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Juli Zehs "Corpus delicti" als packende Premiere des Dresdner Schauspielstudios

Juli Zehs "Corpus delicti" als packende Premiere des Dresdner Schauspielstudios

Der römische Dichter Juvenal meinte seine meist verkürzt zitierte Aufforderung "mens sana in corpore sano" keinesfalls apodiktisch. Man solle darum beten, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne, lautet sinngemäß das komplette Zitat.

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Das Desinfektionsspray ist immer griffbereit, wo die Gesundheit als Voraussetzung zur Leistungsfähigkeit Staatsdoktrin wird.

Quelle: Matthias Horn

Anders bei Juli Zeh in "Corpus delicti". Körperliche Gesundheit, mithin maximale Leistungsfähigkeit, sind in einer gar nicht so fernen Zukunft Staatsdoktrin und erste Bürgerpflicht. Das utilitaristische Prinzip verfolgt Vergehen gegen die eigene Maximalgesundheit als Vergehen gegen die Gesellschaft. Die acht Spieler auf der Bühne des Kleinen Hauses tragen ihr Desinfektionsspray stets bei sich wie wir ein Taschentuch.

Wer gerade nicht agiert, tritt rhythmisch im Hintergrund ein Fitnessgerät. Die "Methode", wie die Autorin die Staatsmaschine nennt, garantiert 80 Jahre Leben. Um den Preis der vollständigen Überwachung, des Durchgriffs des Systems auf jeden.

"Corpus delicti" ist nicht nur eine ätzende Parabel auf die Spielarten totalitärer Systeme. Die sind mitnichten überwunden seit dem verflossenen 20. Jahrhundert oder Orwells "1984", sondern beispielsweise im Streben nach einem risikofreien Sicherheitsperfektionismus schleichend gegenwärtig. Juli Zehs Stück ist auch eine Groteske auf unseren von niemandem befohlenen Jugend-, Fitness- und Selbstoptimierungswahn. Ursprünglich 2007 für die RuhrTriennale geschrieben, erschien es dann als Roman und kehrte gelegentlich auf deutsche Bühnen zurück. Nun nehmen sich in Dresden Studentinnen und Studenten des Schauspielstudios unter der Regie von Susanne Lietzow des Stoffes an, und das ist allemal etwas Besonderes. Keiner von ihnen ist älter als 25 Jahre, sie studieren eigentlich noch an der Leipziger Hochschule, wirken aber schon in mehreren Inszenierungen des Staatsschauspiels mit.

Diese Jugend führt nun keineswegs dazu, dass eine drastische Zukunftsvision vielleicht mit ähnlich drastischen theatralischen Mitteln, aber im Grunde unbekümmert vorgeführt würde. Im Gegenteil, die beklommene Begeisterung beim Schlussapplaus am Sonnabend im Kleinen Haus hatte mit dem Eindruck zu tun, dass diese jungen Leute auch ihre Lebensfragen wirklich berührt sehen. Die knapp zwei Stunden sind von starker suggestiver Wirkung, ohne gekünstelt zu überziehen. Juli Zehs komprimierte, protokollierende und pointierende Sprache findet ihre Entsprechung im Gestus von Regie und Auftreten. Schreiende Exzesse vor allem gegen Ende ordnen sich plausibel ein, wenn die Kreatur in ihrer Imperfektheit mit dem erbarmungslosen Funktionalitätsanspruch der "Methode" kollidiert.

Marie-Luise Lichtenthal hat mit dem Bühnenbild zugleich ein Logo der grausam-wohltätigen "Methode" geschaffen, zwei ineinander greifende senkrecht stehende Bügel in U-Form. Das genügt, schafft im Bühnenmittelpunkt zugleich einen Zentralraum, der Zimmer, Wald, Gerichtssaal oder Kerker sein kann.

Der Zuschauer wird zu Beginn hinein genommen in das vermeintliche Ende der Geschichte, der Konflikte, der Probleme. Zelebration der finalen Harmonie, so täuschend, so steril wie die Kostüme der Akteure, die ein bisschen an Uniformen aus der "Raumpatrouille" erinnern. Wie kann da eine Mia Holl vor Gericht stehen, die aus Trauer um den Selbstmord ihres unschuldig mordverdächtigten Bruders ihre vorgeschriebene Selbstpflege vernachlässigt? Wie kann es im perfekten System überhaupt einen so fröhlichen Rebellen wie diesen Moritz geben? Kilian Land begegnet uns auf gewinnende Weise in zahlreichen Rückblenden.

Nina Gummich als Protagonistin Mia gehört zu den zeitlosen Figuren des Stücks, unvermutet zum Gegner des Systems geworden, dem sie schließlich "das Vertrauen entzieht". Bei ihr und Moritz spürt man am wenigsten die vielleicht einzige Trübung des Eindrucks einer faszinierenden Aufführung: Lukas Mundas als gut aussehender Ideologe Kramer tritt schneidig auf, Tobias Krüger ist mehr als der bellende Staatsanwalt Bell, Pauline Kästner erlebt man als Richterin zwischen Courage, Hysterie und Selbst- mitleid, Justus Pfankuch hat parodistische Höhepunkte als Fernsehrepor- ter, und Max Rothbart pendelt als Anwalt Rosentreter zwischen Engagement und rührender Trottelei. Aber für das letzte Quäntchen Rollen-Authentizität sind manche Spieler trotz ihres Ausdrucksvermögens, des Handwerks und einer bemerkenswerten Sprechkultur schlichtweg noch zu jung. Was niemandem anzulasten ist! Und was folgerichtig Nadine Quittner als die erfundene "ideale Geliebte" trotz bezaubernder Jugend alterslos erscheinen lässt. Sie ist die Fee aus einer anderen, tatsächlich befriedeten Welt, schwebt lächelnd und betörend und zugleich weise als die einzige wirklich souveräne Figur durch die Turbulenzen.

Es gibt manche bis ins Revier des absurden Theaters reichende Überhöhung zu sehen, Tempo bei schnellen Szenenwechseln, aber auch Ungesagtes eine Ebene tiefer zu erleben, etwa die Hassliebe zwischen Mia und Kramer. Am Ende wird Mia vor dem Einfrieren "begnadigt", weil die "Methode" keine Märtyrerin schaffen will. Kein Happy End, das Stück bleibt ein Menetekel angesichts mancher sich heute wieder einschleichender Methoden.

nächste Aufführungen: 4., 8., 16., 17. 29. & 31.3.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.03.2014

Michael Bartsch

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