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"Kleider machen Bräute": Das Sommertheater im Dresdner Bärenzwinger ist fest in Amazonenhänden

"Kleider machen Bräute": Das Sommertheater im Dresdner Bärenzwinger ist fest in Amazonenhänden

Natürlich war damals alles bisschen anders. Herakles, gezeugt von Zeus und geboren von Alkmene im wohligen Glauben, es sei ihr Gemahl Amphitryon, der sie wie wild schwängerte, war ein Kind der Doppelliebe.

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Wie im Sandalenfilm: Drei Amazonen (Christine Scheibe, Guylaine Hemmer und Cathrein Unger, von links) werben um Herkules (Tobias Wollschläger) und Zeus (Benjamin Elstner).

Quelle: PR

Denn Alkmene hat "nicht nur scheeene Beeene", wie der göttlichste Verführer in Gestalt des Gatten treffend reimt, sondern ist nach langen Jahren der kriegsbedingten Entbehrung (oder gar Entbärung) überaus empfänglich für Zärtlichkeiten aller Art.

Doch Zeus treibt es hier genau wie Amphitryon gern auf der Ottomane - und schon sind wir aus Theben zurück im Herkunftsland des Stückes, dem der verdichtenden Denker, aus jenem nun "Kleider machen Bräute" entsprang, denn die Handlung switcht immer wieder zweieinhalbtausend Jahre vorwärts in die Jetztzeit und den realen Ort des Geschehens: den wasserdicht verglasten Hof des Dresdner Bärenzwingers.

Das fast zweieinhalbstündige Drama in lauschiger Lage mit rascher Bewirtung könnte auch "Neider machen Beute" heißen, wichtig ist der Titelzusatz "Ein Shakespeare von den Amazonen", den Impresario Peter Förster auch seinem elften Sommertheaterstück im Bärenzwinger angefügt hat. Kenner der Company wissen: Es spielt - seit dem Start mit "Der Schwarze Bär - ein Shakespeare von Goethe" anno 2004 noch bei offenem Hof - ein Quintett von freien Schauspielprofis, allesamt in (oft mehreren) Hauptrollen, es geht halbwegs gereimt derb-witzig zu, aber viele feinsinnige Pointen Försters, der neben der Organisation und dem Einlass auch Text und Regie verantwortet, bedürfen einer Bedenkweile, um nachhaltige Wirkung zu entfalten. Zumal sie von mehr oder minder subtilen Gags aus dem politischen Alltag ergänzt werden.

Nun geht es also in die weiten Felder der antiken Mythologie, die leicht dazu einladen, sich - wie viele Götter und/oder ihre Chronisten - schlicht zu verzetteln. Da hilf nur Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche. So wird hier Herkules, grandios debil von Tobias Wollschläger eingeführt, sein parallel vom eigentlichen Vater gezeugter irdischer Zwilling namens Iphikles ganz vorenthalten. Dafür gerät schon die Geburt des Helden, später als Schützling der Athene für den Schutz der Sportstätten und Paläste sowie als Orakelgott gut beschäftigt, gespielt von Christine Scheibe und adjutiert von Cathrein Unger als harscher Hebamme, die ob des Gequatsches "der Muddi" mittendrin per herrlichem Anfall kündigt, zum lachanfälligen Höhepunkt.

Parallel zum einigermaßen original verfolgten Heldenlebenslauf des kräftigen Jünglings, der ob einer List seines Vaters unsterblich wird und dank Heras prallen Brüsten nebenher die Milchstraße illuminiert, werden diverse weitere Liebes-, also Intrigengeschichten in abstrakter Annäherung erzählt: Alkmene versus Ampitryon, Hera versus Zeus und (als wichtigste) Hyppolyte versus Herkules heißen die Paarungsansetzungen. Wobei Hera, mit Guylaine Hemmer als 1,82 hoher Blondine passend besetzt, die sich als Hüterin der olympischen Asservatenkammer dank Keuschheit schwer zu Zeus' Eheweib hocharbeiten musste, aufgrund mit Eifer suchenden Leidenschaft den Abstecherzögling mit allen Mitteln bekämpft, vor Athenes Schutzpräsenz kapitulieren muss.

"Halt!" rufen hier die Gralshüter der Mythologie, "das war alles ganz anders." Vielleicht, aber im Bärenzwinger wird - im Gegensatz zu Literatur wie Leben - traditionell auf überraschende, dafür glücksheischende Finals gesetzt. So gönnt Förster nach einem Schnelldurchlauf von elf der zwölf unmenschlichen Prüfungen, in denen Herkules diverse Untiere (wie Kerynitische Hirschkuh, Erymanthischen Eber oder Kretischen Stier) einfängt oder gar (wie Nemëischen Löwen, neunköpfige Hydra oder Stymphalischen Vögel) ausrottet, seinem Recken eine leibhaftige Liebesgeschichte mit Amazonenkönigin Hippolyte, deren Gürtel er eigentlich ohne sie darin rauben soll-

Tobias Wollschläger, im Vorjahr bei der musketierischen Adaption "Eine für alle" noch gleichzeitig Porthos und Herzog von Buckingham, ist heuer der kräftig wohlgelaunte Wonneboy, der alle im Griff hat und weibliche Tücke mit natürlicher Schlichtheit locker unterläuft. Alle anderen sind geschickt in zueinander passenden Multirollen verortet: Für Christine Scheibe schließt sich auf dem Weg von Alkmene zur Hippolyte ebenso der Kreis wie für Benjamin Elstner im steten Wechselspiel von unbeholfenem Ampithryon und gottbewusstem Zeus. Guylaine Hemmer ist rein auf letzteren fixiert, aber ebenso eine verführerische Amazone wie Cathrein Unger, die als gebürtige Dresdnerin zudem als starke Athene, herrische Hebamme und als schizophrene Giftverkäuferin vor allem bei schnellem Wandel glänzt.

Die praktische und bewährte Bühne von Roger Kunze mit den sechs Versteck- oder Auftrittsmöglichkeiten zeigt diesmal an den Seiten Tempelflair und im Hintergrund blaue Ägäis mit Inseln. Ebenso klar die Kostüme von Martina Strahl, die den Herren wunderbare Sandalen, den Frauen schöne Kleider und den Amazonen ein furchterregendes Outfit verpasst.

Obwohl vier der fünf Darsteller erstmalig in Dresden mitspielen, wird der Company-Gedanke eingeflochten. Das hat einen schlichten Grund: Denn Katrin Ingendoh (als Königin) und Felicitas Schreier (als Lady de Winter und Aramis), die im Vorjahr hier die größte Last trugen, sind mit Försters zweitem Standbein, den Dresdner Kammerspielen, im herrlichen Theater in Putbus auf Rügen gebucht. Dort läuft bis Ende August die Komödie "Wenn der Nachbar zweimal klingelt" - also parallel zu den 42 Vorstellungen in siebeneinhalb Wochen bis zum 7. September, die der elfte Sommerjahrgang im Bärenzwinger andauert.

nächste Vorstellungen: vom 22. bis 25. Juli sowie 27., 29. & 30. Juli (je 20 Uhr)

www.sommertheater-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.07.2014

Andreas Herrmann

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