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Jules Massenets Oper "Werther" in der Freiberger Nikolaikirche

Jules Massenets Oper "Werther" in der Freiberger Nikolaikirche

Sie können zusammen nicht kommen, das Kirchenschiff ist viel zu lang. Gleich zu Beginn reist der junge Dichter Werther an mit seinem Koffer voller Briefe. Er erklimmt ein Gerüst, das ist auf den Gipfel eines Felsens gebaut, und an dem muss jeder Besucher der Aufführung vorbei, denn er markiert den Anfang der Rauminstallation von Hilde Wahl.

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Nathalie Senf (Charlotte) und Angelo Raciti (Werther).

Quelle: René Jungnickel

Unter dem Felsen lichtert es bläulich, aus dem Felsen schwadert Dampf und zur Apsis hin führt ein schmaler Steg, mit Unterbrechungen und Hindernissen durch das Kirchenschiff ins Nichts. Ziemlich hoch darüber kommt vom silbern verdeckten Hochaltar ein golden breiterer Weg daher, auch er führt nirgendwo hin, darunter Abgrund. In der Vierung, links und rechts der Aufbauten, das Orchester. Das Publikum an beiden Seiten, entlang der Konstruktion, bewegt die Köpfe fleißig hin und her, zunächst als säße es beim Ping-Pong-Spiel, später geht der Blick auch nach oben, wenn zerrissene Zettelchen herab schneien und Werther als Eierkopfprojketion seinem eigenen Sterben zusieht.

Anja Sündermann inszeniert zwischen dunklen, schroffen Felsen der Einsamkeit und goldschimmerndem Selbstbetrug vergeblicher Hoffnung Jules Massenets lyrisches Drama nach Goethes Briefroman als fiktiven Dialog zwischen Werther und Charlotte, ursprünglich in der Gegend um Frankfurt zwischen Juli und September, Ende des 18. Jahrhunderts angesiedelt, als Geschehen, in dem ganz verschiedene Zeitbezüge durcheinanderpurzeln. Werther entspricht seinem Äußeren nach am ehesten der Gegenwart. Charlotte entnimmt zwar Requisiten der Erinnerung einer Pizzaschachtel, erscheint aber an der Seite Alberts, den sie ungeliebt heiratet, in zugeköpftem Kleinbürgerschwarz der vorletzten Jahrhundertwende. Wenn sie mit Werther zum Ball geht, hier eher eine Party, trägt sie entsprechenden Paradiesvogellook, ebenso wie ihre jüngere Schwester Sophie, die ansonsten auch albern herumturnen oder vergoldet vom Striezelmarkt kommen muss.

Ganz schön albern müssen auch die für die Opernfassung hinzuerfundenen Nebenfiguren torkeln und chargieren, der Amtmann, ein gewisser Schmidt und ein gewisser Johann, ein Brühlmann und ein Käthchen. Suff, Skurrilität - oder sollten es gar Symbole schräger Poesie sein? - bedürften gerade sensibler Darstellung, sollen sie nicht in die plumpe Albernheit abgleiten.

Aber auch musikalisch gilt wohl die Zuneigung des Komponisten zunächst den in Freiberg durch einen überlangen Schleier verbundenen Liebenden am stärksten. Auch dem Albert gibt er dankbare, charakteristische Passagen, sowie der Marie als hellen Gegenentwurf zur dunkel, leidenden Charlotte. Mit diesem Sängerquartett kann die Freiberger Aufführung wahrhaft punkten. Nathalie Senf als Charlotte überzeugt von Beginn an mit ihrem wandlungsfähigen Mezzosopran. Wenn nötig, hat sie die kraftvollen Töne des dramatischen Aufbegehrens, dann wieder klingt ihr Gesang zerbrechlich, verinnerlicht, mit ihrer großen Liebesemphase im Finale kann sie noch einmal bestärken, wie sehr sie es vermag, dynamische Bögen zu spannen, und der anspruchsvollen Partie gerecht zu werden.

Lyrisch, klar und hell, dabei mit charmantem Timbre, singt die Sopranistin Miriam Sabba die Sophie. Guido Kunze mit seinem jugendlich, wohlklingendem Bariton gibt dem korrekten Albert auch tragische Töne der Unabwendbarkeit einer Situation, die er durchschaut, deren Verlauf er sich aber nicht entgegen stellen kann. Für die Titelpartie ist Angelo Raciti wieder nach Freiberg gekommen. Gut so. Am Premierenabend überzeugt der Tenor mit einer rasanten Steigerung und verblüfft geradezu am Beginn des zweiten Teiles mit dem berühmten Lied Ossians "Pourquoi me réveiller". Die Spitzentöne stehen, der Weg dahin ist harmonisch. Berührende Akzente dann im Duett mit Charlotte und der Tod in ihren Armen, die, ganz solidarisch und im Sinne eines echten Liebestodes, ebenfalls ihre im Leben unerfüllte Hoffnung blutig besiegelt. Keine Pistolen. Ein Briefschreiber wie Werther weiß einen Brieföffner vielfältig zu nutzen und eine Briefleserin wie Charlotte auch.

Als hätte Massenet gespürt, sein musikalisch, emotionaler Schauer bewege sich hart am Rande der Übertreibung, lässt er von Ferne des Amtmanns Kinder, Charlottes große Geschwisterschar, fröhliche Weihnachtgesänge anstimmen, "Noël, Noël-", singen Kinder der Freiberger Dom-Kurrende in der Einstudierung von Albrecht Koch. Gesungen wird in der französischen Originalsprache, obwohl das Stück in deutscher Sprache in Wien uraufgeführt wurde. Da holpert einiges, im ersten Teil erschließt sich die Handlung nicht immer. Deutsche Übertitel sind nicht möglich, man sollte schon den Opernführer lesen oder die Inhaltsangabe im ansonsten eher dürftigen Programmheft.

Angesichts dieser Oper, die auf den Chor verzichtet, sprach Claude Debussy von "nicht enden wollenden Schauern, Erregungen, Liebesausbrüchen, von denen diese Musik geschüttelt wird. Die Harmonien sind wie menschliche Arme, die Melodien wie Nacken, die von diesen Armen umschlungen werden." Und das ist eine Herausforderung, wie sie der Dirigent Jan Michael Horstmann liebt. Sein gestisch umschlingendes, weit ausgreifendes Dirigat spornt die Mitglieder der Mittelsächsischen Philharmonie an. Er lässt den Klang aufbrausen, als gelte es, das schwarze Gebirge im Sturm zu bezwingen oder gar zu sprengen und die Kirchenwände wackeln zu lassen. Er nimmt den Klang immer wieder zurück, arbeitet immer wieder jene melancholischen Passagen heraus mit dem sehnsuchtsvollen Klang des Saxophons, umhüllt vom Streichsound. Er spornt die Sänger an und hält sie sicher, auch über die immensen Entfernungen. Der Dirigent ist mittendrin. Sein Orchester ist präsent. Hören und Sehen, Oper hautnah, eine Premiere, die dann in der Konzentration des zweiten Teiles auch unter die Haut geht. Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen: 12., 13., 15., 17., 19.6.

www.mittelsaechsisches-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.06.2012

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