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Kein Ende in Sicht - Die Ärzte spielten gleich drei Mal am Dresdner Elbufer

Kein Ende in Sicht - Die Ärzte spielten gleich drei Mal am Dresdner Elbufer

Defibrillator, Sauerstoffzelt und Gehhilfen waren nicht vonnöten, selbst über die Marathondistanz von drei Tagen und jeweils drei Stunden. Die Ärzte kamen an der Elbe ganz ohne Beistand der namensgebenden Kaste aus und zeigten sich gut gelaunt, kletterfreudig und spielversessen bereits am Freitag zum Eröffnungskonzert vor mehr als 10 000 Fans.

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Zwei Drittel Die Ärzte: Farin Urlaub und Bela B. (v.l.) sorgten gemeinsam mit Kollege Rodrigo González für insgesamt neun Stunden Konzert, netto.

Quelle: Dietrich Flechtner

Unter dem Motto "Das Ende ist noch nicht vorbei" stehen sie in diesem Sommer zirka vierzigmal auf der Bühne und hinter fast jedem Konzerttermin ist rot vermerkt: "Ausverkauft". Der Grund für diesen Ansturm auf die Karten ist recht schnell gefunden. Einerseits streute die Band in den letzten Monaten Gerüchte, wonach das Ende in Sicht sei, organisierte kurze Zeit darauf allerdings bereits eine Comebacktour für den Herbst und feuerte die Gerüchteküche ordentlich an. Das weitaus wichtigere Phänomen, das ihnen die Fans in die Arme treibt, ist ihre Anmutung und ihr Umgang mit dem Publikum. Sie verkörpern eine Art Spaßpop mit tiefgründigen Ansätzen, wirken selten dogmatisch, nehmen sich nicht ganz ernst und begeben sich so auf Augenhöhe mit den Menschen, die ihnen schmachtend verfallen.

Selbst an- oder besser gesagt auszügliche Sprüche kann dem würdevoll alternden Trio keiner übelnehmen. "Bela, komm mal rüber. Hier ist eine Frau, die will dir schon lange ihre Brüste zeigen." Darauf die spontane Reaktion: "Was, die da, die auf den Schultern sitzt, die da, die unter den Achseln schwitzt?" Die Bühnenkamera wird in dem Moment mutig herumgerissen und fängt die junge Frau ein, die beherzt ihr T-Shirt nach oben streift. Nur eine Situation, die koloriert, welchen Status Die Ärzte haben, wie sie mit den Massen interagieren und wie alle Faxen eine Pointe finden.

Gut, sie könnten die Väter einiger Fans sein, aller wohl nicht, da setzt die Biologie ihre Grenzen, aber ein Geheimnis ist es nicht, dass sie überaus lebens- oder besser liebesbejahend die Bühne betreten und verlassen. Ihrem Wortschatz sind die vulgären Anzüglichkeiten nicht fremd und so ist es eines ihrer Markenzeichen, dass sie gern ausführlich über das Ficken sprechen und die Intimbehaarung öffentlich diskutieren.

Einst sind die Ärzte angetreten, um sich mit der Schlagzeile "Die beste Band der Welt" aus den Proberäumen zu befreien, und hatten dazu kein Konzept, nur ein gutes Selbstbewusstsein. Im Nachhinein betrachtet die entscheidende Eigenart, denn es kam bei ihren Konzerten selten darauf an, dass die Songs fehlerfrei gespielt oder die Bühnenshow perfekt inszeniert wurde, und gerade das war und ist ein anderes ihrer Markenzeichen - auch die beste Band der Welt darf einen Einsatz vergeigen, darf den Text vergessen und ohne Plan auf die Bühne gehen.

Mal sehen, was kommt, das dürfte auch die Losung gewesen sein, die sich Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo González gegeben hatten, als sie nach vierwöchiger Pause ohne große Vorbereitung nach Dresden kamen. Von Anspannung war kaum etwas zu spüren, "wir sind die Besten", lassen sie ihr Publikum musikalisch wissen und weisen die schlafenden Freibeuter darauf hin: "Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist, es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt". Das sind aufmunternde Worte, die auf offene Ohren treffen und die jeder gern mitsingt. Etwas komplizierter dagegen waren für den Chor der Massen die Passagen durchaus gängiger Hits, die in etwas neuem Gewand auf die Bühne gebracht wurden.

Anders als noch 1984 stehen Die Ärzte heute immer wieder in den Zeitungen, gibt es heute bei ihnen keine Pommes mehr, ist das klapprige Damenrad gegen ein tolles Auto eingetauscht worden. Heute ist es tatsächlich "Zu spät" - also nur konsequent, wenn die Dame der Wahl ins Ritz eingeladen wird, ob sie damit Supermann aller Ladys sind oder manchmal doch lieber ein ganz normales, aufregendes Leben führen würden?

Es bleiben einige Geheimnisse, beispielsweise auch die Frage, ob sie die etwas vermissen, wenn sie die großen Konzerte geben, bei denen ihre Eigenarten nur aus der Ferne zu ahnen sind, ob sie sich noch mal als Bravo-Starschnitt verkauft sehen möchten und das entsprechende Publikum vorgesetzt bekommen wollen. Fragen, die sich mit 50 gut stellen lassen. Woraus sie aber kein Geheimnis machen, ist die Tatsache, dass sie schon mal öffentlich hinterfragen, ob man in dem Alter noch so albern sein und blöde Sprüche klopfen darf oder nicht irgendwann mal von der Bühne gekehrt wird?

In Dresden jedenfalls hätte dazu niemand angesetzt, und Mutproben, wer als erstes die Bühnenmasten erklimmt, nehmen die Besucher gern als Erinnerungsfoto mit. Selbst die langatmige Ankündigung ihres letzten Liedes war ein Hinhörer, gefühlte 20 Minuten immer wieder die gleiche Leier, "... jetzt kommt unser letztes Lied, das letzte Lied - hat keine Scheide und kein Glied, das letzte Lied...". Ein schöner Kontrastpunkt zu einem schnellen und mutigen Konzert und vor allem einem eindrucksvollen Duett, das Bela B. mit Lee Hazlewood einst sang, damals hieß es "Das erste Lied des Tages". Und nachdem der "Rebell" dann verklungen war, folgte eine Stunde Zugabe - Die Ärzte, eine Drei-Tage-Sommerparty mit der Ansage: "Das Ende ist noch nicht vorbei". Stephan Wiegand

weitere Fotos unter www.dnn-online.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.08.2012

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