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Kalli Kalde aus Estland zeigt Werke im Internationalen Begegnungszentrum des Ausländerrates

Kalli Kalde aus Estland zeigt Werke im Internationalen Begegnungszentrum des Ausländerrates

Das Internationale Begegnungszentrum zeigt derzeit eine Ausstellung mit grafischen Arbeiten von Kalli Kalde aus Estland. In farbgewaltigen Lithografien folgt sie den Mythen alter Völker, deren Symbole sie mitunter wie selbstverständlich vermischt.

Kalli Kalde: Brief aus dem Gulag, Algrafie, 2010.Repro: K. Kalde

So zeigt sie, wie einem afrikanischen Märchen zufolge, vor vielen Generationen "Schlangen zu Menschen" wurden: Eine Gruppe stilisierter, rot gezeichneter Gestalten erinnert an steinzeitliche Felsmalereien von Schamanentänzen, in denen Tiermasken magische Kräfte besaßen. Der mehrstufig verschlungene Leib Schlange hingegen ähnelt eher den endlos verflochtenen Schlangenbändern auf skandinavischen Runensteinen. "Der mit der Schlange tanzt" indes weist auf die Hochkultur der Azteken.

Selbst hat Kalli Kalde nicht alle ihre Traumwelten besucht. In ihrer Jugend gab es kaum Reisemöglichkeiten, und als die Grenzen durchlässiger wurden, studierte sie gerade, und Kinder kamen. Doch sie konnte sich auch in Reiseberichten, Fotografien und Atlanten verlieren. Mit dem russischen Baron von Krusenstern verfolgte sie die erste russische Weltumsegelungsexpedition von 1803 bis 1806 und erforschte Länder und Meere des Nordens. Als sie im Osten ihres Landes, in Ass, Krusensterns Alterssitz entdeckte, schon von den Jahren gezeichnet und mit Wäsche, die im Innenhof zum Trocknen aufgehängt war, da belebte ihre Phantasie ihn sofort mit den Abenteuern, die der einstige Bewohner vor 150 Jahren dort, wieder und wieder seinen Besuchern geschildert haben mag.

Neben diesen warmtonigen Farblithografien wirkt die Gruppe der experimentellen Algrafien auf den ersten Blick kühler, fast dokumentarisch, weil sie hier teils mit Fotografien arbeitet, teils mit noch ungewöhnlicheren Materialien. Es sind Arbeiten, mit denen sie sich persönlichen und schmerzhaften Themen nähert. Die "Briefe aus dem Gulag" sind ihrem Großvater und einem Onkel gewidmet, die beide in Workuta, nördlich des Polarkreises, als politische Gefangene in den Kohlegruben Zwangsarbeit leisten mussten. Sie hatten während des Zweiten Weltkriegs, in dem die Front mehrfach bis nah an ihr Dorf, das zwischen Deutschen und Russen lag, herangerückt war, weder auf die Einen noch auf die Anderen schießen wollen. Mit der Einbindung einer filigranen Stickarbeit sind diese Blätter zugleich auch der Großmutter gewidmet, die nach Kriegsende ihre drei Kinder sieben Jahre lang allein durchbringen musste: "Gefrorene Träume" nannte Kalli Kalde das Blatt um ein zerstörtes Glücks, ohne das ihre Mutter ihre Kindheit erlebte.

Bei beiden Grafiken mit großen Rentierherden möchte man wieder an Forschungsberichte einer Expedition denken. Doch es waren keine Wissenschaftler, die über das nomadisierende Leben der Komi im äußersten Norden Europas berichteten, wo Minusgrade bis unter 56 Grad Celsius gemessen wurden, sondern der Zwangsarbeiter Voldemar, der auf diese Art von der Zensur unbeanstandet seine Familie wissen lassen konnte, dass er noch lebte. Das scheinbar intakte Nomadenleben konterkarierte Kalli in ihren Arbeiten lediglich durch sperrige rote Linien, die wie Stacheldrahtknäuel allgegenwärtig sind. Großvater Voldemar übrigens hatte Glück: Zwei Jahre nach Stalins Tod wurde er im Zuge einer Amnestie nach Hause entlassen, wo er 1978 verstarb.

Kalli Kalde lebt mit ihrem Mann, einem Kunstlehrer an der Tartu Art School, den Zwillingstöchtern (die Brüder gehen bereits zur Uni) und mit einer Katze in ländlicher Umgebung an einem See nahe der Stadt Tartu. "Ihren See", wie sie sagt, sieht man auf einer kleinen Tiefdruckarbeit, die ganz von einem Netz von Schaltplänen überzogen scheint.

Doch darunter erkennt man ein Boot und darin ihren Sohn, der heute Informatik studiert, als Kind. Die kleine Tiefdruckfolge entstand im vergangenen Jahr in Schweden, weil sie keine eigene Druckpresse hat. Vorher hatte sie bereits in Tallin und in Finnland gedruckt. Mit jeder Druckphase, die sie zugleich zum Kennenlernen anderer Länder und Kollegen nutzt, variiert auch ihre Handschrift. Die Dresdner Arbeiten haben einen weichen, in Blau und Beigetönen gehaltenen Duktus: ein "Frühlingsboot" und ein "Marabuboot", "Fortfliegende Vögel" und eine schwangere "Posaunespielerin". Jördis Lademann

bis 17.November, Heinrich-Zille-Straße 6, Nähe Wasaplatz, geöffnet Mo-Fr 10-16 (Do geschl.) und zu Veranstaltungen, Kontakt: Tel. 0351/4363730

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.10.2012

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