Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+
Kein Ruhestand für „Bösewicht vom Dienst“

Rolf Hoppe wird 85 Kein Ruhestand für „Bösewicht vom Dienst“

König, Patriarch und Schurke - Schauspieler Rolf Hoppe lässt sich nicht festlegen. Sein Nazi-General in „Mephisto“ und Vater Wieck in „Frühlingssinfonie“ sind Legende. Eines aber blieb ihm versagt.

Quelle: dpa

Dresden. „Am meisten hänge ich an den kleinen Rollen.“ Rolf Hoppe sitzt in seinem Blockhaus am Stadtrand von Dresden. Eine ganze Parade großer Nussknacker säumt den Ofensims. Draußen hat der erste Schnee seine „grüne Wiese“ bezuckert, wie der Schauspieler den Garten liebevoll nennt. „Das Wichtigste ist ein gutes Zuhause“, sagt Hoppe, der nächsten Sonntag (6. Dezember) 85 Jahre alt wird, und zieht an seiner Pfeife. „Die hat mir der Doktor in den 1940er Jahren verordnet, statt Zigaretten.“

Von Ruhestand keine Spur, drei Filme hat der gealterte Mime mit grauem Vollbart und den lustigen blauen Augen in diesem Jahr gedreht. Und 2016 gibt es neue Projekte. „Ich arbeite gern, es ist ja auch ein schöner Beruf“, sagt er. Er freut sich darüber, dass er nach wie vor gefragt ist. Nur mit seiner Kraft muss er inzwischen sparsamer umgehen.

Deshalb hat er die große Bühne längst verlassen, auch im eigenen Hoftheater im nahen Weißig ist der „närrische Verführer“ nur noch Zuschauer. „Es ist zu anstrengend.“ Hoppe hatte den Bauernhof 1995 gekauft und dem Verein gestiftet, der ihn mit Hilfe von Gönnern und Sponsoren sanierte und betreibt. Dort treten zuweilen auch die beiden Hoppe-Töchter auf, die sein Talent geerbt haben. Eine, Christine, ist am Dresdner Schauspielhaus engagiert. 

Seine „Spielwut“ lebte Hoppe erstmals in einer Laientheatergruppe in seinem Heimatort Ellrich im Harz aus. Damals verdiente sich der Thüringer sein Geld noch als Kutscher und Bäcker. Dass er mit Theater sich und anderen Freude bereiten konnte, wurde zum Motiv für seine Berufswahl. „Ich wollte den Menschen nach dem Krieg das Lachen wiedergeben“, sagt Hoppe. 

Dabei war seine Karriere 1950 wegen einer Stimmbandlähmung fast zu Ende - er musste sich zeitweise als Tierpfleger im Leipziger Zirkus Aeros verdingen. Nach einer Schulung am Institut für Stimmbildung gelang ihm dann in Halle/Saale jedoch ein Neuanfang. „Das Gesunden meiner Stimme war das Wichtigste im Leben, sonst hätte ich nicht Schauspieler werden können“. Bühnen in Erfurt, Halle, Greifswald, Leipzig und Gera waren erste Stationen nach dem Schauspielstudium. 1961 kam Hoppe nach Dresden, zwei Jahre später auch zum Film.

Sein General Göring als Gegenspieler von Klaus Maria Brandauer in István Szabós preisgekrönter Verfilmung von Klaus Manns Roman „Mephisto“ machte ihn 1980 international bekannt. Auch als Vater der Pianistin Clara Schumann in der „Frühlingssinfonie“ von Peter Schamoni zeigte Hoppe Weltklasse. Bei den Salzburger Festspielen war er mehrmals der Mammon im „Jedermann“. Dabei macht er auch aus kleinsten Szenen große Kunst. „Ich spiele ja für Menschen, will ihnen Lebenshilfe und Humor geben.“

Trotz Angeboten für internationale Produktionen blieb dem DDR-Mimen der Weg nach Hollywood versperrt. „Das war kein Thema, denn da wird in Englisch gedreht.“ Er habe es schon gern lernen wollen, aber Russisch pauken müssen. Ein Schauspieler müsse in der Sprache spielen, „in der er denkt und fühlt“, sagt er. „Ich bin zufrieden, wenn Figuren in der eigenen Sprache gelingen, und in der kann ich es nur.“

Seit 1963 füllte Hoppe mehr als 400 Film- und Bühnenrollen aus und gab im Theater fast allen klassischen und komischen Figuren der Weltliteratur Gestalt. Der Versuchung, der DDR beim Dreh im Ausland den Rücken zu kehren, erlag er nie. „Der Bauer hängt an seiner Scholle.“ Und er blieb auch im neuen Film-Deutschland begehrt, spielte in „Bronsteins Kinder“, „Schtonk!“, „Mario und der Zauberer“ und den Rabbi im Kinoerfolg „Alles auf Zucker“.

Nun nimmt sich der dreifache Großvater mehr Zeit für sich und die Familie - und Bücher. „Ich schmökere gern und die Literatur ist auch ein bisschen mein Doktor.“ Dem Schauspieler geht es abgesehen von Müdigkeit gesundheitlich gut. „Ich gehe spazieren, aber ich bin auch ein bißchen faul geworden.“ Das Texte-Lernen fällt schwerer als früher. Da helfe nach wie vor nur „lesen, lesen, lesen!“

Bei der Auswahl reizen ihn die vielschichtigen Charaktere, „das Böse im Guten und das Gute im Bösen“. Die Widersprüche zeigen sich in Hoppes Figuren subtil, egal wen er spielt: Märchenkönig oder historische Figur, Nazi oder Familienpatriarch, Cowboy oder Rabbi, Unternehmer oder Agent, Wissenschaftler oder „Tatort“-Kommissar.

In gut 50 Jahren Karriere gibt es nur zwei weiße Flecken: „Einen Kindermörder würde ich nie spielen“, sagt der Darsteller, der lange als „Bösewicht vom Dienst“ galt und „bei den Pferden gelandet“ wäre, wenn es mit der Stimme nicht geklappt hätte. Die andere Ausnahme ist eher ungewollt: eine Liebhaberrolle wurde ihm nie angeboten. „Ein dicker Mann kann doch auch liebhaben.“ Seine Bilanz trübt das nicht. „Ich habe ein gutes Leben.“ Angst vor dem Tod hat der Mime nicht, wünscht sich nur einen erträglichen Übergang. „Wenn es so weit ist, dann ist es so weit.“

Simona Block, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr