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John Mayall, der Vater des weißen Blues, verteidigt seine Position auch im Alten Schlachthof zu Dresden

John Mayall, der Vater des weißen Blues, verteidigt seine Position auch im Alten Schlachthof zu Dresden

Seine kleine Gitarre trägt er vor dem Bauch, das Instrument hängt an einem dünnen Faden und John Mayall bearbeitet damit den Blues. Ein Unterfangen, das eine ganze Weile dauert, denn die verschleppten Rhythmen bricht er immer wieder auf, lässt seine drei Bandkollegen gern in eine etwas andere Richtung laufen, und alle vier finden sich dann gegen Ende des Songs wieder.

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Mal haute Bluesveteran John Mayall in die Tasten, mal blies er kräftig in seine Mundharmonika, dann zupfte er die Saiten der Gitarre oder sang. Immer mit dabei: das Gefühl für den Blues.

Quelle: Dietrich Flechtner

Eine Arbeitsweise, die bei manchen Leuten Unverständnis hervorruft - nicht bei denen, die John Mayall erleben wollen.

Dem Bluesveteranen mit knapp 80 Jahren wird aller Platz der Welt eingeräumt, er möge nur so lange wie möglich mit seinem elektronischen Klavier experimentieren, seine Mundharmonika durchpusten, mit den Fingern über den Hals seiner Gitarre gleiten und seine einzigartige gepresste Stimme in das Mikrofon hauchen. Für das Publikum im Alten Schlachthof war dieses Aufeinandertreffen mit Sessioncharakter überaus wertvoll. Kaum gibt es die Chance, einem Mann so nah zu kommen, der viele Musiker des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst hat. John Mayall streckte schon frühzeitig seine Finger nach dem Besonderen aus, spielte mit Eric Clapton und Peter Green oder Mick Taylor. Viele seiner Kollegen wurden später deutlich erfolgreicher als er, spielten Millionen ein, doch ihm blieb der Name "Vater des weißen Blues".

Gut, dafür kann man sich auf den ersten Blick relativ wenig kaufen, aber spätestens auf den zweiten fällt auf, dass er vielleicht die deutlich besseren Karten gezogen hatte. Mayall lebte durchaus zufrieden in seinem Baumhaus und trat dann nachhaltig in Erscheinung, wenn es etwas zu verändern galt, wenn mit dem traditionellen Blues die modernen Klänge verheiratet werden sollten. In dem Augenblick war der gebürtige Engländer ganz vorn dabei, und später, als der Blues langsam aufs Abstellgleis rangiert werden sollte, da besann sich Mayall als einer der Ersten, die wieder zurück zu den Ursprüngen fuhren.

Bis heute steht der Kessel ordentlich unter Druck und am Prellbock wird längst schon nicht mehr geparkt. Stattdessen lässt Mayall den Blueszug auf freier Strecke ordentlich an Fahrt aufnehmen und gibt während seines knapp zweistündigen Konzerts immer wieder die Chance, dass der geneigte Hörer ein- und aussteigen kann. Obwohl er den Beinamen Vater trägt, ist er kein Dogmatiker, schreibt nicht vor, wie die einzelnen Songs zu strukturieren sind, weder sich selbst noch seinen Bandkollegen, und in diesem produktiven und genialen Dunstkreis entstand am Donnerstag der eine oder andere höchst grandiose Moment.

Beispielsweise wird man kaum eine klangvollere Erklärung für den "Stormy Monday Blues" finden, niemand wird sich besser vorstellen können, wie es sich anfühlt, wenn alles in Bewegung kommt, wenn "Chicago" vermessen wird - das funktioniert nur so eindrucksvoll, wenn dazu im Kopf ein klangvoll untermalter Film abläuft, dessen Farbgeber vor Genialität der irdischen Welt etwas entrückt spielt. Die gleiche Freiheit gibt er auch seinem Bassisten, der ihn bereits seit einigen Jahren begleitet. Greg Rzab tänzelte mit seinen Fingern über das Instrument, massierte manchmal zögerlich und verhalten die Töne aus dem Bass und lief kurz darauf zur Hochform auf, er schlug die Saiten an, zupfte sich entlang der Tonspuren und antwortete immer wieder auf die Impulse, die Mayall vor ihm in den Raum stellte.

Superlative sind schnell verrauscht und stellen sich manchmal selbst in Frage, aber was Greg Rzab angeht, so wird man resümieren müssen, dass es wenige Bassisten gibt, die derartig gern die Möglichkeiten ihres Instrumentes ausreizen, die sich einlassen auf die Band und ihr gern Paroli bieten. So wurde Gitarrist Rocky Athas ebenso an seine Grenzen geführt wie Jay Davenport am Schlagzeug. Gemeinsam mit John Mayall ein Konglomerat, das sich gefunden hat, um dem Blues eine Seele zu schenken, ihn konsequent zu entstauben und die alte Lokomotive immer fahrbereit zu halten, die zwischen "Nature's Disappearing" und "Heartache" auf geraden Schienen hin und her geschickt wurde. Das Vehikel glänzte manchmal psychedelisch in der untergehenden Sonne, mitunter übertönte der stampfende Takt alles andere - was aber immer blieb, war das Gefühl für den Blues.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.11.2012

Stephan Wiegand

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