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Klassiker-Gaudi für junges Publikum - Die Bürgerbühne mit "Ein Sommernachtstraum" im Kleinen Haus

Klassiker-Gaudi für junges Publikum - Die Bürgerbühne mit "Ein Sommernachtstraum" im Kleinen Haus

In unseren Träumen ist das Chaos Programm. Das Gehirn nimmt sich die Freiheit zu schrägen bis beängstigenden Kombinationen, über die der rationale Mensch früh beim Zähneputzen nur den Kopf schütteln kann - wenn er sich noch daran erinnert.

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Unverbrauchter Elan und viel Talent: die Bürgerbühne mit ihrer Inszenierung von Shakespeares "Ein Sommernachtstraum".

Quelle: David Baltzer

Und dann die quälende Frage: Was soll das alles bedeuten? Also rein ins Internet und eine Traumdeuterseite konsultieren. Wald. Wenn du von einem Wald träumst, bedeutet das Gesundheit und Reichtum. Sommer. Wenn sich dein Traum im Sommer abspielt, dann erwarten dich Überraschungen und Geschenke. Nicht schlecht. Liebe, Liebende. Wenn du im Traum verliebt bist oder Liebende siehst, mach dich auf Einsamkeit, seelische Qualen und Misserfolge gefasst. Na toll.

Für die neueste Produktion der Bürgerbühne im Kleinen Haus, Shakespeares "Ein Sommernachtstraum", muss man nirgendwo nachschlagen. Auch albtraumatische Nebenwirkungen sind nicht zu befürchten. Von Anfang an wird klar, dass hier 16 junge Spieler unter der Regie des Schauspielers Fabian Gerhardt mit so viel Spaß und Freude und Situationskomik ihren "Sommernachtstraum" erzählen, dass es ansteckend wirkt.

Die wohl schönste Klassiker-Komödie aller Zeiten bietet sich nunmal hervorragend für Interpretationen an. Sie gab und gibt es in unzähligen Formen: beliebt beim Schülertheater bis zur renommiertesten Bühne, von "klassisch" bis modern übersetzt, von textgetreu bis sehr "frei nach" inszeniert. Und da "Ein Sommernachtstraum" ja in Athen und in einem Wald in der Nähe von Athen spielt, wäre es nicht verwunderlich, wenn das Stück aktuell auf irgendeiner Bühne Bezug auf die Griechenland-Krise nimmt. Wo wir jetzt keine Eulen, sondern Euros nach Athen tragen.

In dieser Inszenierung der Bürgerbühne bewährt sich wieder die kreative Zusammenarbeit von Theaterprofis mit ihrem Handwerk und Theaterverliebten mit ihrem unverbrauchten Elan und vielen Talenten. Das ist gut so, denn Schülertheater-Niveau wäre zu schade für das vorhandene Potenzial. So beginnt zwar Arko Graf (später als Eisdealer aktiv) seinen Intro-Monolog mit der schon so oft eingesetzten Behauptung, das ganze Theater würde nicht stattfinden und wir wären alle gar nicht mehr da. Dann kriegt er aber mit belustigenden Was-wäre-wenn-Hypothesen die Kurve - und krönt seinen Auftritt mit einer Polaroidfoto-Aufnahme vom vollbesetzten Zuschauersaal, der sich nach der "Entwicklungsphase" allerdings auf dem präsentierten Foto als gähnend leer erweist.

Auch die als Handwerker auftretende vierköpfige Mädchen-Band setzt einen allbekannten und nicht bei allen Zuschauern beliebten Trick zum Gewinnen der Publikumsaufmerksamkeit ein: das Mitmachtheater. Hier soll man für die Probe von "Romeo und Julia" Ooohs zur Balkonszene und Aaahs ("alle bitte mitsterben") zum Tod von Mercutio als Geräuschkulisse beisteuern. Nach einer Julia-Sinneskrise von Bandmitglied Milena (Milena Michalek) und Verführpräsenz mit Eselsköpfen treten die Mädels mit viel Power als Band "Die vier heißen fünf" auf.

Abweichungen vom Original gibt es nicht nur bei den Handwerkern. Auch die Waldgeister haben sich hier neu formiert. Oberon (bezaubernd groß und cool: Konrad Müller) ist nicht mehr mit Titania (Svetlana Bielievtsova) zusammen, auch wenn er sie durch Zaubersaft ärgern will und ihr quasi einen Bären und ein paar Esel aufbindet. Oberon hat eine neue, Tatjana (Anastasia Gerlitz) - so trifft Titania auf Tatjana und da rupfen die Damen auf reinstem Russisch leidenschaftlich ein Hühnchen.

Puck ist ebenfalls nicht allein - einmal als Tochter von Tatjana (zart und frech: Juliette Favre) und als junger Mann, Oberons Sohn wohl aus früherer Ehe (ein sympathischer Schelm: Sten Köhler). Die zwei "Geschwister" sind eine erfrischende Kombination. Schön ist das Bild, wenn die Oberons zu Hause hinter heruntergelassener, aber offener Jalousie gemeinsam musizieren.

Auch wenn die Regie bei all der spielerischen Gaudi-Stimmung hier und da das Fehlen von Tiefgang zulässt, ist ihr die gute Arbeit mit den einzelnen Freizeit-Darstellern hoch anzurechnen - denn so sind lustige und authentische Figuren entstanden. Sehr witzig mit ihren brummenden Flugversuchen sind zum Beispiel die zwei Elfen Motte (Anne Grünig) und Spinnweb (Teresa Schergaut). Singen können sie außerdem auch gut. Vor allem aber überzeugen die vier Jugendlichen, die in dieser Sommernacht in verzauberten Konstellationen durch den Wald geistern. Zunächst ineinander verliebt, dann auseinander verzaubert und am Ende wieder vereint: Hermia (Elinor Reinicke) und Lysander (Clemens Kersten). Und dazu die bedauernswerte Helena (Franziska Evelin Mechow), die Demetrius (Julius Schulte) liebt, der aber auf Hermia fliegt. Nachdem die Pucks versehentlich Lysander und dann doch Demetrius den Zaubertrank einflößen (das heißt Sprühsahne in den Mund spritzen) und nun beide Kerle Helena begehren, wird's für eine Weile irre und wirre im Wald. Wie Franziska Evelin Mechow mit Biss und Traurigkeit ihre Helena verteidigt, ist echt klasse.

Gute Einfälle tragen auch zum Erfolg der Inszenierung bei. So sind die sonst schwerfälligen Rahmenhandlungsszenen im Königspalast von Theseus ideenreich gelöst: als Chorleistung der Spieler mit weißen Gewändern und aufgestülpten weißen Einkaufstüten mit Fratzen darauf (Bühne und Kostüme: Rebekka Dornhege-Reyes und Nina Thielen). Auch der Kampf der zwei Rivalen Lysander und Demetrius um Helena auf der Tanzfläche wird dem wohl avisierten jungen Zielpublikum gut gefallen. Ältere können natürlich auch ihren Spaß dabei haben. Und was tun, wenn die Realität nachlässt und der Traum verführerisch lockt? Ein kleiner Gag am Ende der Inszenierung verrät die Lösung: drei Mal täglich Zaubersaft verabreichen, dann wird alles wieder gut.

So enthusiastisch wie die "Sommernacht"-Truppe der Bürgerbühne gespielt hat, so begeistert klang auch der Beifall des Premierenpublikums.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 8. März, jeweils 19.30 Uhr, Kleines Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.02.2012

Bistra Klunker

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