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Johann Strauß' "Cagliostro in Wien" erwacht modern als Erstaufführung an der Staatsoperette Dresden

Johann Strauß' "Cagliostro in Wien" erwacht modern als Erstaufführung an der Staatsoperette Dresden

Ja, es gibt sie auch heute noch: jene quacksalbernden Aufschneider, die mit allerlei Wundermittelchen ewige Jugend, Schönheit oder schnelle Heilung versprechen.

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Der sizilianische Betrüger Cagliostro (Christian Grygas) verführt sehr kurzweilig mit allerlei Scharlatanerie und benebelnden Pflänzchen.

Quelle: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Sie tummeln sich in TV-Shoppingkanälen oder bei Kaffeefahrten, in der Kosmetikindustrie und der Schönheitschirurgie. Auch die Hauptfigur in einer beinahe in Vergessenheit geratenen Operette von Johann Strauß aus dem Jahr1875 ist so einer. Die Geschichte von diesem "Cagliostro in Wien" wird nun zum Auftakt des 5. Johann-Strauß-Festivals an der Staatsoperette Dresden als Deutsche Erstaufführung wieder zum Leben erweckt.

Der junge Regisseur Ansgar Weigner gibt mit dem unterhaltsamen Werk sein gelungenes Regiedebüt in Leuben. Das Libretto von Richard Genée und F. Zell kommt hier in der Bearbeitung von Alexander Kuchinka, in einer zeitgemäßen Bühnenadaption von Weigner und Carsten Süß zur Aufführung. Die Figur des Aufschneiders und vermeintlichen Zauberers Cagliostro - der übrigens wirklich von 1743-1795, nur niemals in Wien lebte - erscheint hier als ein wunderlicher Guru mit weißem Wuschelhaar, Augenringen und einem wehenden, goldenen Mantel (Kostüm: Renate Schmitzer), den er wie ein Zirkusmagier zur Erzeugung von Illusionen bei der Wiener Bevölkerung einsetzt. So platzt der Schwindler zusammen mit seinen Gehilfen auf einem langweiligen Filmfest in Wien herein, dessen Besuchern er seine Kunst recht schnell schmackhaft macht. Mit erfahrenem Blick wirft Cagliostro bald ein Auge auf die schöne Emilie - und auf das Geld von deren liebestoller Mutter, Frau von Adami. Dumm nur, dass auch der am Zölibat bald verzweifelnde Pfarrer Fodor der Dame zugetan ist, Emilies heimlicher Liebhaber Lieven den Spuk zudem bald durchschaut - und die beiden Gehilfen von Cagliostro, Lorenza und Blasoni, die Betrügereien ihres Chefs längst leid sind.

Alles in allem eine unterhaltsame Story, die sich mit den schmissigen Melodien von Johann Strauß, einem engagierten Ensemble und pfiffigen Regieideen zu einer spritzigen Komödie entpuppt. Die große Stärke der Inszenierung liegt in ihrem augenzwinkernden Humor, der trotz deftiger Momente nicht zu sehr in Klamauk ausartet. Jürgen Kirner hat dazu ein effektvolles Halbrund als Bühnenbild geschaffen. Dieses dient als schicke Filmfestlobby sowie als unscheinbarer Rahmen für Cagliostros blechernen Wohnwagen, in dem saftig grünes Gestrüpp aus Cannabispflanzen gedeiht. Diese berauschenden Pflänzchen sind ein Motor seiner Zaubertricks, was klug gedacht und im leichten Operettengenre ganz unverfänglich verpackt ist.

Obwohl Johann Strauß mit seinem "Cagliostro" dem ewigen Walzerrhythmus einst entfliehen wollte, stattdessen eher auf volkstümliche Melodien, Folklore, eine Polka und viele Chorszenen (Chor: Thomas Runge) setzt, fühlt sich das Orchester der Staatsoperette Dresden unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüller spürbar heimisch in der Partitur. Im Ensemble sticht zur Premiere mit ihrem warm perlenden, sehr wandelbaren Sopran Elena Puszta in der Partie der Lorenza heraus. Radoslaw Rydlewski gibt einen gesanglich wie darstellerisch starken Pfarrer und beweist besonders im ersten Akt großes Talent als lustige Figur im Stück.

Als Cagliostro vernebelt und verführt hier Christian Grygas, der die feine Wiener Filmfestgesellschaft mit theatralischer Geste bald gehörig aufwirbelt, allerdings nur wenige Gesangssoli bestreiten darf. Deutlich mehr Raum für Spiel und Stimme bleibt seinem Gehilfen Blasoni, den Hauke Möller sehr lebendig auf die Bühne bringt. Richtig witzig ist auch das betrügerischer Dreiergespann aus Andreas Sauerzapf, Marcus Günzel und Jannik Harneit anzusehen. Mit großer Wandelbarkeit streuen die drei als Gaunergehilfen oder rettende Engel die nötige Würze ins Komödiengeschehen. Ingeborg Schöpf und Maria Perlt sind ein entzückend gegensätzliches Mutter-Tochter-Paar, das den Gauner Cagliostro am Ende jedoch dank Verkleidungsspiel gar mit seinen eigenen Waffen schlägt.

Die Moral von der Geschichte dreht sich am Ende dann natürlich doch im Walzertakt: Der Mensch lässt sich von allerlei Dingen im Leben lenken, anstatt zu denken, sei es die Konsumwelt, die Medien, Erotik oder Sehnsucht nach ewiger Jugend - Cagliostro hat viele Gesichter. Diese zeigen sich am Ende auch auf der Bühne, wer dort zuletzt lacht, kann man schon ahnen. So ist das lang vergessene Stück - damals in Wien genauso oft gespielt wie die "Fledermaus" - eine Wiederentdeckung, die sich lohnt. Vielleicht kann die frische Inszenierung in Zukunft gar jüngeres Publikum ein bisschen für das Genre begeistern - oder um es mit Cagliostro zu sagen: "Man muss nur daran glauben!"

weitere Aufführungen: 6.5., 10.5., 20.5., 6.6. und 7.6.

www.staatsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.05.2015

Nicole Czerwinka

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