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Keine Zweiklassengesellschaft am Dresdner Schütz-Konservatorium

Honorarkräfte fordern ein Ende ihrer prekären Bezahlung ein Keine Zweiklassengesellschaft am Dresdner Schütz-Konservatorium

Am Heinrich-Schütz-Konservatorium Dresden schließen sich die Freien Mitarbeiter mit Blick auf die nach dem voraussichtlichen Trägerwechsel anstehenden neuen Vertragsabschlüsse zusammen. Sie haben sich der Unterstützung des Deutschen Tonkünstlerverbandes versichert.

Kati Kasper, Geschäftsführerin des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden.

Quelle: Frank Höhler

Dresden.  Kritische Stimmen zur geplanten Kommunalisierung des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden HSKD (DNN berichteten) sind bislang nicht zu vernehmen. Auch in der Belegschaft wird das von der rot-grün-roten Stadtratsmehrheit in Bewegung gebrachte Vorhaben durchweg begrüßt. Allerdings verbinden sich damit auch Hoffnungen, die neue städtische Regie möge zur Lösung lang anstehender Probleme beitragen. Das gravierendste dieser Probleme am Konservatorium ist die diskriminierende Bezahlung der Honorarkräfte, verglichen mit den Einkommen der fest angestellten Musikpädagogen. Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) hat zwar Recht, wenn sie auf die bundesweite Evidenz dieses Problems hinweist. Auch die freien Dozenten an der Musikhochschule beispielsweise haben sich in den vergangenen beiden Jahren zum Protest formiert. Die Feststellung, dass es auch andere trifft, tröstet die Honorarkräfte aber nicht über ihre vielfach prekäre Lage hinweg.

Auch am Schütz-Konservatorium schließen sich die Freien Mitarbeiter mit Blick auf die nach dem voraussichtlichen Trägerwechsel anstehenden neuen Vertragsabschlüsse zusammen. Sie haben sich der Unterstützung des Deutschen Tonkünstlerverbandes versichert, der als Vertreter der Berufsinteressen auch einen sächsischen Landesverband mit Sitz in Leipzig hat. Es geht dabei ausdrücklich nicht gegen Kati Kasper, die Geschäftsführerin des Konservatoriums. „Frau Kasper tut, was sie kann“, erkennt Cellistin Kristin Unglaube an, die Vorsitzende der Interessenvertretung der Freien Mitarbeiter. Aber die Stadträte und Kulturbürgermeisterin Klepsch sollen dringend auf die Aufgabe hingewiesen werden, die sich im Zuge der Kommunalisierung einer links und sozial orientierten Stadtratsmehrheit stellt. Denn die Erfahrungen mit der Steuerungsgruppe, bei der man sich mühsam eine Anhörung erkämpfte, sind nicht die besten. Die vorgeschlagene Anhebung der Stundenhonorare von derzeit durchschnittlich 21 Euro auf 25 Euro im nächsten Jahr und bis auf 30 Euro bis 2021 sei „kein Zukunftsmodell“, erklärt Kristin Unglaube.

Grundsätzlich sei aber gegen die Beschäftigung freier Honorarkräfte nichts einzuwenden, betont Christian Scheibler als Geschäftsführer des Tonkünstler-Landesverbandes. Teilweise anderweitig angestellte Profis geben so praktische Erfahrungen weiter. Bei seltenen Instrumenten oder mangelnder Auslastung muss nicht unbedingt eine fest angestellte Kraft den Unterricht übernehmen. Aber über das Ausmaß der Honorartätigkeit und die sozialen Folgen sei offenbar auch die Kulturbürgermeisterin nur mangelhaft informiert, kritisieren die Musiker. Eine Denkschrift des Tonkünstlerverbandes spricht von einer „Zweiklassengesellschaft“ am Konservatorium.

In Dresden sind 69 Lehrer auf 47 Vollzeitstellen fest und nach Tarif beschäftigt. Dem stehen 193 freie Kräfte gegenüber, die sich das Budget von 50 Stellen teilen müssen. Sie leisten also den Hauptteil der musikpädagogischen Arbeit am mittlerweile auf rund 6000 Schüler angewachsenen Konservatorium. Um nach dem Gesetz nicht als Scheinselbständige zu gelten, dürfen sie maximal 14 Wochenstunden unterrichten. Nur die wenigsten von ihnen genießen eine anderweitige Festanstellung. Das verfügbare Monatseinkommen, von dem die Freien auch noch ihre Vorsorgeaufwendungen bestreiten müssen, lässt sich leicht errechnen und liegt oft unter der Hartz-Aufstockergrenze. Bezogen auf die Stundensätze beziehen die Freien nur etwa 40 Prozent des Einkommens der Festangestellten, obschon sie die gleiche Arbeit leisten und Vorbereitungsstunden nicht abrechnen können. „Sittenwidrig“ nennt das Christian Scheibler. „Ein ganzer Berufsstand ist gefährdet“, fügt er aus Sicht des Tonkünstlerverbandes hinzu.

Honorare an einem künftig städtischen Konservatorium sollten sich nicht am Markt, sondern an Tarifen orientieren, meinen Scheibler und Cello-Lehrerin Unglaube. Sie bezweifeln zugleich, dass es sich bei den Honoraren, die private Musikschulen zahlen, wirklich um Markthonorare handelt. „Die Preise für privaten Musikunterricht in Dresden orientieren sich stark an den Elterngebühren und Honorarzahlungen des HSKD“, schreibt Kristin Unglaube an Kulturbürgermeisterin Klepsch. Das sähe anders aus, wenn die Entgelte nicht pauschal durch öffentliche Subventionen aufgestockt, sondern nach tatsächlichem Elterneinkommen differenziert würden. Auf der Hand liegt, dass die Lehrerhonorare am HSKD auch jene auf dem freien Markt drücken, wo sich viele Lehrkräfte aufgrund der prekären Situation am Konservatorium verkaufen müssen. Zwei Drittel des Schülerpotenzials in Dresden werden in diesem Privatsektor unterrichtet und nicht an der künftig städtischen Musikschule. Der Freistaat Bayern zahlt übrigens auch diesen Privatschulen einen Zuschuss.

Nun wird im Kulturamt zwar schon die Stadtratsvorlage erarbeitet, die im Herbst die endgültige Entscheidung über die Kommunalisierung des HSKD bringen soll. In diesem Prozess aber fühlen sich die freien Honorarkräfte trotz ihrer Majorität meist übergangen. Der Betriebsrat vertritt nur die Festangestellten. Hier fordern sie mehr Transparenz ein, wozu auch die Einsichtnahme in Dokumente und das Zukunftskonzept gehört. Das alte Lied, könnte man trotz der neuen rot-grün-roten Dominanz klagen. Mit einer konstruktiven Zusammenarbeit könnte Dresden sogar zum „Pilotmodell“ werden, übt sich Christian Scheibler in Optimismus. Hinsichtlich der Höhe angemessener Stundenhonorare hält Kristin Unglaube einen Satz von 40 Euro für existenzsichernd. Dass sich fast jeder Musikant, der nicht den Sprung in die wenigen gut bezahlten Spitzenorchester schafft, auf ein karges materielles Leben einstellen muss, wissen diese musikalischen „Triebtäter“ längst. Aber wenn auch sie resignieren, wird es bald keine Spitzenorchester mehr geben.

Von Michael Bartsch

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