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K.I.Z. rappten live im Alten Schlachthof Dresden

Größer als Gott K.I.Z. rappten live im Alten Schlachthof Dresden

Sie sind gekommen, um der Volksverdummung Einhalt zu gebieten. Über zwei Stunden lang tun sie dann nichts anderes, als mit Fäkal-, Gewalt- und Pornoausdrücken um sich zu werfen. Auf ihrer "Hurra, die Welt geht unter"-Tour lassen die drei Rapper und ihr DJ raus, wofür andere in den Knast müssten.

K.I.Z. am Donnerstag im Alten Schlachthof.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. K.I.Z. Sie sind gekommen, um der Volksverdummung Einhalt zu gebieten. Über zwei Stunden lang tun sie dann nichts anderes, als mit Fäkal-, Gewalt- und Pornoausdrücken um sich zu werfen. Auf ihrer "Hurra, die Welt geht unter"-Tour lassen die drei Rapper und ihr DJ raus, wofür andere in den Knast müssten. Aber wenn man sich erst einmal mit dem krassen Zynismus im K.I.Z.-Land abgefunden hat, ist ihre pompös aufgeführte Show ganz witzig.

Der Alte Schlachthof ist lange vorher ausverkauft. Junge und ältere Fans drängen sich am Werbestand von "Die Partei" vorbei, auf dem Postkarten liegen. "Grüße aus dem Glatzenpark-Sächsische-Schweiz" und eine in Trachten gekleidete Beate Zschäpe schaut dazu grimmig. Im großen Saal rührt derweil der Berliner Rapper PTK das Publikum warm mit höchst unironischen Songs über zu reiche Touristen in seinem Berlin und das schützenswerte Ghettoleben in Kreuzberg. Ein Mädchen fällt noch vor Showbeginn um, steht aber rechtzeitig wieder auf.

Um neun geht der große Vorhang auf und entblößt eine beeindruckende Ostblock-Bühne. Vier uniformierte Statuen stehen vor zerbröckelnden Hochhäusern, die auf die Leinwand dahinter projiziert werden. Dazwischen ein Panzer, auf dem DJ Craft erscheint und dort meistens wild mit den Armen fuchtelt. Manchmal macht er was an seinen Plattentellern und Effektgeräten. Die anderen drei kommen aus dem Backstage, wo sie noch schnell fünf Kilo Koks und ein paar Mädels vernascht, einen Typen beim Wilhelm Tell-Spielen erschossen und den Veranstalter zu Tode erschreckt haben. Dann geht's los mit dem "Urlaub fürs Gehirn", dem ersten Titel, der auch keine schlechte Überschrift fürs gesamte Konzert abgäbe.

Als "das schlechte Gewissen der deutschen Bourgeoisie" treten sie auf. In schwarzer Uniform. Sie hassen die Reichen, die das Proletariat knechten und ausbeuten. Natürlich trinken sie dazu Schampus, werfen mit Geld um sich und dissen die Armut, wo es nur geht. Die dicke Hose der Ironie sitzt besser denn je. Jetzt, wo sie deutschlandweit von zahlungskräftigem Publikum bejubelt werden, dafür, dass sie jede politische Inkorrektheit aussprechen. Dafür, dass sie nicht mehr den Mussolini (wie damals DAF), sondern den Adolf Hitler tanzen und sich über Behinderte lustig machen ("Wer über diesen Song lacht, ist noch schlimmer als die Nazis!").

Sie befinden, dass Jan Böhmermann pädophil ist, und ziehen so ziemlich jede Mutterarschkarte, die es auf der Welt gibt. Maxim klettert irgendwann aus der Mitte zweier Frauenbeine heraus; blutüberströmt und nur mit einer Windel bekleidet rappt er: "Ich hab zwei Kugeln in der Kammer, eine für Papa, eine für Mama." Es ist schräg, wie 2000 Mittelschichtmenschen dazu klatschen, die Köpfe wiegen und mitgrölen.

Vor ihnen, auf der Bühne, tanzt die dunkle Version der Backstreet Boys, während die Statuen hinter ihnen keine Miene verziehen. "Wir sind das Letzte und wir werden die Ersten sein", der Spruch hat sich bewahrheitet. Denn wer mit mittelmäßigen Beats und zusammengeklauten Melodien so viel Erfolg hat, der kann sich auf die Schulter klopfen.

Dass sie eine ziemlich clevere Show aufführen, in der sie nicht aus ihrer Rolle fallen, merkt man an gelegentlichen Kommentaren. Wenn sie Schampus trinken und im Publikum gebuht wird, reagiert Nico alias Euro8000 mit "Das ist nicht schwul, das ist reich". Und wer reich ist, der kann sich alles erlauben. Vor kurzem waren sie in Kreuzberg in der Kirche ("nicht in Dresden, im Osten gibt's ja keine Kirchen"), wollten beichten, doch Gott hat sich nicht getraut runterzukommen. Sie sind eben mächtiger als er, schließen sie daraus. Also rufen sie zu Gewalt und Hass auf und ihre Fans - vermutlich größtenteils zur Ironie fähig - saugen mit ihren K.I.Z.-T-Shirts, Jacken und orangenen Bannern von den "Taka Tuka Ultras" alles auf. Einige rauchen heimlich eine Zigarette oder werfen mit vollen Bechern und dann ist es ja vielleicht schon wieder genug mit ihrem Hass.

Manche haben den letzten Song der Zugabe noch auf den Lippen, eine A-cappella-Version vom Song "Hurensohn", den K.I.Z. zur Melodie von "We are the world" zum Besten geben. "Deine Mutter wird gef-, so lang bis sie erstickt", singen die Fans noch, als sie an den Müttern vorbeilaufen, die am Eingang auf ihre Kinder warten.

Juliane hanka

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