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(K)ein Balkanmärchen: Ausstellung "Balkan Tale" in Chemnitz mit Schwächen

(K)ein Balkanmärchen: Ausstellung "Balkan Tale" in Chemnitz mit Schwächen

Fünf Fotografen aus Frankreich, Deutschland, Mazedonien, Serbien und Kosovo hat das Goethe-Institut verpflichtet, um für das Multimediaprojekt "A Balkan Tale" osmanische Architektur auf dem Balkan abzulichten.

Der deutsche Kultur-Exporteur mit Niederlassungen in allen bedeutenden Metropolen Südosteuropas verfolgt mit dem Projekt ein hehres Ziel: Auf das osmanische Erbe der Region soll aufmerksam gemacht, eine historische Gemeinsamkeit betont werden, um einen neuen Trend zu setzen im krisengebeutelten "Hinterhof Europas" (Ihlau, Mayr), dessen Völker in den vergangenen hundert Jahren vor allem über ihre Differenzen gegeneinander ausgespielt wurden. Das leuchtet ein. Im übrigen Europa ist der Balkan zu allererst für besonders brutal geführte Kriege bekannt, die seinen Bewohnern den Ruf einer fatalistischen Einstellung zum Leben eingetragen haben - ein Bild, das in der Tat ebenso falsch wie korrekturbedürftig ist.

Nun ist das Gegenteil von "gut" bekanntlich "gut gemeint". Mit dem Projekt zur jüngeren Geschichte Südosteuropas betritt das Institut nicht nur kulturpolitisches Neuland, sondern auch ein sprichwörtliches Minenfeld.

Eine Frage drängt sich angesichts der Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz sofort auf: Wer sind die Adressaten der Bilder und der dazugehörigen erläuternden Texte? Das deutsche Publikum ist es sicher nicht, denn die Ausstellung tourt zwar durch alle Hauptstädte der Balkanhalbinsel, in Deutschland jedoch ist sie nur in Chemnitz zu sehen - ein Umstand, über den sich die Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz Ingrid Mössinger zur Eröffnung der Ausstellung sichtlich erfreut zeigte und dem eigens aus München angereisten Vertreter des Goethe-Instituts sogar dafür dankte, dass er für die Exklusivität der Schau in Chemnitz gesorgt habe. Wie, so kann man weiter fragen, passt das zum betont aufklärerischen Anliegen des Projekts, und wissen die Besucher der Ausstellung auf dem Balkan so wenig über das Erbe der längsten historisch-kontinuierlichen Epoche ihrer Region, dass man sie darüber belehren muss?

Gegen letzteres spricht vor allem eine Tatsache, die das Goethe-Institut in seinem Projekt bewusst verschweigt: Die beispiellose Zerstörung des osmanischen Kulturerbes auf dem Balkan während der vergangenen fast 200 Jahre. Bereits mit dem Beginn des Niedergangs der osmanischen Herrschaft auf dem Balkan Anfang des 19. Jahrhunderts setzten Pogrome gegen die muslimisch-osmanische Bevölkerung der Region ein, die Vernichtung ihres Kulturerbes wurde zur Regel in allen folgenden Herrschaftssystemen. Einzig unter den Kommunisten Titos schwächte sie sich ein wenig ab, nur um danach umso heftiger wieder einzusetzen. Es ist erstaunlich, wie es den für das Projekt verpflichteten Wissenschaftlern aus Istanbul, Pristina, Belgrad, Athen, Kreta, Tirana und Skopje gelungen ist, diesen Teil ihres "Balkanmärchens" konsequent zu übergehen. Ganz offenbar fielen die Nachtstücke dieser Geschichte - die ebenfalls eine gemeinsame ist - dem Harmoniekonzept des Goethe-Instituts zum Opfer. Doch das ist weder redlich noch aufrichtig und führt in einem Fall sogar zur Verkehrung eines Kriegsverbrechens.

Zum Großen Basar in Gjakova, im Westen Kosovos, heißt es im Katalog der Ausstellung: "Am 24. März 1999 brannte infolge des ersten Nato-Bombardements auf das Kosovo der Große Basar nieder." Nun ist der Große Basar in Gjakova und die in seinem Zentrum liegende Hadum-Moschee aus dem 16. Jahrhundert am 24. März 1999 ganz offensichtlich von serbischen Militärs und Milizen beschossen und schließlich in Brand gesteckt worden und eben nicht infolge des Nato-Bombardements abgebrannt. Zahlreiche Zeugenaussagen aus Gjakova bestätigen das. Andrew Herscher und Andras Riedlmayer von der Universität in Harvard kommen in ihren Untersuchungen unmittelbar nach dem Krieg zu denselben Ergebnissen, und schließlich wurde der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević in Den Haag neben zahlreichen weiteren Kriegsverbrechen auch für die Zerstörungen in Gjakova angeklagt.

Doch hat sich die Version des von Nato-Bomben zerstörten osmanischen Kulturerbes aus naheliegenden Gründen sowohl bei den in Den Haag angeklagten mutmaßlichen Kriegsverbrechern ebenso etabliert wie in der serbischen Wissenschaft. Tatsächlich bestätigte die Pressesprecherin des Goethe-Instituts in Berlin auf Nachfrage zunächst, dass der entsprechende Text von der am Projekt beteiligten serbischen Historikerin Radina Vučetić stammt, nur um am nächsten Tag, nach Telefonaten mit dem Goethe-Institut in Athen, diese Version zu widerrufen und den Text der Griechin Christina Koulouri zuzuschreiben. Ganz gleich aus wessen Feder der Text stammt: Es darf dem Goethe-Institut nicht passieren, dass in einer seiner Publikationen ein offenbares Kriegsverbrechen verkehrt wird. Der Leiter des Goethe-Instituts in der Region Südosteuropa Matthias Makowski räumte in einem Telefonat redaktionelle Fehler ein, über die er sich "sehr ärgere", und versprach eine Änderung des entsprechenden Textes.

Auch fotografisch kann "A Balkan Tale" nicht restlos überzeugen. Einzig der Deutschen Jutta Benzenberg, ihrem mazedonischen Kollegen Ivan Blazhev und dem Serben Ivan Petrović gelingt es, mit einigen Fotografien tatsächlich Bilder ihres Gegenstands herzustellen, in dem sie geschickt Menschen einbeziehen, die Nähe zum recht leblosen Gegenstand, dem Objekt des Kulturerbes, herstellen und den Betrachter so davor bewahren, in Teilnahmslosigkeit zu versinken. Viel zu oft jedoch erschöpft sich "A Balkan Tale" fotografisch in bloßer Abbildung. Kamilo Nollas' (Frankreich) Abbildung der Moschee von Didimoticho (Thrakien) ist kaum mehr als ein Urlaubsschnappschuss aus einem Hotelzimmer, und wie der Kosovare Samir Karahoda das Haman des Mehmet Pascha in Prizren sieht, ist es hundertfach in Suchmaschinen im Internet zu finden. Doch gibt es auch fesselnde Sichten unter den 50 Fotografien der Ausstellung. Benzenbergs Pascha-Tor in Berat (Albanien) und Petrovićs Bild der Altin Alem Moschee in Novi Pazar etwa zählen darunter.

Formal ist "A Balkan Tale" auf dem neuesten Stand medialer Möglichkeiten. Es gibt eine hervorragend konstruierte Internetpräsentation, ein Layout, das sogar einen Preis gewann, sowie einen Dokumentarfilm zu den Balkankriegen 1912/13. Die formalen Stärken der Ausstellung wiegen jedoch die inhaltlichen und konzeptionellen Schwächen nicht auf. Es bleibt höchst fraglich, ob man die alten nationalen Mythen der Region ersetzen kann, indem man einfach ein neues Märchen - das vom multiethnischen, friedlichen Balkan - dagegensetzt, und weiterhin, ob ein Neuanfang gelingen kann, wenn die schmerzlichen Erlebnisse in einer gemeinsamen Geschichte so konsequent verschwiegen werden, wie es in "A Balkan Tale" der Fall ist.

A Balkan Tale, bis 2. September, Kunstsammlungen Chemnitz

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

www.balkantale.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.07.2012

Tobias Strahl

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