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John Garth las im Militärhistorischen Museum Dresden aus seinem Tolkien-Buch

John Garth las im Militärhistorischen Museum Dresden aus seinem Tolkien-Buch

Wer jemals eines Orks ansichtig wurde, und sei's auch nur in den Filmen Peter Jacksons, der weiß, dass diese keine Aussicht haben, jemals einen Topmodel-Wettbewerb zu gewinnen.

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John Garth: "Tolkien und der Erste Weltkrieg - Das Tor zu Mittelerde". Klett-Cotta Verlag, 464 Seiten, 22,95 Euro

Quelle: Klett-Cotta

Nicht mal in Mittelerde. Runzlige Haut, platte Nasen, krumme Beine, Reißzähne, ständig auf Gewalt aus und alles andere als vegan lebend, ja sogar Menschenfleisch nicht verschmähend - so sind Orks, die das Grauen bringen, wo immer sie auch auftauchen. Folglich kommt es im "Herrn der Ringe", im "Hobbit" oder auch im deutlich weniger bekannten "Silmarillion" zu diversen Schlachten - bis das Böse endlich doch vernichtet ist.

Als John Garth, geboren 1966 und nach einem Studium der englischen Literatur in Oxford seine Fish and Chips heute als Journalist verdienend, den "Herrn der Ringe" zum ersten Mal las, war er neun Jahre alt war. Als er sich das nächste Mal durch die Trilogie schmökerte, war er drei Jahre älter und erklärte sich im Anschluss an die Lektüre sich zum Pazifisten. Aber so wie sich Zeiten ändern, so ändern sich manchmal auch Standpunkte. Es gibt schon Situationen, wo er sich vorstellen kann, dass es besser ist, zu den Waffen zu greifen, meint Garth, der im Militärhistorischen Museum in Dresden sein Buch "Tolkien und der Erste Weltkrieg - Das Tor zu Mittelerde" vorstellte. Darin geht er Frage nach, welchen Einfluss die Fronterlebnisse John Ronald Reuel Tolkiens auf dessen Werke hatten. Das Auditorium war bis auf den letzten Platz gefüllt, der simultan per Kopfhörer übersetzte Vortrag wurde sogar in den Vorraum übertragen.

Garth zeigt auf, was Tolkien als junger Fernmeldeoffizier auf den Schlachtfeldern Frankreichs, vor allem beim Debakel an der Somme, erlebt hat. Er beschreibt, was Tolkien - der "weder Pazifist noch Militarist war" und Krieg trotz aller Schrecken mitunter für unumgänglich hielt - am 27. August 1916 erlebte: "Morgens um 1.30 Uhr wurde Tolkien wieder an die Front geschickt. Sein neues Zuhause war mit Leichen deutscher Soldaten übersät. Sie standen unter Beschuss und um die schrecklich Lage noch zu verschlimmern, kehrte der sintflutartige Regen zurück, der den Boden unter ihren Füßen in einen grauen, urzeitlichen Schlamm verwandelte." Da kommen einem unweigerlich die im "Herrn der Ringe" beschriebenen Totensümpfe zwischen Nindalf und Dagorlad mit ihren an Giftgas erinnernden Nebeln sowie die Tümpel, in denen die Gesichter der Gefallenen zu sehen sind, in den Sinn.

Anders als fast alle seine Freunde entkam Tolkien dem Tod an der Front, weil ihn ein durch Läuse übertragenes Schützengrabenfieber befiel, er ernsthaft für Monate erkrankte. Nicht der Zweite, sondern bereits der Erste Weltkrieg hat den späteren Oxforder Altenglisch-Professor Tolkien zu seinem epischen Erfindungsreichtum mit inspiriert, es war eine Möglichkeit, das apokalyptische Grauen zu verarbeiten. Garth fordert, Tolkien, Teil der sogenannten "Lost Generation", der verlorenen Generation, sollte als außerordentlich wichtiger Anti-Kriegsschriftsteller anerkannt werden, ähnlich wie Remarque, auch wenn stilistisch und ästhetisch Welten zwischen ihnen liegen: hier eine Fantasy-Welt, dort schonungsloser Realismus. Garth ist sich sicher: Zeitgenössische wie heutige Vorwürfe, Tolkien habe Kriegsverherrlichung betrieben und Eskapismus an den Tag gelegt, seien haltlos.

Das Verhältnis zwischen Frodo und dessen treuen Gefährten Samwise Gamdschie erinnert Garth an die Beziehung zwischen Offizieren und Offiziersburschen jener Zeit. Diese Beziehung ist zunächst Ausdruck der englischen Klassengesellschaft, im Zuge der gemeinsamen Fronterlebnisse kehre sich diese Beziehung aber um, denn die einfachen Soldaten haben ihren Offizieren einiges an Wissen voraus, das wichtig zum Überleben ist. In Tolkiens Erzählungen sind es oftmals die vermeintlich Schwachen, die, über sich hinauswachsend, bei großen Umschwüngen den Ausschlag geben und nicht die Großen und Mächtigen. Erstaunlich: Letztlich bedauert Frodo, der bei Tolkien immer wieder Anzeichen von "Shell-Shock" zeigt, ähnlich wie Soldaten nach Trommelfeuer, die Zerstörung des Rings. "Er zeigt nichts von dem, was ein Held fühlen sollte", meint Garth. Und Bilbo Beutlin? Der zeigt eine Mischung aus Angst und Wagemut, aber er wachse mit dem Erlebten, sei damit bereit, dem Tod ins Auge zu sehen, wie Garth meint.

Tolkien mag ein klares Verständnis von richtig und falsch gehabt haben, nach dem Gemetzel an der Somme war für ihn allerdings jegliche moralische Überlegenheit im "Great War" verloren gegangen. Die Orks sind nicht die Deutschen, die in der angelsächsischen Propaganda zu "Hunnen" avancierten, die es zu vernichten galt, sondern Orks waren die Soldaten auf beiden Seiten, ja die kriegsführenden Nationen insgesamt. "Orks verkörpern das Böse, das er auf beiden Seiten der Front sah", lässt Garth wissen. Aus diesen komplexen Widersprüchen sei Tolkiens "Mythologie des Kampfes zwischen Gut und Böse" entstanden, argumentiert Garth, der in seinem Buch auch aufzeigt, wie Tolkien, der die deutsche Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts bewunderte, dem grassierenden Deutschenhass widerstand.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.11.2014

Christian Ruf

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