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Karrieren unterm Hakenkreuz: Buch widmet sich Dresdner Tätern und Akteuren im Nationalsozialismus

Karrieren unterm Hakenkreuz: Buch widmet sich Dresdner Tätern und Akteuren im Nationalsozialismus

"Ich bin's nicht, Adolf Hitler ist es gewesen!" So lautet der Titel eines Theaterstücks von Hermann van Harten, mit dem die Freien Theateranstalten in (West-)Berlin 1984 einen Hit landeten, der zum Dauerbrenner wurde, auch andernorts gern gespielt wird.

Denn es stellte frech das tradierte Bild in Frage, allein der vom böhmischen Gefreiten zum "Größten Feldherrn aller Zeiten", von der verkrachten Existenz zum Führer avancierte Hitler wäre an allen Verbrechen schuld gewesen.

Heute weiß man nicht nur, dass Cäsar nicht allein die Gallier schlug, er mindestens noch einen Koch dabei hatte, sondern dass auch Hitler zahllose willige Helfer hatte. Wobei man es allerdings weder hierzulande noch im Ausland wahrhaben will, dass auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges an der Ostfront jeder dritte Uniformträger im Kampf gegen die Sowjetunion ein Ausländer war.

An Enthülllungen mangelt es an sich nicht: Wenn die Auflage bzw. Quote über längere Zeit mau war, dann bringen große Magazine bzw.TV-Sender exklusive Enthüllungen über die Frauen, die Hunde, die Generäle oder die Mahlzeiten des Führers. Hitler sells, gibt ganzen Heerscharen von Journalisten und Historikern Brot, als profitabelstes Beispiel dafür könnte ZDF-"Chefhistoriker" Guido Knopp genannt werden. Es gilt das Gesetz des Marktes, die zeitgeschichtliche Auftragsforschung steht in Deutschland in voller Blüte. Im Vierteljahrestakt ergehen Aufträge aus Ministerien, Behörden und Verbänden an Wissenschaftler, die Verstrickung der Institution während des Tausendjährigen Reiches zu erforschen, darüber hinaus stehen auch personelle wie ideelle Kontinuitäten der NS-Zeit in der Geschichte der Bundesrepublik im Fokus. Gefragt wird, wie Nazis, die es nicht nur in Berlin, sondern auch in Stuttgart und Hamburg, Dresden und Köln, in Böblingen und Celle gab - es könnten also viele Bücher fällig werden, die zwar einerseits nur auf regionales Interesse stoßen dürften, gleichwohl aber wichtig sind - , zu Demokraten wurden, wenn überhaupt? So wird im Auftrag des Justizministeriums in Berlin erkundet, wie es in der Bundesrepublik zu den Amnestiegesetzen der Jahre 1949 und 1954 gekommen ist, die NS-Tätern zugute kamen und von eventuell selbst belasteten Beamten des Bundesjustizministeriums vorbereitet wurden.

Wie gesagt, es ist nicht Hitler allein gewesen, namentlich bekannt sind aber nur die wenigsten Akteure und Täter, die im Dritten Reich ihre "Arbeit" verrichteten. 50 teilweise "ganz normale Deutsche" holt der jetzt im Dresdner Sandstein Verlag herausgebrachte Band "Braune Karrieren" aus dem Dunkel der Geschichte, widmet sich damit also explizit Dresdens "brauner" Vergangenheit. Gänzlich unbearbeitet ist das Terrain nicht, das mit dem jetzt in der Denkstätte Münchner Platz präsentierten Werk betreten wird, aber die Neuerscheinung fokussiert den Blick, wie Hans-Peter Lühr in seinem Beitrag "Was nicht aufhört weh zu tun..." zu Recht festhält.

In dem Sammelband mit 42 Beiträgen von 31 zumeist Historikern verschiedenster wissenschaftlicher Institutionen wie dem Dresdner Hannah-Arendt-Institut oder auch dem Zentrum für Totalitarismusforschung in Potsdam finden sich nicht nur vergleichsweise noch bekannte Namen wie Martin Mutschmann und Wilhelm Kreis, sondern auch viele, die sich hinter Mutschmanns breitem braunem Rücken verstecken konnten und deshalb zumindest dem historischen Laien heute nichts mehr sagen. Aus den Einzelbiografien wird ersichtlich, wie nicht nur hochrangige Funktionäre und Amtsträger, sondern auch Mediziner, Professoren, Juristen, Museumsleute, Unternehmer, ja sogar Theologen in das NS-System eingebunden waren und es letztlich stützten. Auch wenn sie teils nicht direkt an Verfolgung und Mord beteiligt waren, ohne ihre Unterstützung wäre die Diktatur nicht so stabil gewesen. Gegliedert ist das profunde Werk in zwölf Komplexe, die da u.a. lauten: "Rassenhygiene", "Fachleute der Vernichtung" oder "Wissenschaft und Schule".

Es ging nicht darum, wie von den Herausgebern im Vorwort festgehalten wird, "Verbrecher" zu porträtieren, vielmehr habe "die differenzierte Befragung der Lebensläufe und Motive im Vordergrund" gestanden. So unterschiedlich die Biografien sein mögen, ließen sich aus ihnen doch, wie Christine Pieper und Mike Schmeitzner einleitend schreiben, einige allgemeine Erkenntnisse ableiten, die mit Sachsen und der Gauhauptstadt Dresden in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Neben den Faktoren Ideologie, Karrieregründe und Professionalisierungsbestrebungen seien es vor allem inhaltliche "Schnittmengen" (sogenannte Teilidentitäten) gewesen, "die viel zu viele" zum "Mitmachen" bewegten" , abgesehen davon, dass das Dritte Reich wie jede Diktatur seine kleinen Nutznießer und gelegentlichen Denunzianten, seine Mitläufer und Trittbrettfahrer hatte.

Natürlich wird einmal mehr der in den letzten Jahren ohnehin zunehmend in Frage gestellte Mythos von Dresden als "Opfer" ein weiteres Mal zerpflückt. "Elbflorenz" war durchaus auch im Dritten Reich Kunst- und Kulturstadt, aber eben darüber hinaus nicht zu knapp Schalt- und Befehlsstelle des sächsischen Nationalsozialismus, in der 1935 mehr als 20000 politische Funktionäre dem Regime und seiner Ideologie, dem Gauleiter wie dem Führer "entgegen arbeiteten", um eine prägnante Formel des englischen Historikers und Hitler-Biografen Ian Kershaw aufzugreifen. Und davon abgesehen, war Dresden auch Industriestadt und ein bedeutender Garnisonsstandort sowie vielleicht nicht die, wohl aber eine "braune" Hochburg. Von hier schafften es einige NS-Apparatschiks bis weit oben in Berlin. Etwa Otto Georg Thierack. Der "Alte Kämpfer" war zunächst Mutschmanns Mann fürs Grobe, was die Justiz anging, zum 1. Mai 1936 dann Präsident des Volksgerichtshofes, der in der Regel nur mit Thieracks berüchtigtem Nachfolger Roland Freisler verbunden wird. Und schließlich brachte es der autoritäre, intrigante, karrieresüchtige Nationalsozialist zum Reichsjustizminister. In Nürnberg wollten ihm die Alliierten den Prozess als Kriegsverbrecher machen; bevor es dazu kam, nahm sich der von den Briten inhaftierte Thierack Ende Oktober 1946 im Lager Eselheide das Leben.

Der Autor Gerhard Lindemann, Theologe und außerplanmäßiger Professor für Kirchengeschichte, widmet sich u.a. Johannes Klotsche, dem Vertrauten Mutschmanns an der Spitze der Landeskirche, und Walter Grundmann, dem "Chefideologen" der sächsischen Deutschen Christen. Grundmann war Schriftleiter des im Juli 1933 erstmals erschienenen, vom neuen deutsch-christlichen Landesbischof Friedrich Coch herausgegebenen sächsischen Monatsblatts "Christenkreuz und Hakenkreuz", war ab 1. April 1934 förderndes Mitglied der SS, bejahte in der Schrift "Totale Kirche im totalen Staat" den "totalen Anspruch" des NS-Staates "an den Menschen" und die Fundierung des Staates auf Blut und Rasse. Pikantes Detail: Im November 1956 warb der Staatssicherheitsdienst der DDR Grundmann als Geheimen Informanten an.

Das Buch zeigt auch, dass den wenigsten der Täter und Akteure nach 1945 der Prozess gemacht wurde. Die meisten konnten untertauchen, zeitweise auch Henry Schmidt, der Leiter des Judendezernats der Dresdner Gestapo. Er brachte es in der DDR bis zum "Aktivsten der sozialistischen Arbeit", dann aber wurde seine wahre Identität doch erkannt. Anfang April 1986 wurde der als Rentner in Chemnitz lebende Schmidt verhaftet, in Dresden vor Gericht gestellt und zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilt. Mehr als die Hälfte der in diesem Buch vorgestellten Männer und Frauen aber floh in die Westzonen, wo sie keiner kannte oder kennen wollte, was es der "antifaschistischen" DDR mit ihrem Schwarz-Weiß-Bild vom Nationalsozialismus erleichterte, der Bundesrepublik Versagen in Sachen Vergangenheitsbewältigung vorzuwerfen.

Am 15. Februar findet anlässlich der Neuerscheinung ab 19 Uhr im Dresdner Stadtmuseum eine Podiumsdiskussion statt. Es diskutieren u. a. die Autoren Mike Schmeitzner, Thomas Schaarschmidt und Birgit Sack sowie der Schriftsteller Marcel Beyer. Moderation: Justus H. Ulbricht. Der Eintritt ist frei.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.01.2012

Christian Ruf

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