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Jochen Malmsheimer gastierte im Dresdner Boulevardtheater

Jochen Malmsheimer gastierte im Dresdner Boulevardtheater

Ein bisschen erinnert der Kabarettist Jochen Malmsheimer an Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Weil er mal so und mal so ist. Einerseits ist Malmsheimer ein Freund der klaren Worte, der sein Publikum mahnt, dass es nicht jedes Mal klatschen müsse, wenn es etwas verstanden habe, und überhaupt auf Solidargeklapper verzichten kann.

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Jochen Malmsheimer

Quelle: PR

Aber so sehr sich Malmsheimer unter kunstvoll gedrechselter Ausnutzung sämtlicher grammatischer Möglichkeiten für die deutschen Sprache und ihren besseren Gebrauch einsetzt, so sehr liebt er es andererseits auch gern mal rätselhaft, weil das Leben selbst zu ihm in Rätseln spricht.

"Ermpftschnuggn troda!" lautet der Titel des neuen Programms von Malmsheimer, das er jetzt im seit Wochen ausverkauften Großen Saal des Boulevardtheaters präsentierte, und "Hinterm Staunen kauert die Frappanz" der nicht minder kryptische Untertitel. Komischer Titel? Ja, und Malmsheimer ist durchaus so frei, nonchalant zuzugeben: "Also mir sagt das auch nichts."

In der Regel erweist sich Malmsheimer erwartungsgemäß als virtuoser Sprachverkoster, der Worte und Begriffe abschmeckt wie ein Sommelier einen Wein, gerade auch wenn es um Missverständnisse und Unverständnisse (nicht zuletzt zwischen Frauen und Männern) geht. Auch gibt er nicht zu knapp Einblicke in den Erziehungsalltag eines Menschen, der durch die erfolgreiche Initiierung zweier Söhne das an sich erwünschte Aussterben der Deutschen verzögert. Malmsheimer kann ein Lied davon singen, wie schwierig die richtige, artgerechte Behandlung von Kindern, die "nichts weiter als Fragen sind, die sich in die Hosen machen", ist. Was eben noch erlaubt war, ist von einem Moment zum anderen plötzlich strikt zu vermeiden - und umgekehrt. Muss das Kind in seiner Frühphase ständig gestützt, bewacht, beäugt, berochen, gereinigt, geölt, gewendet, gepudert und getrimmt werden, ist ab einem heiligen Moment, den jeder verpasst, schon ein einfacher Morgengruß wie "Tach!" zu viel und wird als Bevormundung und Gängelei aufgefasst. Malmsheimer interessieren die absurden, meist sprachlichen Zusammenhänge des alltäglichen Lebens, die er in ihrer gelegentlichen Absurdität und Kuriosität entlarvt, gern auch mit Neuwort-Schöpfungen, wobei dann schon klar wird, dass unter Sumerern keine dicken japanischen Ringer zu verstehen sind. Mit Hingabe plaudert er als Märchenonkel von den bizarren Erfahrungswelten der Neandertaler sowie des "schönen Mannes um die 50", diesem zunehmend aus dem Leim gehenden "Hort des Verblüffenden und Erstaunlichen".

Linguistische Verschlingungen

In der Regel lassen sich die Geschichten des Bochumers nicht auf den Punkt bringen. Sie sind um-, ab- und weitschweifig, manchmal umständlich. Komisch werden sie aber gerade durch diese merkwürdigen und doch faszinierenden linguistischen Verschlingungen, die Malmsheimer eindringlich und manchmal mit einer gehörigen Portion Pathos vorträgt. Die Pointen sitzen, manche hinterlassen aber mitunter auch einen schalen Beigeschmack. Die Spitzen, die er etwa gegen die USA abschießt, kommen über den hierzulande grassierenden Billig-Antiamerikanismus kaum hinaus, auch wenn man erst mal grinst, wenn der Bochumer schon deshalb mit Amerika hadert, weil dort Surfen ein Beruf sein soll, die Evolution hingegen für Teufelswerk gehalten wird.

Immer wieder liest Malmsheimer von einer imaginären Kanzel sogenannte "Psalmen der Sorge". Wobei er im alttestamentarischen Spruchduktus und Furor mal die modisch immer tiefer rutschende Hose ins Gebet nimmt, mal das deutsche Fernsehen verdammt, die Urheber gewisser Sendungen, in denen gekocht oder gemodelt wird, gar in den ersten Kreis der Hölle wünscht. Mitunter räumt er ein, dass er "keine Kenne", deshalb "kaum Wisse" und insofern auch "null Verstehe" hat, aber letztlich kann er nicht anders, als zum einen oder anderen Sachverhalt doch einen Kommentar abzugeben. So lässt er Wörter bei ihrer "Generalversammlung des Deutschen" im Wortschatzkeller des Bibliografischen Instituts der Dudenredaktion in Mannheim zusammentreffen. Es ist ein Plädoyer für mehr Toleranz, eine Attacke wider all jene, die meinen, man brauche keine neuen Wörter aus anderen Kulturkreisen in der deutschen Sprache (und Gesellschaft). "Zuzug ist Bereicherung", und deshalb spricht aus Sicht des ins Deutsche Verliebten Malmsheimer auch überhaupt nichts dagegen, das Wort "chillen" in den Duden und den allgemeinen Sprachgebrauch aufzunehmen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.05.2015

Christian Ruf

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