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Karsten Dümmel Roman über die Unterdrückung eines DDR-Autors

Karsten Dümmel Roman über die Unterdrückung eines DDR-Autors

Karsten Dümmel ist einem breiten Publikum in Dresden bekannt geworden durch zahlreiche Lesungen aus seinem erfolgreichen, in vielen Sprachen übersetzten Roman-Erstling "Nachtstaub und Klopfzeichen".

Einige Jahre hatte er seinen Lebensmittelpunkt auch in Sachsen. Sein vor kurzem erschienener Roman "Strohblumenzeit" beginnt mit folgenden drei Sätzen: "Er konnte sich nicht erinnern, wann er den Zettel in seiner Tasche entdeckt hatte. Irgendwann fingerte er das fremde Papier im Kittel. Er wußte nicht, wer es ihm zugesteckt hatte: HAUSSUCHUNG - HEUTE."

Dümmel braucht nur diese Sätze, um zum Thema vorzudringen. Im Zentrum steht der hoffnungsvolle, junge Dichter Arno K., dem in der DDR alle Wege offen gestanden hätten, wenn er nicht auf einem Poetenfestival Gedichte gelesen hätte, die den Staatssicherheitsdienst auf den Plan riefen. Der ganze verlogene Apparat wird in Bewegung gesetzt, um Arno K. zu reglementieren. Er arbeitet als Elektroinstallateur in einem Stahlwerk. Bald darf er seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, seine Arbeitszeit wird so verändert, dass er kaum zum Schreiben kommt. Die Redaktionen lehnen plötzlich seine Gedichte als untalentiert ab. Seine einzig verbliebenen Auftrittsmöglichkeiten in kirchlichen Kreisen zerschlagen sich ebenso, wie die Freunde sich von ihm abwenden, als die Stasi streut, K. sei ein inoffizieller Mitarbeiter. Seine Freundin Marie-Sophie, eine in Westberlin studierende Französin, ist schwanger. Die Situation spitzt sich weiter zu, als ihr die Einreise verweigert und der telefonische und briefliche Kontakt unterbunden wird.

Parallel zu diesem Szenario kann der Leser die Maßnahmen der Stasi im Originaljargon verfolgen. Diese Passagen verleihen dem Roman beklemmende Authentizität. Zynisch wird im "Operativen Vorgang Strippenzieher" über Ks. Leben entschieden. Dem entgegen setzt der Autor eine andere Ebene, jene "Strohblumenzeit", jährlich zwei Monate während der großen Ferien, die das Kind bei der Großmutter auf dem Land verbringt: eine harmonisch erlebte Zeit, in der der Junge Liebe und Wärme erfährt, die ihm die eigenen Eltern nicht geben können. Er erinnert sich an Bootsfahrten über den See, erste Tauchversuche mit den Jungen vom Dorf, vor allem aber an die bei Zigeunern aufgewachsene Großmutter, die das Leben liebt und es in vollen Zügen genießt. Sie raucht Zigarren, ist im Dorf als Wahrsagerin bekannt und unterhält ihren Enkel mit fesselndem Erzählen - eine lebenspralle, integere Figur. Sobald der Staatssicherheitsdienst Arno weiter in die Enge treibt, ihn schließlich psychisch massiv destabilisiert, bleibt ihm nichts anderes als die gedankliche Flucht in die "losgelösten Sommer seiner Kindheit".

Der Roman erfährt eine jähe Wendung, die auch eine zeitliche Zäsur bedeutet, als die Tochter von Marie-Sophie und Arno auftaucht. Sie lebt in Frankreich und macht sich auf den Weg nach Berlin, um die Observationsakte ihres Vaters einzusehen. Sie hat ihn nie kennengelernt, noch vor 1989 ist er in der Psychiatrie verstorben. Die junge Frau möchte in Erfahrung bringen, wer ihr Vater war, weshalb er sie nie besucht hatte. War er gleichgültig oder ein Verräter, war er als Dichter "ein Kämpfer für die Freiheit der Phantasie"?

Der Roman ist gekonnt komponiert und berührt, was nicht zuletzt an der suggestiven Sprache liegt, die den Leser in ihren Bann zieht. Zurück bleiben Fragen wie bei jeder Literatur, die diesen Namen verdient. Was aus Arno geworden ist, wissen wir, ebenso was aus Marie-Sophie, aber wir können nur ahnen, wie beider Tochter mit ihrem aus den Akten gewonnenen Wissen umgeht. Vielleicht wird sie Fragen nach den Tätern stellen, nach Schuld und Sühne.

Karsten Dümmel, 1960 in Zwickau geboren, weiß, worüber er schreibt, und er muss es schreiben, bevor es vergessen wird. Er macht nach der Ausbildung zum Elektromechaniker sein Abitur, darf aber nicht studieren. Er gründet mehrere Friedens- und Menschenrechtsgruppen, wird zur Zwangsarbeit als Fensterputzer und Gebäudereiniger verurteilt und inhaftiert. Er stellt einen Ausreiseantrag, den er sechsundfünfzig Mal erneuert. 1988 kauft ihn die Bundesrepublik Deutschland frei.

Dümmel arbeitet als Entwicklungshelfer in Afrika und Osteuropa.

Karsten Dümmel. "Strohblumenzeit", Roman. Transit Verlag, 16,80 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.08.2014

Michael G. Fritz

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