hier in Diensten der Esterhazys jahrzehntelang lebte und arbeitete, sondern schon seit seinen Kinderjahren: Haydns Geburtsort Rohrau liegt gerade mal eine Tageswanderung von Eisenstadt entfernt.

Es gibt Punkte im österreichischen Burgenland, wo man nach der einen Seite, in Richtung Steiermark, schroffe Alpengipfel sehen kann und nach der anderen, gegen Ungarn hin, hinter der flachen Riesenpfütze des Neusiedler Sees jene waldlose, staubig verflimmernde Steppe, die sich über hunderte Kilometer bis zu den Karpaten erstreckt. Eine Sehnsuchts-Weltlandschaft wie auf den nordalpinen Fernschau-Bildern der Renaissance, zu deren Komplettierung eigentlich nur noch ein Stück offenes Meer fehlt; ohne Schornsteine und Kühltürme, modern akzentuiert allenfalls durch die nach Wien einschwenkenden Flugzeuge und die Reklameposter entlang der Hauptstraßen. Man kann die Gegend, je nach dem Grad der eigenen Urbanisierung und Stressbelastung, märchenhaft oder verschnarcht finden - aber es ist immer noch Haydns Landschaft, es sind seine Panoramen und, nicht zu vergessen, seine authentischen Aufführungssäle, die später zwar noch optische, aber keine entscheidenden akustischen Veränderungen mehr erfahren haben.

Bekannt war das immer, doch nach der Etablierung des Eisernen Vorhangs war das Burgenland über Jahrzehnte ein toter Winkel und die mächtige Esterhazy-Residenz in Eisenstadt eine Art Dornröschenschloss geworden. Noch Haydns 250. Geburtstag 1982 ging hier fast spurlos vorüber, was freilich bald als blamabel empfunden wurde und jenes politisch wie künstlerisch kühne Projekt antrieb, das dann 1987 mit der Zweiländer-Philharmonie und ein Jahr später mit der Etablierung der Haydn-Festtage verwirklicht wurde: ein Zusammenwirken über die Blockgrenzen hinweg. Auch die Ostseite hatte daran in Gestalt von Kadars diskret liberalisiertem "Gulaschkommunismus" ihren Anteil: ungarische Bürger durften seit den 70er Jahren - streng limitiert zwar und erschwert durch viel Bürokratie, Unsicherheiten und Wartezeiten - die österreichische Grenze passieren, dazu gab es einen relativ freizügigen Wissenschafts- und Kunstaustausch.

Auch der junge Adam Fischer profitierte davon, als er nach seinen Budapester Anfängen in Wien weiter studieren konnte - "und dort bekam ich mit, dass es immer noch gemeinsame Traditionen, eine kompatible Stilistik gab, dass Österreicher und Ungarn einfach miteinander konnten". So war er, als die Wiederbelebung der alten Haydn-Orte als Herausforderung auf ihn zukam, gut gerüstet und hat seitdem eine Lebensaufgabe gefunden, die unter anderem zu einer Kompletteinspielung aller Haydn-Sinfonien führte.

Man könnte sagen: die politische Sensation der Gründungszeit hat sich, obwohl im Ensemble immer noch zweisprachig deutsch und ungarisch kommuniziert wird, mittlerweile erledigt. Umso mehr aber dominiert jener Aspekt, der das Unternehmen schon von Beginn an ideell trug: das Abenteuer Haydn in unverkümmerter Freiheit und Frische erlebbar zu machen. Neben Fischer, dem künstlerischen Leiter, ist auch Festival-Intendant Walter Reicher schon fast von Beginn an dabei: beide zusammen kommen auf 52 Jahre im Dienst des Klassikers - eine weltweit wohl einmalige Konstellation und so etwas wie ein zusätzlicher statistischer Beweis für die Faszination jener Verbindung von behüteter Regionalität und aufklärerisch weltumfassender Geisteshaltung, die man in dieser Weise nur hier erleben kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.10.2014

Gerald Felber

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr