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Klassik an anderen Orten: Pedro Andrade und die Europäische Kammerphilharmonie Dresden

Klassik an anderen Orten: Pedro Andrade und die Europäische Kammerphilharmonie Dresden

"Leider ausverkauft" werden heute Abend die Mitarbeiter an der Abendkasse des Albertinums bedauernd die Hände heben. Allein: Die Sternstunde, die die Dresdner Philharmonie mit ihrem 85-jährigen Ehrendirigenten dort zelebrieren wird, findet ohne junges Publikum statt.

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Er will etwas gegen das Orchestersterben tun: Pedro Morais Andrade, der an der HfM Orchesterdirigieren studiert, gehört zu den Mitbegründern der Europäischen Kammerphilharmonie Dresden, die auch ein jüngeres Publikum für klassische Musik begeistern möchte. Heute Abend spielt sie im Kulturrathaus.

Quelle: Torben Schläger

Fakt ist, kaum ein Dresdner Student - noch schlimmer, kaum ein Musikstudent! - verirrt sich dieser Tage in ein Konzert mit klassischer Musik, sei es im Albertinum, der Semperoper oder dem neuen Konzertsaal der Musikhochschule. Nun knabbern Orchester weltweit nicht seit gestern an diesem Problem. Begütigend heißt es allerorten: Man müsse eben ein bestimmtes Alter erreichen, ehe man reif für den Kunstgenuss sei. Und am Preis könne es nicht liegen: Es gebe schließlich Studententickets!

Nein, am Preis liegt es nicht, da würde Pedro Morais Andrade, der momentan an der Dresdner Musikhochschule studiert, zustimmen. Eher an subtileren Zugangsschwellen. Dem Unbehagen vielleicht, sich in einem Saal voller fremder Leute zwei Stunden lang einer Art schematisiertem Gottesdienst ausgesetzt zu sein, von dem man vielleicht gar nicht so viel versteht. Als Konzertmeister hat Andrade bereits in einer Vielzahl internationaler Orchester gespielt, seit 2010 studiert er Orchesterdirigieren. Andrade fragt sich: Warum studiere ich zehn Jahre - und wie gestalte ich danach meinen Beruf? Warum denken wir alle nicht genereller über die Situation des klassischen Musikbetriebs nach?

In seinem Heimatland Portugal, sagt Andrade, gingen hervorragende Musiker in die Suppenküchen, weil sie ihren Lebensunterhalt nicht finanzieren können. Und im Opernhaus Athen verdiene ein Musiker 200 Euro pro Monat. "Das alte Konzertsystem ist doch auf den Knien, es wird bald sterben," prophezeit er, "und warum? Weil die Leute, die über Kultur entscheiden, nie auf einer Bühne waren - sie wissen nicht, was sie da tun."

Deswegen will der Dirigent etwas Neues wagen. Er will Künstler zusammenholen, die ihr Leben der Musik verschrieben haben, und er will ihren Enthusiasmus ungebremst nach außen tragen helfen. An zugänglichen Orten, wo sich auch ein jüngeres Publikum wohl fühlt. Ein erstes Promo-Konzert spielte die neu gegründete Europäische Kammerphilharmonie Dresden in einem Club auf der Straße E, kürzlich hatten Sie einen Auftritt in der Scheune. "Wenn sie nicht zu uns kommen, kommen wir zu Ihnen," lacht Andrade. "Und wenn wir sie begeistert haben, werden sie uns in die Konzertsäle folgen, da bin ich sicher."

So sollen die Konzerte der Europäischen Kammerphilharmonie Dresden ein Treffpunkt für alle Menschen werden, Musikliebhaber wie Konzertfrischlinge. Aber auch ein Ort, so ist es im Programm der EKDD beschrieben, "wo Künstlern eine Stimme verliehen wird, um sich auszudrücken und neue Ideen zu diskutieren, während man alte Traditionen schätzt und von ihnen lernt." Eben jene Blicke über den Tellerrand vermisst Andrade hierzulande manchmal: "wir sind doch nicht nur Dresdner, nicht nur Sachsen, wir sind Europäer! Können wir das verstehen, können wir etwas daraus machen?"

Wer heute Abend im Albertinum kartenlos bleibt, sollte sein Glück auf der anderen Elbseite versuchen. Die Europäische Kammerphilharmonie Dresden spielt im Kulturrathaus - vorerst als Streichensemble - Werke von Bach, Vivaldi, Corelli und Tschaikowski. Vielleicht, ja vielleicht, erleben wir um 20 Uhr die Geburt einer neuen Ära.

http://ekdd-orchestra.eu

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.12.2012

Martin Morgenstern

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