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Keine Schamanenrassel: Werke von Christiane Latendorf in Dresdens Villa Eschebach

Keine Schamanenrassel: Werke von Christiane Latendorf in Dresdens Villa Eschebach

In der Volksbank Raiffeisenbank Dresden ist in einer Ausstellung ein ebenso eigenwilliges wie wichtiges künstlerisches Werk zu erleben: das Schaffen von Christiane Latendorf.

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Christiane Latendorf: Vom Staub zum Licht, Öl auf Leinwand, 2013.

Quelle: M. Schwill

Vielen sind die Scherenschnitte der Künstlerin bekannt. Diese kleinen Kunstwerke, die einen sofort fröhlich stimmen. Meist ist ein Vogel, ein Engel oder ein Gesicht zu sehen. Aber das Werk Christiane Latendorfs ist viel umfangreicher. In der Villa Eschebach sind jetzt auch ihre Gemälde in großer Auswahl zu sehen, weiter grafische Arbeiten sowie Keramik und natürlich ihre Scherenschnitte.

Christiane Latendorf ist eine außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit. Parallel zu ihrer Ausbildung als Pharmazie-Ingenieurin in Leipzig besuchte sie das Abendstudium der dortigen Hochschule für Grafik und Buchkunst. Das war in den Jahren der Wendezeit. 1992 begann sie dann ihr Studium der Malerei und Grafik an der Kunsthochschule hier in Dresden, nach fünf Jahren schloss sie es mit einem ausgezeichneten Diplom ab. Seitdem lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in Anklam und Dresden.

Christiane Latendorfs Kunstwerke sind weder aus einer schamanischen oder magischen Weltsicht heraus entstanden (wie oft geschrieben steht), noch gehören sie zur Naiven Malerei oder sind gar die Werke einer naiven Künstlerin. Solche Einordnungen und Perspektiven gehen am Wesen dieser Kunst vorbei. Eine wichtige Grundlage für das Schaffen der Künstlerin ist ihre souveräne Sicherheit im Erzeugen von künstlerischen Formen. Ein Talent dazu hat sie auf jeden Fall mit eingebracht, aber das allein reicht bei weitem nicht aus. Christiane Latendorf arbeitet nahezu täglich. Sie zeichnet, malt, arbeitet mit der Schere. Täglich wird so das Setzen einer Linie, das Bauen einer Form in der Fläche geübt und dabei unsere Welt erkundet. Einer ihrer Lehrer und sicher auch Seelenverwandter hielt es ähnlich - Horst Leifer, auch er zeichnete unentwegt.

Alle Kunstwerke Christiane Latendorfs sind von dieser Präzision im Umgang mit Formen und Proportionen getragen. Nicht umsonst ist der Scherenschnitt eine ihr vertraute Technik. Beim Scherenschnitt gibt es keine Korrektur, der Schnitt muss sitzen - oder man fängt von vorn an.

Darüber hinaus bringt die Künstlerin eine seltene Gabe für ihre Kunst mit. Sie verfügt nämlich über eine überdurchschnittliche Beobachtungsgabe - ihr ist eine geradezu ungefilterte Wahrnehmung unserer Welt eigen. Wie kann man das sich vorstellen? Weit bekannt ist der Ausspruch des "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry, dass man nur mit dem Herzen richtig sieht. Oder man könnte an den Mythos des Odysseus denken, der erst sehend wurde, nachdem er sein Augenlicht verloren hatte. Diese Beispiele treffen den Kern aber nicht ganz. Ich meine, dass Christiane Latendorf ganz unmittelbar mehr sieht als die meisten von uns. Die Physiologie unserer Sinne hat längst entdeckt, dass wir überaus sensible Sensoren besitzen, die aber zu unserem eigenen Schutz mit vielen Filtern versehen sind. Die Künstlerin - um im Bild der Filter zu bleiben - ist mit viel weniger Filtern ausgestattet als wir.

Aber auch menschliche Eigenschaften können das Sehen verhindern, allen voran Arroganz, Eitelkeit und übermäßiger Stolz. Von diesen Eigenschaften ist die Künstlerin gänzlich frei. Rainer Maria Rilke hat kurz vor dem Wechsel in das 20. Jahrhundert hinein vom "starr und stumm" Werden der Dinge durch die Anmaßungen der Menschen geschrieben; für ihn war es wichtig, die Welt von der Qualität der Gegenstände her zu erkunden: "Die Dinge singen hör ich so gern." Für Christiane Latendorf ist diese Präsenz der Gegenstände und Erlebnisse eine zentrale Qualität, die es wahrzunehmen und zu ergründen gilt. Auch sie sieht, fühlt dieses "Singen der Dinge". Darüber hinaus mit den beschriebenen besonderen Fähigkeiten und ihren künstlerischen Fertigkeiten ausgestattet, sieht sie den Alltag, erlebt sie unsere Welt. Besser gesagt, sie sieht durch den Alltag hindurch und entdeckt in jedem noch so kleinen Erlebnis das gesamte Drama unserer Existenz - Ängste, Freude, Abschied, Geborgensein, Trauer, Glück.

Der ewige Kreislauf zwischen Werden und Vergehen ist allerdings auch in jedem kleinen Alltagserlebnis vorhanden. In der christlichen Literatur kennt man dafür den Begriff der Anagoge - ein buchstäblicher Sinn verweist auf etwas Höheres, Geistiges. Vor allem die Ölgemälde geraten der Künstlerin somit zu Deutungen unseres Daseins. Und es ist selbstverständlich, getragen durch die Ernsthaftigkeit der Künstlerin, dass Christiane Latendorf in ihren malerischen Erkundungen über das Leben auch den Tod nicht ausspart, der letztendlich der einzige Fixpunkt unserer Existenz ist.

In ihren Bildfindungen liegen fröhliche Unbekümmertheit und existenzielle Tiefe oft unmittelbar nebeneinander. Was macht unsere Existenz aus? Christiane Latendorf gibt fast in jedem ihrer Kunstwerke eine Antwort auf diese Frage. Manchmal sind es die kleinen Dinge des Lebens, die es ausmachen, manchmal die großen Themen, die es bestimmen. Die Vielzahl der Perspektiven, die uns die Künstlerin anbietet, formt die ganze Antwort.

Die von Christiane Latendorf geschaffenen Formen bestechen oft durch ihre Einfachheit, aus der sie eine enorme Ausdruckskraft schöpfen. Die Klarheit einzelner Grundformen darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die so entstandenen Bilder komplexe ästhetische Artefakte darstellen. Gerade das, was uns leicht und spielerisch, mitunter kindlich erscheint, gehört zu den schwer zu erschaffenden Kunst-Welten.

Beides zusammen, die Klarheit der Formen und die Komplexität der kompositorischen Strukturen, führt dazu, dass die Kunstwerke Christiane Latendorfs uns unmittelbar und ohne intellektuelle Umwege erreichen und immer auch berühren. Die Assoziationskraft ihrer Bilder wird dadurch erweitert, dass die Künstlerin in ihrem Werk eine eigene symbolträchtige Ikonographie entwickelt. Darin enthalten sind sowohl Motive christlicher Ikonographie als auch Symbole fremder Kulturen, die die Künstlerin besucht hat. Die Form des menschlichen Auges kann so nicht nur der Charakterisierung eines Gesichts dienen, sondern sie kann auch für die Gabe innerer Schau oder des mythischen Sehers stehen. Darüber hinaus wird man bei vielen der gestalteten Gesichter der Künstlerin an das Wort des Evangelisten Lukas erinnert, nach dem die Augen das Einfallstor der Seele sind. Hier wird eine weitere Dimension möglicher Deutung offenbar.

bis 27. März, Dresdner Volksbank Raiffeisenbank (Villa Eschebach), Georgenstraße 6, geöffnet Mo/Mi 8.30-16, Di/Do 8.30-18, Fr 8.30-13 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.03.2015

Gisbert Porstmann

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