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Jossi Wieler und Sergio Morabito bringen ihre Inszenierung "La juive" in Dresden auf die Bühne

Jossi Wieler und Sergio Morabito bringen ihre Inszenierung "La juive" in Dresden auf die Bühne

Die Grand Opera hat es in Deutschland nicht leicht. Vielleicht, weil zu sehr die pure Lust an der Unterhaltung hinter der großen ausufernden Form durchscheint. Diese typisch französische Schöpfung setzt hierzulande schon Intendanten-Mut voraus, der auf die Entdeckerfreude des Publikums vertraut.

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Chor, Gilles Ragon (Eléazar) und Tatiana Pechnikova (Rachel).

Quelle: Matthias Creutziger

Auch wenn Richard Wagner die Musik des Meisters dieser Gattung Giacomo Meyerbeer (den er erst angebettelt hatte, ihm in Paris zu helfen) mit dem vergifteten Bonmot als "Wirkung ohne Ursache" abqualifizierte. Aber die theoretischen Urteile unseres Großgenies stehen ja eh unter dem Vorbehalt des Irrtums. Wenn dann aber mal Meyerbeers "Hugenotten" oder, wie gerade in Chemnitz, seine "Afrikanerin", Berliozs "Trojaner" oder eben die 1835 uraufgeführte "La juive" von Jacques Fromental Halévy ausgegraben werden, dann werden sie zu Opernerlebnissen der besonderen Art. Und rufen in Erinnerung, dass die Musikgeschichte eben mehr als Mozart, Wagner, Verdi oder Puccini in petto hat.

Im Falle der "Jüdin" kommt der Flurschaden hinzu, den die Nazis in der Rezeptionsgeschichte hinterlassen haben. Ein jüdischer Komponist, der den Märtyrertod eines Juden und dessen Tochter thematisiert, ging auf den von Goebbels beherrschten Bühnen gar nicht. Wie bei vielen anderen verfemten Komponisten auch, haben die ersten Jahrzehnte nach dem Krieg diese Kulturbarbarei nicht wirklich korrigiert.

Aber Halévys "Jüdin" braucht solche historischen Argumentationshilfen zur Legitimation nicht. Sie steht schon rein musikalisch für sich selbst ein. Es ist geradezu ein lukullischer Hochgenuss, die Sächsische Staatskapelle unter Leitung von Tomáš Netopil bei ihrem Ausflug ins französische Idiom zu erleben. Ohne Fremdeln und mit einer Lockerheit, die das Opernfranzösisch halt so braucht. Beim melodischen Schwelgen und dem Hochkochen der Leidenschaften oder bei den fürs Ballett gedachten Intermezzi. Und den aufrauschenden Chören, denen hier die Rolle zukommt, die dumpfe Masse mit ziemlich unsäglichen judenfeindlichen Parolen zu charakterisieren. Für den exzellenten, bei Jossi Wieler auch im Spiel geforderten, von Pablo Assante bestens präparierten Staatsopernchor ist das natürlich keine Hürde, sondern eine Vorlage, um all sein Können zu demonstrieren. Nun ist es zwar schon fünf Jahre her, dass diese Produktion in Stuttgart Premiere hatte (und die Erinnerung kann da auch trügen), aber jetzt in Dresden wirkte der lange Abend wie für die Semperoper maßgeschneidert. Obwohl damals mit Sébastien Rouland ein Landsmann des Komponisten am Pult stand.

Hinzu kommt, dass diesmal - anders als bei der Übernahme von Stefan Herheims Puccini-Spektakel - durchweg vokales Spitzenniveau geboten wird. Das gilt v.a. für die Hauptpartien. Gilles Ragon lässt als Goldschmied Éléazar keine Wünsche offen, ist aber dem Kardinal de Brogni (der bei Liang Li mit großformatiger Tiefe imponiert) ein Gegenspieler auf Augenhöhe. Souverän, aber eben auch in seinem Hass auf den anderen gefangen. Imponierend ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich Tatiana Pechnikova in die Höhen ihrer Rachel aufschwingt und der Tochter Éléazars leidenschaftliche Gestalt verleiht. Sie lässt sich auch von der Eleganz ihrer Rivalin (Nadja Mchantaf als in jeder Hinsicht faszinierende Eudoxie) nicht einschüchtern. Am Ende, als Rachel und ihr Vater zum Tode verurteilt werden, weil sie die Liebe des jungen Christen Léopold (mit Liebhaberschmelz: Dmitry Trunov) nicht zurückgewiesen haben, wie es die Religion verlangt, enthüllt Éléazar im Rachetriumph, dass Rachel in Wahrheit das einst von ihm aus den Flammen gerettete Kind des heutigen Kardinals ist...

Konsequenterweise ist es bei Jossi Wieler und Sergio Morabito Éléazar, der erst Rachel und dann sich selbst erschießt. Sie sparen sich die mittelalterliche Grausamkeit einer tödlichen Zwangstaufe im kochenden Wasser, die hier vorgesehen ist, und führen ihre Erzählung zum Ende, in dem sie gleichzeitig ihren offenen Diskurs zu einem Abschluss bringen. Genau diese Balance zwischen der Geschichte von der verbotenen Liebe am Rande eines Konzils und einer Studie über die Klischees des Judenbildes und der Manipulierbarkeit der Massen macht den Reiz dieser Inszenierung aus. Das ist als Zeit- und Menschenporträt ebenso packend wie als Diskurs. Wenn der Chor zwischen der Kirchenportalkulisse und dem Fachwerkhaus des Juden im Alltagszivil von heute umherläuft und sich dann fürs festliche Spektakel historisch kostümiert, wenn urbane Atmosphäre und häusliche Geborgenheit beim Juden imaginiert werden, bleibt dabei alles deutlich als Theater in Bert Neumanns Drehbühnenkulisse erkennbar. Da steigen die Bilder des Holocaust beim Spottchor der als Juden verkleideten, so braven wie gefährlichen Christen genauso auf, wie der heute in manchen Weltgegenden auflodernde religiöse Fanatismus, der nicht nur der Liebe zwischen einzelnen, sondern auch dem Frieden zwischen Völkern und Religionsgemeinschaften mit tödli-*chem Furor in die Quere kommt. Von wegen Wirkung ohne Ursache. Auch Eugène Scribes Libretto hat mehr Zündstoff zu bieten, als uns allen lieb sein kann.

Selbst wenn man Übernahmen an so wichtigen Häusern wie Dresden für eine Unsitte hält, die nicht einreißen sollte, so lohnt es diesmal doch sehr.

iAufführungen: 20. Mai, 2., 29. Juni, 2. Juli

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.05.2013

Joachim Lange

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