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(K)Ein Versteckspiel - Slawomir Elsners Aquarelle und Zeichnungen in der Galerie Gebr. Lehmann

(K)Ein Versteckspiel - Slawomir Elsners Aquarelle und Zeichnungen in der Galerie Gebr. Lehmann

Wenn irgendwo im kurzen Aufgang zur Galerie Gebr. Lehmann dieser Hinweis auf die aktuelle Präsentation zielte, würde er wohl fragende Blicke bei den Besuchern hervorrufen.

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Original und Projektion in der Galerie Gebr. Lehmann.

Quelle: Juliane Mostertz

Keine Bewegung vonnöten. Und doch trifft er voll und ganz zu. Denn um die Ausstellung mit Aquarellen und Zeichnungen Slawomir Elsners einzusehen, stellt man sich an einen (fast) beliebigen Punkt des Raumes - und lässt dann einfach eine Slideshow ablaufen. Elsner und die Galeristen haben sich nämlich etwas Besonderes einfallen lassen, um mehr als 60 Werke dem Auge des Betrachters zuzuführen. Sie haben sie um Etliches vergrößert und projizieren diese Übergrößen an die Galeriewände, lediglich geteilt in zwei "Leinwände", die nach Hoch- und Querformat unterscheiden. Hier reicht es aus, den Kopf zu drehen. Dass die Ausstellung "to screen" heißt, ist da folgerichtig.

So sieht der erste Eindruck aus. Hinter dem lauert freilich mehr. Auch deshalb, weil das englische Verb to screen nicht nur für das Zeigen im Sinne von Projizieren steht, sondern auch eine eher umgekehrte Bedeutung hat: schützen, abschirmen. Vielleicht ist sogar der Begriff des Versteckens kein falscher.

An dieser Stelle kommt sozusagen Teil zwei der Elsner-Schau zum Tragen. Der 38-Jährige lässt nicht nur seine Bilder in XXXL flimmern, er hat gleichfalls die Originale der an die Wände gebeamten Werke ausgestellt. Sie liegen allerdings unter zwei Glashauben, wo sie aufgestapelt sind. Jeden Tag wird das zuoberst liegende Bild nach unten durchgereicht, wodurch das nächste für 24 Stunden den Blicken ausgesetzt ist. Und so weiter und so fort. Ein Spiel mit den ach so kleinen Erfahrungsausschnitten, aus denen sich unsere persönliche Weltsicht speist? Schon, aber nicht nur.

Denn Elsner ist nicht nur Künstler, er ist auch ein Kind des Medienzeitalters. Von Beginn seiner Arbeit an hat er sich mit den Mechanismen und Auswirkungen dessen, was vor allem die multimediale Bildwelt an enormer Wucht und gleichzeitig verschämter Abseitigkeit entwickelt hat, beschäftigt. Schon früh war die Fotografie sein Feld. Und auch die in der Dresdner Neustadt gezeigten Bilder (deren Entstehen übrigens eine ziemliche Zeitspanne überstreicht, von 2000 bis 2014) wirken oft, als wären Fotos die Vorlage dessen, was Elsner erarbeitet. Ausrisse nicht nur aus dem Medienangebot, sondern auch aus einer Gegenwart, die manchmal wie perforiert erscheint.

Wer Slawomir Elsner ein wenig beobachtete, wie und was er als Künstler gefertigt hat in den vergangenen Jahren, für den tut sich eine gewisse Stringenz auf. 2009 entstand seine Zeichnungsserie "Selfshot", ein Abbild der sich immer weiter steigernden Zahl von Selbstporträts meist junger Leute, meist geschossen mit der Kamera des Smartphones, sogenannte Selfies. Wäre der Begriff Ego-Shooting nicht schon besetzt, fände er dort seine Entsprechung. Elsners Figuren bleiben meist gesichtslos, dank des Blitz-Auslösens, das die zugrunde liegenden Fotos mit einem weißen Lichtfleck an Stelle der Gesichter zurückließ. Die zeichnerischen Bearbeitungen behalten dieses Verschleiern bei. Sie sind das Gegenteil eines Facebook im Wortsinn.

Auch dahinter findet sich natürlich ein metaphorisches Spiel: Ein Trugschluss zu glauben, wir würden uns und anderen besser erkennbar, je mehr wir in der Ära von Social Media bildgewaltig von uns preisgeben. Das Gegenteil liegt näher. Je öfter wir unser Bild duplizieren, desto diffuser das, was zu sehen ist: das Reziprok der Post-Postmoderne. Dass Elsner dabei seine Hausaufgaben gemacht hat (schließlich ließ unter anderen schon Tim Rautert die "porträtierten" Gesichter hinter einer Wolke aus Blitzlicht verschwinden), ist da fast nur noch eine Randnotiz.

Elsner jedenfalls knüpft bei den Brüdern Lehmann daran an. In der Galerie zeigen sich vereinzelt jene Porträts, die keine sind, weil sich Gesichter hinter einem Luftballon oder einem Blatt Papier verstecken. Ausrisse aus einer Welt, die von einem Pattex namens Sicherheitsstreben zusammengehalten wird. Das gilt vor allem für die von Elsner abgebildete Generation, die meist noch jünger ist als der Künstler. Das Diffuse und Schemenhafte, noch dazu in vergrößerter Überhöhung, zwingt den Betrachter fast ins Detail. Es ist wie ein Einblick in die Handwerksstube des Künstlers.

ibis 17. Mai, Galerie Gebr. Lehmann, Görlitzer Straße 16, geöffnet Di-Fr 10-18, Sa 11-14 Uhr

galerie-gebr-lehmann.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.05.2014

Torsten Klaus

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