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John Steinbecks "Von Mäusen und Menschen" am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau

John Steinbecks "Von Mäusen und Menschen" am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau

Lennie und George sind wieder einmal unterwegs zu einem Job. Obwohl spät dran und eigentlich sogar auf der Flucht, gönnen sie sich doch eine Pause. Nachdem der Busfahrer sie zu früh abgesetzt hat, würden sie die neue schützende Arbeitsstelle wohl ohnehin nicht mehr pünktlich erreichen.

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George (Stefan Migge) und Lennie (Carsten Knödler, l.) gönnen sich, obwohl spät dran und eigentlich sogar auf der Flucht, auf dem Weg zu einem neuen Job eine Pause.

Quelle: Detlef Ulbrich

Wieder einmal träumen sie von einer gemeinsamen Zukunft in einem eigenen Häuschen, mit einem Stück Land und vielleicht einer Kuh, und natürlich mit Kaninchen, für die der bärenstarke, aber in seiner geistigen Entwicklung früh zurückgebliebene Lennie sorgen will. Doch der pfiffige George ist bald wieder einmal am Ende mit seiner Geduld und nimmt dem einfältigen Gefährten ein Mäuschen ab, das dieser aus Versehen zu Tode gestreichelt hatte. Beinahe glimpflich war es zuletzt mit der Frau ausgegangen, deren rotes Kleid Lennie nur ganz sanft berühren wollte. Aber die Frau war darüber in Panik geraten, und das, was dann noch hätte geschehen können, war für die Zeugen schon eine ausgemachte Sache gewesen...

Regisseur Tilo Krügel erzählt die Geschichte der beiden Wanderarbeiter in seiner Inszenierung am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau im Grunde ganz einfach und schlicht. Doch mitunter scheint er der Überzeugungskraft dieser Einfachheit und Schlichtheit doch zu misstrauen, und dann setzt er kontrastierende Akzente, die noch einmal unterstreichen, was alle gerade verstanden haben und akustisch schon manchmal nervend wirken. Doch meistens stört das nicht, weil eine Stille herrscht, die gelegentlich sogar knistert und der Konzentration aufs Wort ebenso dienlich ist wie der knappen, sehr präzisen Zeichnung der Nebenfiguren.

Wolfgang Adam ist ein autoritärer Chef mit Scharfblick, Vorarbeiter Slim kommt zwar etwas gegelt daher, versteht aber nicht nur sein Fach, sondern ist auch ein einfühlsamer Kollege. Der Invalide Crooks und vor allen Candy, der schon bald die Zukunftsvision der beiden Neuen teilen möchte, haben erfahren, worauf es im Leben ankommt und machen das als ebenso unkomplizierte wie feste Charaktere deutlich.

Doch die Protagonisten hinterfragt der Regisseur. Er misstraut wohl zu Recht der Konsequenz, mit der sich in dem Stück die verhängnisvollen Zufälle wie nach einem Naturgesetz aneinanderreihen. Aber er kann sich nicht so recht dazu durchringen, die Möglichkeit einer anderen Lösung anzudeuten, auch wenn er von den durch Steinbeck beschriebenen historischen Hintergründen abstrahiert. Ausstatter Frank Holbein tut das auf ähnliche Weise, indem er die Männer, ohne Südstaatenmilieu zu illustrieren, konsequent in eine historische Arbeitskluft steckt: dunkle Jacken, blaugraue Schürzen und derbe Schuhe. Die brauchen sie auch in der abstrakten, eher chaotisch arrangierten als sinnfällig funktionierenden "Fabrik" aus großvolumigen Kastenteilen und Schalttafeln, um sich darin unfallfrei zu bewegen.

Stefan Migges George bleibt dabei einer von diesen harten illusionslosen Burschen, die sich bis heute am Rande der Gesellschaft durchs Leben schlagen. Der Kontakt mit Lennie und die damit übernommene Verantwortung haben ihm nur eine Ahnung vermittelt. Der Traum, dass es für ihn noch etwas anderes als den steten Wechsel von langer harter Arbeit und kurzem Rausch geben könnte, erweist sich nicht nur als trügerisch, vielleicht auch als allzu flüchtig. Auch etwas Berechnendes könnte in seinem Wesen liegen, vielleicht ist ihm ja, so auch der erste Verdacht der Kollegen an der neuen Arbeitsstelle, Lennie doch nur melkende Kuh, weidlich ausgenutztes Zugpferd. Definitiv aber kommt George ans Ende seiner Kräfte, dicht an den Burnout würde man heute sagen, und so verliert er Voraussicht und Kontrolle.

Als Lennie erfüllt sich Intendant Carsten Knödler offenbar den sehr persönlichen Wunsch nach einer Traum-Rolle, die er dann auch mit Konsequenz und fast ohne die Zweischneidigkeit einer zu intelligenten Ausleuchtung bewältigt. Er provoziert die Frage, ob dieser blutig naive, in seiner Einfalt auch mal ein bisschen verschlagene große Junge überhaupt entwicklungsfähig und zu einem selbstbestimmten Leben fähig wäre. Sympathien gewinnt er trotzdem vor allem mit einer glaubhaften inneren Aufrichtigkeit und Warmherzigkeit, mit dem verzweifelten Bemühen um innere Festigkeit und Selbstkontrolle, und setzt weniger auf das Mitleid angesichts von Lennies Beschränktheit und Kindlichkeit. Denn der leidet zudem an einer Art Zupacklähmung, die ihn absolut unansprechbar macht, so dass schon von daher ein böses Ende geradezu unausweichlich scheint. Wenn sich schließlich die allzu arglose Ehefrau des windig-nichtsnutzigen Fabrikantensohns Curley (David Thomas Pawlak) von ihm ihr Haar streicheln lässt, dann wähnt sie sich plötzlich in den Händen eines Gorillas, und entsprechend kurz und nahezu "unpsychologisch" vollzieht sich die Tragödie. Dabei spielt Natalie Renaud-Claus diese Frau - gewissermaßen symbolisch - eher als graue Maus und keineswegs verführerisch oder gar mannstoll. Bei Lennie hat sie eigentlich nur Gefühle der Solidarität und Sympathie erregt, wie sie da mit ihrem gepackten Koffer daherkommt. Freilich weiß die von ihrem Mann grob Vernachlässigte auch, dass es Lennie war, der diesem in einer Art Notwehr die Hand gebrochen hat...

Am Ende bleibt wenig darüber zu diskutieren, wie George schließlich Lennie "die Hölle heiß macht". Am für den Fall der Gefahr vereinbarten Treffpunkt lässt er ihn noch ein letztes Mal in sein geträumtes Paradies blicken, ehe er ohne zu zittern abdrückt. Da ist nicht vordergründig die drohende Lynchjustiz das Motiv, denn hier hat sich ein die wahren Zusammenhänge sehr wohl durchschauender Chef an die Spitze der Verfolger gesetzt. Der aber auch nichts daran ändern könnte, dass die Gefahr zuerst in Lennie selbst liegt, für den es in dieser Welt einfach kein sicheres Zuhause gibt. Doch wer hat das überhaupt, und was bleibt da am Ende als Botschaft?

nächste Vorstellungen: 7. und 9. März, GHT Zittau

www.g-h-t.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.03.2012

Tomas Petzold

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