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Klassik picknickt in Dresden - alles redet vom Wetter, dabei geht's um die Musik

Klassik picknickt in Dresden - alles redet vom Wetter, dabei geht's um die Musik

Kontinuität hat auch was Gutes: Bereits zum achten Mal gab es das aus der Partnerschaft von Sächsischer Staatskapelle und der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen erwachsene Konzert "Klassik picknickt".

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Stimmungsvoller Abend bei "Klassik picknickt".

Quelle: Matthias Creutziger

Und wieder, wie in den Jahren zuvor, waren die Wiesen gefüllt mit Picknickdecken, Speisen und Getränken sowie mit erwartungsfrohen Menschen aller Generationen.

Kontinuität wird noch besser, wenn sie sich dem Wandel nicht verschließt. Natürlich könnte man jetzt über das Wetter reden, das tun derzeit ja alle. Wenn aber ein Abend so ideal ist wie dieser, dann muss das Wetter erwähnt werden. Keine Angst vor Gewitter, sondern einfach nur lustvoll lau, wie geschaffen für Prosecco, Oliven und Brot. Tausende sahen das ähnlich, garnierten ihre Tafeln mit Obst oder deftig - friedlich vereint in der Erwartung einiger Stunden kulturvoller Gemeinsamkeit. Bei diesem Konzert in der ganzen Saison störten nicht mal die unvermeidlichen Mobiltelefone, im Gegenteil, sie wurden unverzichtbar Bestandteil eines Events, bei dem das schönste Picknickfoto gesucht wurde. Drei reizende Erdbeermünder machten das Rennen.

Hand in Hand gingen Kontinuität und Wandel auf der musikalischen Seite. Natürlich war das Picknick-Konzert wieder ein klangvoller Gruß der Kapelle an ihr Stammpublikum sowie an dafür erst noch zu gewinnende Gäste. Einmal mehr hat sie einem dem Orchester eng verbundenen Dirigenten vertraut - nach Michail Jurowski im Jahr 2013, damals mit einer "Russischen Nacht", war es diesmal dessen ältester Sohn Vladimir Jurowski. Er hat keinen regionalen Bezug für sein Programm gewählt, sondern mit einer musikalischen Weltreise pur auf Inhalt gesetzt. Damit hatte Jurowski erst kürzlich schon punkten können, sowohl bei seinem Einstand zu den Schostakowitsch-Tagen Gohrisch als auch im 11. Symphoniekonzert mit Werken ausschließlich des 20. Jahrhunderts.

So kontinuierlich gepflegt, funktioniert Moderne auch bei einem Picknick, zumal wenn derart motiviert musiziert wird. Mit einem Ausflug gen britische Insel startete das Konzert und erinnerte mit einem Frühwerk von Benjamin Britten an Jurowskis Zeit beim Glyndebourne-Festival. Als 20-Jähriger schrieb Britten diese "Simple Symphony" für Streichorchester, sein Opus 4, in der Kindheitsmotive erklingen und die besonders mit dem zweiten, einem reinen Pizzicato-Satz besticht.

Mit der Wucht des argentinischen Tango ging der Klassik-Ausflug weiter zu Astor Piazzolla und dessen Konzert für Bandoneon, Streicher und Schlagzeug von 1979. Den Solopart dieser "Liebeserklärung an das Leben schlechthin" gestaltete der Norweger Per Arne Glorvigen, ein ausgemachter Experte für diese Musik. Sie gilt ja gemeinhin als vertikaler Ausdruck eines horizontalen Verlangens oder aber als Liebesakt ohne Höhepunkt; Piazzollas Tango nuevo ist zudem jedoch eine ernsthafte Angelegenheit, die Präzision und Gestaltungskraft verlangt.

Jurowski und die Kapelle - betörend das Solo von Konzertmeister Thomas Meining - brillierten auch in diesem eher ungewohnten Repertoire. Glorvigen wurde gefeiert und kam nicht ohne Zugabe von der Bühne, auch in dieser von Matthias Wilde am Cello begleiteten Bach-Improvisation faszinierte der Künstler mit seinem erzgebirgischen (!) Instrument.

Den Schlusspunkt setzte der 1932 in Moskau geborene Rodion Schtschedrin, der in seiner 1967 uraufgeführten "Carmen"-Suite das spanische Flair des französischen Komponisten Geoge Bizet mit erotischem Funkeln und russischem Tanz verband. Er hatte diese Suite für Streicher und mehrere Dutzend Schlaginstrumente für seine Anfang Mai verstorbene Frau Maja Plissezkaja geschrieben, die diese Carmen weit über 300 Mal getanzt haben soll. Die genial aufgesplitteten Themen aus Oper und "L'Arlésienne" strömten mitreißend über den Konzertplatz, großer Jubel eines zufriedenen Publikums war die einhellige Antwort an diesem Abend.

Bei aller Kontinuität - im nächsten Jahr wird wohl ein neuer Platz für "Klassik picknickt" gesucht werden. Der Termin aber steht jetzt schon fest, am 18. Juni 2016 wird wieder musikalisch gepicknickt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.07.2015

Michael Ernst

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