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"Klassik picknickt" an Dresdens Gläserner Manufaktur mit tausenden Gästen

"Klassik picknickt" an Dresdens Gläserner Manufaktur mit tausenden Gästen

Liebgewordene Traditionen wirken rasch so, als wären sie immer schon dagewesen. Als müsste man sie erfinden, wenn das nicht schon wer getan hätte. Das erst 2008 ins Leben gerufene Open-Air-Konzert "Klassik picknickt" wirkt genau so.

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In der Ferne die Bühne: Kein Problem für das "Klassik picknickt"-Publikum.

Quelle: Matthias Creutziger

Jahr um Jahr zieht es mehr Gäste in seinen Bann. 3500 Leute dürfen auf die Wiesen der Gläsernen VW-Manufaktur kommen - schon Tage vor dem Konzert am Samstag waren alle Fünf-Euro-Karten weg. Blieb statt des symbolischen Preises nur die kostenlose Variante. Beinahe ebenso viel Menschen bevölkerten die Gehwege beidseits der Lennéstraße, um dem Konzert auf Campinggestühl oder im Stehen beizuwohnen.

Wenn das Ereignis diesmal neben Champagner-, Wein- und Bieraromen auch von der einen oder anderen Wodkawolke durchweht war, lag das gewiss am Thema: "Russische Nacht" stand programmatisch über diesem sechsten Konzert der Sächsischen Staatskapelle vor der Silhouette ihres Phaeton-Partners. Vor allem aber waberten Schwermut, Sehnsucht und Sentiment über die Köpfe der Picknick- und Klassikliebhaber. Nach Konzerten mit spanischen und chinesischen Themen galt es aktuell nicht der oligarchen Diktatur des lupenreinen KGB-Präsidenten, sondern kulturvoller Vergangenheit aus überwundenen Zarenreichen. Und einem Markt der Automobilproduzenten, der 20 russische Journalisten zu diesem Konzert begrüßte.

Mit Dmitri Schostakowitschs Festli- cher Ouvertüre op. 96 dürften die sofort erkannt haben, dass dieses Picknick-Konzert in den Händen eines Sachwalters russischer Musikkultur lag: Michail Jurowski, seit vielen Jahren ein so re- gelmäßiger wie willkommener Gast der Staatskapelle, hatte in seinem musikalischen Elternhaus mehrfach Gele- genheit, dem größten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts persön- lich zu begegnen. Die Eingangsmusik sprudelte denn auch wie heftig geschüttelter Krimsekt in den lauen Abend und versetzte Musiker wie Publikum in prickelnde Laune. Doch wie das bei russischen Klängen so ist, es steckt immer ein verschmitztes "Ja, aber" mit drin. Diese Tauwetter-Komposition ist zwar eine heitere Fanfare, spieltechnisch heikel, durchzogen aber von ele- gischen Details, wie sie im Laufe des Konzertes breit aufblühen sollten. In Modest Mussorgskis "Chowanschtschina"-Ouvertüre zum Beispiel, die Klangbilder der Ostkirche enthält. Mitrei- ßender Elan dann beim Hexentreiben in der "Nacht auf dem kahlen Berge" und erst recht im berühmten Trompetenkonzert von Alexander Arutjunjan. Der im vorigen Jahr 91-jährig verstor- bene Armenier verflocht darin Folklore mit Moderne und pfefferte das Ganze mit hohem technischen Anspruch. Trompeter Sergei Nakariakov jedoch spielte den Solopart scheinbar ungerührt, tastete sich perlend ans Thema und blies es dann so leichtfingrig ins Blaue, als hätte er hier nicht einen der für Blechbläser gefährlichsten Parts zu meistern.

Für dieses mitreißende Bravourstück erntete er heftigst Applaus und bedankte sich mit der Tarantella aus Oskar Böhmes "La Napolitaine". Oskar Böhme in Russischer Nacht? Moderatorin Bettina Volksdorf, die zum Picknick auch in diesem Jahr wieder so wissend wie charmant durchs Programm führte, klärte auf: Der Komponist und Trompeter stammt aus dem nahen Potschappel (Freital), verbrachte aber viele Jahre in Petersburg am Mariinski-Theater und kam unter bis heute ungeklärten Umständen Ende der 1930er Jahre in der Sowjetunion ums Leben.

Dann folgte Michail Glinkas Ouvertüre zu "Ruslan und Ludmilla", deren Wirkung aus dem Wechsel von getragenen und kraftstrotzenden Passagen resultiert. Einmal mehr war da exzellentes Solo- und Gruppenspiel ebenso vonnöten wie die Wucht des gesamten Orchesterapparats. Mit der zum Heulen schönen Verschmelzung von Sehnsuchtsort und emotionaler Musiksprache erklang Tschaikowskys "Capriccio Italien" zum Abschluss des gehaltvollen Klassik-Picknicks.

Dass es dabei nicht bleiben konnte, lag gut eine Stunde nach rosafarbenem Sonnenuntergang auf der Hand. Jurowski und die Kapelle setzten ihr Betörungswerk fort, gaben die Polonaise aus Tschaikowskys "Eugen Onegin" als Zugabe. Geschlossen hat sich der klingende Kreis aber erst mit einem weiteren Schostakowitsch - als Uraufführung! Den berühmten Walzer Nr. 2 aus dessen Suite für Varieté-Orchester hatte Jurowski erst in diesem Jahr mit den passenden Orchesterstimmen versehen, um Saxofon, Gitarre und Akkordeon zu ersetzen.

Dresden wird diese Tradition nicht mehr entbehren wollen. Schon steht der Termin für "Klassik picknickt" 2014: am 12. Juli mit Chefdirigent Christian Thielemann. Vielleicht eine Berliner Nacht?

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.06.2013

Michael Ernst

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