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Julia Marcell als Avantgarde-Hohepriesterin in der Dresdner Schauburg

Julia Marcell als Avantgarde-Hohepriesterin in der Dresdner Schauburg

Wer das Glück hatte, bereits auf Julia Marcells Debüt "it might like you" aufmerksam gemacht worden zu sein, jene mehr als seltsam anmutende CD mit dem jungen Mädchen im Männerunterhemd und gemalter Astronauten-Kopfhörer-Apparatur, der Titel in Kinderschrift hingehäkelt - und dann die Texte, die einen sofort an Patti Smith denken ließen oder auch an Kate Bush, zu jener Musik, die einen aus der Alltagslethargie herausriss.

.. So entstehen nicht-enden-wollende Sätze, bei solchen Künstlern, die uns immer wieder beweisen, dass die Welt mehr ist als EU-Krise und lächerliche Politiker.

Umso seltsamer, dass jene Frau Górniewicz alias Marcell von Olsztyn bei ihrem ersten Dresden-Auftritt einen Österreicher namens Effi als Support voranschickte, der als Straßenmusiker und (oder) Comedian leidlich amüsant sein mag, jedoch in keinster Weise in der gleichen Klasse spielt. Erschwerend kam hinzu, dass im Untergeschoss der altehrwürdigen Schauburg anscheinend die Lüftung defekt ist, so dass die halbe Stunde, die man Effi zuhörte, umso verzichtbarer gewesen wäre.

Sobald dann aber die junge Frau in einem nur leicht skurrilen Outfit - schwarzes Kleid mit grünen Ärmeln und Aussparungen an den Seiten - und ihren drei Mitmusikern die improvisierte Bühne betreten hatte, war auch die schlechte Luft vergessen. "There once was an accordeon player who didn't go to war", singt sie a cappella mit dieser hohen, kindlich anmutenden Stimme, und während man noch darüber nachsinnt, was das bedeuten mag, setzen die Musiker ein. Als da benannt wurden: "Schmiddel" - soll heißen Sebastian Schmidt - an den Drums, "Thomsen" (auf der Homepage vervollständigt zu: Thomsen Slowey Merkel) am E-Bass sowie Mandy Ping-Pong (!) als zweite Gesangstimme, Geigerin und Xylophonspielerin. Dazu kommen Marcells eigene Keyboard-, E-Piano-Parts und eingespielte Samples. Die Rezeptur für ein Menü sondergleichen: Avantgarde. Tanzbare, großartige Avantgarde.

Beim Sprechen hat Julia Marcell deutlich mehr osteuropäischen Akzent als beim Singen, was sehr charmant klingt, vor allem, wenn sie verkündet, dass "endings have to be elegant" und dass deshalb, und weil wir uns in einem Kino befinden, der finale Abend ihrer Fünf-Tage-Deutschland-Tour "David-Lynch-Style" sein solle.

Was bedeutet, dass Schmiddel und Thomsen ganze Arbeit leisten, die Stücke in wechselnden Rhythmen - das reicht von Retro-Rock'n'Roll-Klängen über New Wave bis Avantgarde, es gibt Walzer-, Oriental- und ganz versteckte Balkan-Andeutungen - vorantreibt und Julia Marcell mit Mandy Ping-Pong die Ekstase feiert. Da klagt Marcell: "Daddy, why did you never say that it's never easy?", da schreit sie "I don't feel like talking today", relativiert immer wieder: "If, if, if", und man denkt an all die großen Frauen in der Musik, die ihr vorgegangen sind, ohne die das hier nicht möglich wäre: Auch an Yoko Ono - "Oh, insanity", singt Marcell -, an Laura Nyro und Tori Amos. Und man überlegt, während der Körper kaum ruhig halten mag bei dieser energiegeladenen Mixtur, wie Marcells Texte in einem so katholischen Land wie Polen wohl aufgenommen werden. "If I died at first - I'll be the cursed", ist sie überzeugt, und: "If I die too late I miss my fate". Zu einem dunkel-dräuenden Rhythmus spricht das Bereiche des Hirns an, in die der Papst nur zu gerne auch vordringen würde. Das sei "the most Lynch-Song we have" verkündet Marcell denn auch danach mit einem bezaubernden Lächeln.

Dass sie nicht nur die düstere Hohepriesterin ist, zeigt das Ping-Pong-artige Miteinander innerhalb der Band, aber auch, dass alle gemeinsam einen Song über den Sound-Check gemacht haben, der den Bann (leider!) aufhebt, alles in Gelächter münden lässt. Nach zwei Stunden, nachdem der Sauerstoff wirklich beängstigend knapp geworden ist (Lynch für alle Sinne!), entlässt sie uns mit der letzten Zugabe, einem herrlich anarchisch-optimistischen "Bird of Prey" samt eingespielten Orchester-Parts. Und wir wünschen ihr die Kraft eines Raubvogels, um im Wildgehege des Musik-Geschäfts weiter ihre Songs zu machen. Beate Baum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.09.2012

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