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Johanna Bator las und diskutierte über ihren Roman "Sandberg"

Villa Augustin Johanna Bator las und diskutierte über ihren Roman "Sandberg"

Als kleines Mädchen, erzählt die polnische Schriftstellerin Joanna Bator, habe sie sich in der Wohnung ihrer Großeltern gern in einen großen Schrank zurückgezogen. "Dort saß ich dann allein im Dunkel und dachte mir eine deutsche Freundin aus."

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Joanna Bator: Sandberg Suhrkamp. 492 S., 11,99 Euro

Quelle: PR

Dresden. Als kleines Mädchen, erzählt die polnische Schriftstellerin Joanna Bator, habe sie sich in der Wohnung ihrer Großeltern gern in einen großen Schrank zurückgezogen. "Dort saß ich dann allein im Dunkel und dachte mir eine deutsche Freundin aus." Gehört hatte dieser Schrank zuvor deutschen Bewohnern von Waldenburg. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren sie aus dieser niederschlesischen Stadt vertrieben worden. Die hieß nun Wabrzych und lag in den von der polnischen Regierung so genannten "wiedergewonnenen Gebieten". In die Häuser zogen Menschen, die ebenfalls vertrieben worden waren - aus den Gebieten im Osten Polens, die an die Ukraine fielen. So sei die Geschichte, sagt Joanna Bator. Die Mächtigen beschließen etwas. "Und die gewöhnlichen Menschen müssen ihre Koffer packen und dahin ziehen, wohin man sie heißt."

In einem einst deutschen Kleiderschrank zu sitzen und sich Geschichten auszudenken - welch treffendes Bild für ihre Arbeit als Schriftstellerin. Deutsche, Polen, Russen, Juden - "die Geschichten in dieser Gegend sind unauflöslich miteinander verbunden", sagt Joanna Bator. Auf fesselnde Art, dicht, lebendig, bildkräftig, hat die 1968 geborene Autorin dies in ihrem Drei-Generationen-Roman "Piaskowa Góra" erzählt. In Polen mittlerweile ein Erfolgsbuch mit über 200 000 verkauften Exemplaren. 2012 ist es in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Esther Kinsky unter dem Titel "Sandberg" bei Suhrkamp erschienen.

Gesprochen hat sie darüber in der Villa Augustin mit ihren dicht gedrängt sitzenden Zuhörern und dem Slawisten Professor Christian Prunitsch von der TU Dresden, der zugleich als Dolmetscher agierte. Es war der vorletzte Abend in der Reihe "Flucht und Vertreibung", die, länger geplant, mittlerweile von den aktuellen Ereignissen eingeholt worden ist. Sie beweist, wie hilfreich es ist, mitten in Zeiten heftig erregter Diskussionen zurück zu schauen in die Geschichte. Vielleicht zu begreifen, dass so neu gar nicht ist, was uns zur Zeit geschieht.

In einer gleichnishaften, tragikomischen Szene, die Joanna Bator vortrug, wühlen die neuen polnischen Bewohner den Boden um, in der Hoffnung, von den Deutschen vergrabene Schätze zu finden. Grandios, wie die Verfasserin Erwartungen und Enttäuschungen, Realistisches und Märchenhaft-Mythisches ineinander verfließen lässt: "Deshalb rutschten die Leute auf den Knien und gruben in der Hoffnung, dass sie hier zum Trost für das, was sie zurücklassen mussten oder nie besessen hatten, etwas anderes ausgraben, sich zu etwas anderem durchgraben würden, was ihnen helfen konnte, auf die Beine zu kommen."

Im Nachbarland gibt es nationalistisch gesinnte Zeitgenossen - jüngst haben sie mit hinreichender Mehrheit eine neue Regierung gewählt -, die ein reines Polentum beschwören. Dies entlarvt Joanna Bator in ihrem Roman als Mythos. Was für ihre Großeltern noch selbstverständlich war, habe die Generation ihrer Eltern allerdings nie erlebt: Tür an Tür mit Fremden zu leben. Dabei seien immer Menschen von hier nach da gezogen, auch durch Polen. "Wir alle sind europäische Mischlinge."

Tomas Gärtner

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