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Judith Schinker nach dem ersten Amtsjahr als Rektorin der Hochschule für Musik in Dresden

Schwieriger Beginn Judith Schinker nach dem ersten Amtsjahr als Rektorin der Hochschule für Musik in Dresden

Seit einem Jahr ist Judith Schinker Rektorin der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Zu Beginn des neuen Semesters ist Zeit für eine erste Bilanz über schwierige Startbedingungen, erste Erfolge und künftige Pläne.

Alt- und Neubau: die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden.

Quelle: Marius Leicht

Dresden.  Seit einem Jahr ist Judith Schinker Rektorin der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Zu Beginn des neuen Semesters ist Zeit für eine erste Bilanz. Über schwierige Startbedingungen, erste Erfolge und künftige Pläne sprach sie im DNN-Interview mit Michael Ernst.

Frage: Frau Schinker, woran denken Sie, wenn Sie auf Ihr erstes Jahr als Rektorin zurückblicken?

Judith Schinker: Dass es ein Jahr mit sehr viel Arbeit gewesen ist. Und dass wir viel erreicht haben: die Besetzung des Rektoratskollegiums mit der Musiktheoretikerin und Harfenistin Rebekka Frömling als Prorektorin für Lehre und Studium sowie dem Pianisten Florian Uhlig als Prorektor für Künstlerische Praxis. Dieser Leitungswechsel war zugleich ein Generationswechsel, unser Durchschnittsalter liegt jetzt bei 40 Jahren. Es ist uns darüber hinaus gelungen, einen hochkarätigen Hochschulrat zu besetzen. Wir haben dafür Michael Sanderling gewonnen, aus der Hochschule selber den Musikwissenschaftler Jörn Peter Hiekel und die künstlerische Leiterin der Opernklasse Barbara Beyer. Vorsitzender wurde der Notar Christoph Hollenders. Und für die ausgeschiedene Petra von Crailsheim kam Bettina Bunge vom Dresden-Marketing in den Hochschulrat.

Personell also gut gewappnet – was wurde mit diesem Team gestemmt?

Wir hatten mit dem „Sommernachtstraum“ wieder eine Opernproduktion, wir haben die Sinfoniekonzerte und den Ensemblewettbewerb fortgesetzt, sehr prominent den Guitar Award ausgerichtet, uns am Flow Projekt zur Kulturhauptstadt Breslau beteiligt, einen Workshop zu Helmut Lachenmann und Wolfgang Rihm durchgeführt, die Dresdner Meisterkurse Musik auf neue Beine gestellt. Dazu hatten wir das 50. Jubiläum des Landesgymnasiums für Musik und haben uns am Bachfest beteiligt.

Was uns das Jahr über beschäftigt hat, ist eine Kooperation mit der Dresdner Philharmonie, die jetzt kurz vorm Abschluss steht. Für die jungen Menschen der dort neugegründeten Orchesterakademie soll es künftig einen neuen Master in Orchesterpraxis geben, um sie im Zusammenwirken von Künstlerischem und Akademischem praxisorientiert auf ihren späteren Beruf vorzubereiten.

Darüber hinaus hat mich sehr berührt, wie viele unserer Lehrenden sich engagiert haben, Flüchtlinge willkommen zu heißen und deren Integration zu entwickeln. Esther Kaiser etwa hat gemeinsam mit Jazzstudierenden in den Flüchtlingsunterkünften musiziert. Bei unserem fakultätsübergreifenden Projekt „Singt mit den Kindern“ etwa von Claudia Schmidt-Krahmer und Wolfgang Lessing wurde festgestellt, dass die Kinder keine Obertöne singen, obwohl sie das eigentlich können müssten – vermutlich hat ihnen die traumatische Flucht im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme verschlagen. Daraus wird ein Forschungsprojekt „Wieder singen können“ entstehen, eine wichtige Initiative, an der sich Lehrende und Studierende beteiligen.

Judith Schinker

Judith Schinker studierte Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin und Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Nach ihren Abschlüssen hatte sie folgende Festanstellungen:

Sie arbeitete bei der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker (Assistentin der Geschäftsführung), den Brandenburgischen Sommerkonzerten (Projektmanagement), war für die Gesamtkoordination des trinationalen Jugendkulturfestivals Freiburg/Basel/Mulhouse, für das Veranstaltungsmanagement der Freunde der Hamburger Kunsthalle sowie für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Kultur Forum Dresden verantwortlich. Es folgte die Koordination des Hochschulsinfonieorchesters und der Kammermusik an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Von Mai 2012 bis August 2015 war Judith Schinker Prorektorin für Lehre und Studium. Seit September 2015 ist sie Rektorin der Hochschule.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit im neuen Rektorat?

Was unsere inhaltliche Arbeit betrifft, schätze ich sehr, dass wir grundsätzlich ergebnisoffen diskutieren. Jeder bringt seine Erfahrungen und Meinungen ein, ist aber immer bereit, das bessere Argument im Interesse des Ergebnisses zu unterstützen. Es geht um das Zusammenwirken zum Wohle der Hochschule.

Sollte das nicht selbstverständlich sein?

Gewiss. Die Rektorwahl hat aber erst einmal zu Polarisierungen im Hause geführt. Die einen waren entsetzt über den für sie unerwarteten Sieg einer Außenseiterin, die anderen über die mangelnde Bereitschaft, das Ergebnis einer demokratischen Wahl zu akzeptieren. Das führte leider zu Konflikten, Missverständnissen und Reibungsverlusten. Ich bin aber froh, dass wir nun zu Beginn des neuen Studienjahres in einen kollegialen und konstruktiven Dialog finden, wie ich mir das von Anfang an gewünscht habe. Die Kunst, eine solche Hochschule zu führen, besteht ja auch darin, zwischen den verschiedenen Interessen zu vermitteln und auf die Balance innerhalb des Hauses mit seinen verschiedensten Interessengruppen zu achten.

Die Grabenkämpfe sind also überwunden?

Gräben hat es in der Hochschule immer gegeben. Das reicht bis in DDR-Zeiten mit den Gewerken Orchester, Tanz- und Unterhaltungsmusik sowie der Spezialschule zurück. Ich bin angetreten, um diese Gräben möglichst zu überwinden. Das ist im ersten Jahr noch nicht so gelungen, wie ich mir das vorgestellt habe. Nach der Sommerpause tritt allmählich das kollegiale Miteinander in den Vordergrund. Wir finden nun in einen von Respekt und Wertschätzung getragenen Modus, der von einem Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung getragen ist. Uns alle verbindet, dass es immer um die Musik geht.

Welche Ziele werden mit diesem Modus angegangen?

Wir befinden uns in zahlreichen Berufungsverfahren, haben Mitarbeiter im künstlerischen und wissenschaftlichen Mittelbau sowie in der Verwaltung neu eingestellt. Eine sehr positive Sache, die noch nicht abgeschlossen sein soll, sehe ich in den höheren Entgelten für die Lehrbeauftragten in zunächst zwei Stufen. In enger Abstimmung mit dem Wissenschaftsministerium werden der Hochschulentwicklungsplan 2025, die Zuschussvereinbarung, die Zielvereinbarungen und der Rahmenkodex für befristete Beschäftigung entwickelt. All diese Dinge wurden nicht nur in der Landesrektorenkonferenz, sondern auch mit den Rektoren der anderen Kunsthochschulen verhandelt. Entstanden ist ein wunderbarer kollegialer Schulterschluss, der hilft, die gemeinsamen Interessen durchzusetzen.

Die erwähnte Situation der Lehrbeauftragten war lange umstritten, herrscht da jetzt Frieden?

Bei uns werden etwa zwei Drittel der Lehre von Lehrbeauftragten erbracht, die müssen für ihre sehr gute Arbeit adäquat bezahlt werden. Die Erhöhung war durch eine Zuweisung des SMWK und mit eigenen Haushaltsmitteln möglich und kann noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Perspektivisch ist ein einheitlicher Satz vorgesehen. Die Diskussion geht also weiter.

Einige namhafte Professoren machen sich in Dresden derzeit sehr rar?

Eine Hochschule lebt von der Vielfalt ihrer Mitarbeiter. Natürlich brauchen wir Lehrende mit internationaler Ausstrahlungskraft. Nicht alle von ihnen können wöchentlich in Dresden unterrichten. Ebenso wichtig sind Professoren und Lehrbeauftragte vor Ort. Die richtige Mischung macht die Hochschule aus.

Till Brönner kommt also wieder?

Till Brönner ist im Moment beurlaubt, hat aber vor wiederzukommen. So etwas wird individuell gehandhabt, manche Studenten brauchen eine regelmäßige Betreuung, bei anderen steht eine konzentrierte Zusammenarbeit im Vordergrund.

Wie verhält es sich mit den Koryphäen in den Orchestern vor Ort?

Wir sind sehr froh, sie hier am Hause zu haben, da sie die Lehre vorzüglich mit ausgestalten. Auch da ist es sehr unterschiedlich, einige unterrichten im Lehrauftrag, andere haben eine Professur. Neben der Kooperation mit der Philharmonie planen wir engere Kontakte zur Staatskapelle und setzen die Zusammenarbeit mit dem Chor der Staatsoper fort. Es gibt aber auch viele Kontakte zu anderen Institutionen sowie insbesondere zu Jazzern vor Ort. Um den Praxisbezug in der Ausbildung zu erhöhen, werden wir ein Opernstudio etablieren, wofür nach und nach mehrere Partner ins Boot geholt werden sollen.

Als Rektorat haben wir uns der Nachwuchsförderung sowohl im Spitzenbereich als auch in der Breite verschrieben. Mit dem Landesgymnasium haben wir ein Alleinstellungsmerkmal bei der Ausbildung von Hochbegabten. Ganz wichtig ist uns aber auch die Breitenbildung im Rahmen der Instrumental- und Gesangspädagogik sowie im Lehramt.

Mit dem studentischen Zulauf sind Sie zufrieden?

Seit Pegida gibt es das Phänomen, dass mehr Studenten aus den neuen Bundesländern und weniger aus den alten Bundesländern zu uns kommen. Diese Entwicklung werden wir genau beobachten. Dazu sind derzeit auch ein kompletter Relaunch unserer Webseite in Arbeit und ein Ausbau der sozialen Netzwerke geplant, um die Gewinnung von begabten Studierenden weiter zu entwickeln. Gerade bei Lehramtsstudierenden gibt es noch Luft nach oben. Im Lehramt sollte die Quote von ursprünglich 620 Studierenden, darunter 90 im Lehramt, bis 2025 auf 520 zu 255 reduziert werden Ein solcher Einschnitt hätte uns künstlerisch nicht mehr konkurrenzfähig sein lassen. Wir bilden gerne beides aus. Wichtig ist aber ein vernünftiges Verhältnis zwischen künstlerischen und pädagogischen Studiengängen.

Welche Wünsche und Ziele haben Sie für die kommenden Jahre?

Was ich mir am meisten wünsche, ist das konstruktive Gespräch aller Beteiligten, um unsere Hochschule weiter voranzubringen. Wir legen großen Wert auf Ausgewogenheit, Verlässlichkeit und klare Strukturen. Für jedes Studienjahr haben wir konkrete Ziele. Insgesamt streben wir eine stärkere Präsenz in der Stadt Dresden an, und auch die internationalen Kontakte sollen unbedingt ausgebaut werden. Dresden hat als Kulturstadt eine geradezu familiäre Atmosphäre, die sehr einladend wirkt.

Von Michael Ernst

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