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Johannes Erath inszeniert in Dresden Mozarts "Le nozze di Figaro"

Johannes Erath inszeniert in Dresden Mozarts "Le nozze di Figaro"

Sein Regiedebüt an der Semperoper ist eine Wiederkehr. In Wagners "Ring" gastierte Johannes Erath als Assistent von Regisseur Willy Decker. Nun inszeniert er selbst und bringt Mozarts Da-Ponte-Oper "Le nozze di Figaro" heraus.

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Der Regisseur Johannes Erath.

Quelle: Matthias Creutziger

Ob dieses Stück nur ein musikalischer Leckerbissen mit antiquiertem Inhalt ist - es geht um das gräfliche Recht der ersten Nacht -, klärt der Regisseur im DNN-Gespräch.

Frage: Sie geben Ihr Regiedebüt an einem Haus, das Sie bereits aus anderer Perspektive kennen. Als Assistent haben Sie hier mit Willy Decker gearbeitet, anderswo auch mit weiteren bekannten Regisseuren wie Nikolas Brieger und Peter Konwitschny. Haben deren Handschriften Ihre Regiearbeit geprägt?

Johannes Erath: Diese Zusammenarbeit ist mir sehr wichtig, denn ich habe ja nur Geige studiert, also nichts mit Theater oder Regie. Besonders von Willy Decker konnte ich sehr viel Handwerkliches lernen. Am faszinierendsten fand ich, dass er aus der Musik heraus und mit sehr viel Respekt arbeitet. Das versuche ich auch. Mir war schon früh klar, dass ich möglichst konträre Arbeitsweisen kennenlernen wollte. Inzwischen beherrsche ich dieses Handwerk, weil ich das als Assistent gründlich gelernt habe. Aber wie ich inszeniere, das ist meine eigene Handschrift.

Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich versuche immer so zu inszenieren, dass man mit den Augen hört und mit den Ohren sieht. Die musikalische Sprache und die Strukturen sind mir so vertraut, dass ich gerne leitmotivisch inszeniere. Und darin immer auch psychologisch. Ich will Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne bringen und die Sänger ermutigen, trotz aller artifiziellen Momente im Gesang größte Natürlichkeit zuzulassen. Also Menschen zu zeigen, in denen wir uns momentweise wiedererkennen können. Der größte Prozess dabei ist, dass Sänger das zulassen und ihre Rolle wirklich zu ihrer Rolle machen. Also im Moment tatsächlich die Figur sind und alles eine Notwendigkeit hat, demzufolge nicht anders geht als genau so.

Wer soll sich heute noch in Mozarts "Figaro" wiedererkennen?

Ich glaube, gerade beim "Figaro" geht das mehr als in vielen anderen Opern! Wer versteht was unter Liebe und unter Zweisamkeit, wie kann man jemandem eins auswischen, das sind alles Machtspiele - unglaublich menschlich.

Wir haben hier drei Generationen unter einem Dach. Barbarina und Cherubino repräsentieren noch eine pubertäre Einstellung - diese inneren Konflikte, das ist doch nur, was wir auch alle kennen. Dann gibt es ein Paar wie Figaro und Susanna, die lieben sich wirklich, sind auf Augenhöhe, können sich aber auch necken und böse sein aufeinander. Susanna merkt, sie ist kurz vor der Heirat und da ist ein Graf, der sich um sie bemüht, das kann ja auch einen Reiz haben. Auch heute noch fragen wir uns, was ist die Ehe, was muss sie leisten, wie kann sie funktionieren - wie man bei Graf und Gräfin sieht, ist das nach ein paar Jahren Ehe recht schwierig. Sie weiß, dass er jedem Rock hinterherblickt.

Und dann ist da noch ein altes Paar, Marcellina und Bartolo, die sind gar nicht verheiratet, leben aber eheähnlich. Sie können weder mit-, noch ohne einander. Selbst wenn ihr Sohn Figaro nur ein Ausrutscher war - so funktioniert das doch. Bis heute. Was ist Liebe, wie geht man damit um, auch mit den Verletzungen?

Den Anachronismus vom vermeintlichen Recht der ersten Nacht klammern Sie aus?

Das Recht der ersten Nacht, na gut. Aber ob das nun die Sekretärin oder der Chef ist, im Prinzip geht es um Machtverhältnisse. Geht's um das Recht der Nacht oder um das Gefühl, was ich will, das bekomme ich auch? Oder darum, dass uns Grenzen gesetzt werden? Die Reaktion darauf hat etwas sehr Pubertäres. Dann mach ich dem anderen das Spielzeug kaputt. Die Rachearie des Grafen bringt es auf den Punkt. Ich finde, das menschelt unglaublich.

Werden Sie diese heutige Sicht auch so darstellen?

Was die Umsetzung betrifft, versuchen wir, eine lange Reise zu machen. Ein Ansatz, der auf das Figaro-Triptychon von Beaumarchais zurückgeht. Sein "Barbier von Sevilla" war eine Art Holzschnitt, "Le nozze" ein Umbruch und "La Mère coupable" schon ein bürgerliches Trauerstück. Das Ganze fängt also als Commedia dell'arte an, wir gehen dann zum Rokoko über, es gibt andere Spielformen, sukzessive löst sich das im dritten Akt auf, bis wir mit dem vierten dann im Heute ankommen.

Ich finde es wunderbar, dass Omer Meir Welber da mitmacht. Es gibt also auch eine klangliche Entwicklung, das alles ist hörbar in der Musik und vor allem in den Rezitativen. Die Sänger entwickeln eine völlig andere Körperhaltung. Das ist ein sehr schöner Prozess, der immer mehr Facetten, Zwischentöne und Farben ins Spiel bringt. Sicherlich wird das eine Herausforderung für unser Publikum sein, aber auf sehr lustvolle Art. Ich finde das überhaupt wichtig, dass alles mit einer unglaublichen Lust gemacht wird.

"Figaros Hochzeit" ist neben "Così fan tutte" und "Don Giovanni" Teil des Da-Ponte-Zyklus'. Halten Sie es für sinnvoll, die drei Opern in eine Hand zu legen?

Wenn man dieses Angebot bekommen würde, alle drei machen zu dürfen, wäre das sicherlich eine Herausforderung. Ich würde mich allerdings fragen, ob man da einen roten Faden hineinbringen muss. Ich sehe unterschiedliche Handschriften als legitim an, denn die Stücke stehen auch jedes für sich. Jedes einzelne ist eine große Herausforderung, warum sollte man also versuchen, einen "Ring" daraus zu machen?

"Le nozze di Figaro", Premiere am 20. Juni, 18 Uhr www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.06.2015

Michael Ernst

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