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Klaus Frenzel verabschiedet sich vom Puppentheater Dresden

Klaus Frenzel verabschiedet sich vom Puppentheater Dresden

Wie viele Rollen er in seinen vierzig Berufsjahren als Schau- und Puppenspieler gespielt hat, weiß er nicht mehr. Nach 130 hat er das Zählen aufgegeben.

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Klaus Frenzel in der "Geschichte vom Mäuseken Wackelohr".

Quelle: Juliane Mostertz

Von Lars Rebehn*

Denn dann müsste man bei den Filmrollen weitermachen, bei den Hörspielen und Synchronisationen. Aber 389 000 Zuschauer müssen es wenigstens gewesen sein, denen er seine Kunst direkt vermittelte, und dieses "direkt" ist sehr wörtlich zu nehmen. Als Puppenspieler standen ihm in den letzten dreißig Jahren kaum Räume zur Verfügung, die mehr als hundert Zuschauer fassten. In Schwerin hatte sein größtes Theater fünfzig Plätze.

Für die, die Klaus Frenzel in solch einem intimen Rahmen erleben durften, war es stets ein ganz besonderes Erleben. Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich noch nach fünfzehn Jahren an die erste Begegnung in Dresden, damals noch im "Goldenen Lamm". Ein Flugzeugwäscher in Klotzsche (Klaus Frenzel) und ein Schauspieler (Frank Engel) entdecken, dass sie beide ein gemeinsames Geheimnis haben: Ein Bild, das von den Erwachsenen als Hut interpretiert wird, aber doch eine Schlange zeigt, die einen Elefanten verschlungen hat. So beginnt der "Kleine Prinz" des Puppentheaters Dresden, der sich an genaue Vorgaben der Erben Antoine de Saint-Exupérys halten musste. Frenzel und Engel spielten hinreißend, anrührend und herzergreifend.

Bei der Premiere von "Dornrose" riss dem sächselnden Kasperl Larifari ein Kniefaden, weshalb er nur noch über die Bühne humpeln konnte, was der Marionette und ihrem Spieler Klaus Frenzel zusätzliche Lacher einbrachte. Beeindruckend waren auch seine Interpretationen der Rollen in "Die Geschichte vom Mäuseken Wackelohr", "Eene Meene Miste" und sein Papageno in der "Zauberflöte". Im Zyklus "Arbeiten" verlieh er dem gescheiterten Staubsauger-Vertreter Zimmermann eine tiefe Tragik. Als alter, verlebter Puppenspieler Rumpelbrecht in "Kasper, Karl und Konservator" schaffte er es, hundert vor Lachen tobende, pubertierende Jugendliche in wenigen Augenblicken zu einer Stille zu bringen, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Seine größte Wirkung entfaltete Klaus Frenzel aber stets, wenn er alleine auf der Bühne stand. So war es in "Verliebt in Caroline Kückelmann" nach Patrick Süskind und ganz besonders im "Findelkind". In dieser anrührenden Geschichte erzählt er von einem alten, einsamen Mann, der eines Tages im Müll eine Puppe findet. Wie sich die beiden mit einander anfreunden und dabei viel lernen, ist großes Theater mit einfachsten Mitteln. In diesen einfachen Mitteln, aber mit seiner großartigen Erzählkunst und echtem Gefühl, liegt die große Kunst des Klaus Frenzel.

Geboren im Jahre 1947 in Reichenbach bei Görlitz war ihm die künstlerische Laufbahn nicht vorgegeben. Die Eltern waren einfache Leute, förderten aber die musische Begabung ihres Sohnes. So erhielt er Musikunterricht und eine eigene Puppenbühne. Nach dem Gastspiel eines Handpuppentheaters in seiner Schule - er ging damals in die zweite Klasse - war der Wunsch zum Theaterspiel geweckt worden. Freunden und Nachbarn gab er nun regelmäßig selbst erfundene Puppenspiele zum Besten. Um der Konkurrenz des neu aufgekommenen Fernsehens zu begegnen, wurde die Bühne sogar dem Aussehen einer Fernsehtruhe angepasst. Klaus Frenzel hatte aber weitere Interessen, so wirkte er in einer Volkstanzgruppe mit und rezitierte leidenschaftlich gerne Texte. Als es eine Reichenbacherin bis zum Film gebracht hatte, stand für ihn fest, auch er wird Filmschauspieler.

Musische Begabung

Mit 14 Jahren hatte man ihn beim ersten Vorsprechen an der Filmhochschule in Potsdam noch abgewiesen. Aber nach einer Lehre zum Elektriker, dem Dienst bei der NVA und sechs weiteren Versuchen bestand er die Aufnahmeprüfung an der Theaterhochschule in Leipzig. Bereits als Student wirkte er in einigen Fernsehfilmen und bei Radioproduktionen mit. Nach dem Studium ging es auf die Bühne. Gemeinsam mit seiner Frau Bärbel Röhl fand er 1972 Engagement am Theater in Dessau. Als er jedoch im Weihnachtsmärchen "Die feuerroten Blume" einen Vogel, der zuvor an einem Faden vom Schnürboden heruntergelassen worden war, fangen und als Handpuppe animieren sollte, sahen die Kollegen vom benachbarten Puppentheater sofort sein Talent. Und so wurde er vom kleineren Dessauer Theater abgeworben.

Hier sah er Möglichkeiten, die ihm auf der großen, überdimensionierten Dessauer Bühne verwehrt blieben. Als seine Frau Bärbel Röhl in Schwerin ein Engagement fand, kündigte Klaus Frenzel und folgte ihr. Drei Monate war er selbständiger Puppenspieler in Schwerin. Er erhielt von der Konzert- und Gastspieldirektion der DDR die höchste Einstufung, die ihm ein gemächliches Leben ermöglichen würde, wenn er nicht dreizehn Jahre auf das dafür notwendige Automobil hätte warten müssen. Da bot ihm der Intendant des Schweriner Theaters eine Stelle als Puppenspieler an.

Das Puppentheater am "Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin" bestand ausschließlich aus Klaus Frenzel. Der Schauspieldirektor behinderte ihn und stellte ihm vormittags gerade Mal das Foyer für diesen Kinderkram zur Verfügung. Die Spielstätten wechselten: ein Pionierhaus, das Schweriner Schloss, dann eine Wohnung, in der es nicht einmal eine Toilette gab. Nirgends passten mehr als 50 Personen hinein. Der Etat für Material war klein, so dass Frenzel mit Unterstützung eines Technikers fast alles selbst machte. Es erschien ihm als Sackgasse. So warb er Sondermittel in Berlin ein, die ihm erstmals die Verpflichtung eines Ausstatters und Regisseurs ermöglichten. "Der Weltuntergang" von Jura Soyfer erzielte beim IV. Nationalen Puppentheater-Festival der DDR 1987 einen Preis. Jetzt erhielt Frenzels Puppenbühne Unterstützung und insgesamt sechs Planstellen. Der Gastspieleinladung nach Bochum konnte er aber erst 1990 nachkommen, weil man ihm den Status als "Reisekader" verweigerte.

Nach der Wende konnte man nicht nur reisen, sondern auch fleißig Stellen sparen, so dass das Puppentheater Schwerin 1997 mit der Entlassung Frenzels seine Pforten schloss. Er wandte sich nach Dresden, wo er bereits 1992 den "Ar-turo Ui" mit großem Erfolg inszeniert hatte, und fand in dem sich gerade neu strukturierenden Ensemble eine künstlerische Heimat.

Ohne die ständigen Kämpfe wie in Schwerin blieb auch wieder Zeit für andere Dinge. So arbeitete er für das Radio und Synchronstudios in Leipzig. Er wirkte in der urkomischen Revue "Ein Kessel Buntes" mit. In der Komödie Dresden parodierte er Moshammer und Reich-Ranicki und kommentierte gemeinsam mit Conny Fritzsche als Puppen-Duo "Erich Mielke und Margot Honecker" das Geschehen. Eine weitere Leidenschaft war und ist die Arbeit mit der Kamera. Zeitweise filmte er alle Inszenierungen des Puppentheaters Dresden für Werbezwecke. Auch den Aufbau der Frauenkirche dokumentierte er.

Besondere Liebe

In den letzten Jahren war Klaus Frenzel vermehrt als Schauspieler auf der Bühne des Theaters Junge Generation zu sehen. Er spielte in "Funkeldunkel Lichtgedicht" und war der Pate Droßelmeier in "Nussknacker und Mäusekönig". Seine besondere Liebe gilt aber dem Puppenspiel. Er ist berührt, wenn ihm ein Arzt nach der Vorstellung auf der Kinderkrebsstation berichtet, dass seine Kunst stärker als ein Medikament wirkt. Und immer wieder ist er selbst überrascht, was die Puppen vermögen. Wenn drei Spieler mit einer von ihnen geführten Puppe zu einem lebendigen Organismus verschmelzen, dann hat es für ihn etwas Metaphysisches. Als Gast bleibt Klaus Frenzel dem Puppentheater Dresden erhalten.

* Lars Rebehn ist Konservator der Puppentheatersammlung Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.10.2012

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