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Jimmy Somerville fegte durch den Alten Schlachthof

Glitzernde Euphorie Jimmy Somerville fegte durch den Alten Schlachthof

Darauf muss man erst einmal kommen: Jimmy Somerville steht wieder mit einer kompletten Band samt Bläsertrio auf der Bühne, um bei seinen Discopop-Hits das Element Disco zu betonen - und dann steht im Vorprogramm ein verwuschelter Bursche mit ansatzweise souligem Folkgeklampfe im Rampenlicht.

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Quelle: PR

Dresden. Darauf muss man erst einmal kommen: Jimmy Somerville steht nach reichlich zwei Jahrzehnten erstmals wieder mit einer kompletten Band samt Bläsertrio auf der Bühne, um bei seinen Discopop-Hits das Element Disco glamourös zu betonen und zu feiern (das ganze aktuelle Album „Homage“ bemüht sich darum) – und dann steht im Vorprogramm ein verwuschelter Bursche mit ansatzweise souligem Folkgeklampfe im Rampenlicht. Womöglich hat Chris Brenner viel Zeit in den Common Rooms verschiedenster Jugendherbergen verbracht und legt die dort barfuß eingesammelten Vibes in groovende Loops und animiert das erstaunlich bereitwillige Publikum mit schwerer Zunge und hemdsärmligem Geschrammel zu so ausufernden wie halbherzigen Mitsingaktionen. Da darf das abschließende Handy-Selfie mit Publikum natürlich nicht fehlen. Das macht der Chris immer so. Und das Publikum macht immer so mit, weil es offenbar nicht ganz so oft zu Konzerten geht, wo ein entsprechend uninspiriertes Getrödel auszuhalten ist. Da bleibt man freundlich, ist ja gleich vorbei.

Jimmy Somerville fährt zum Auftakt schließlich mit einem gewaltigen Hui seiner zehnköpfigen Band in das leise glimmende Partyfeuerchen, entfacht zur umgehend entfesselten Begeisterung des gut gefüllten großen Saales „You make me feel (Mighty real)“ und stapelt anschließend seine Hits (einschließlich der seiner alten Bands Bronski Beat und The Communards) im recht konsequenten Wechsel mit aktuellen, freundlich goutierten Stücken bis unter die Decke. Schwierig an den neuen Songs ist nicht das (Disco-)Muster, das nach wie vor gut funktioniert. Es ist die gelegentliche Richtungslosigkeit und die in jedem Fall fehlende Dringlichkeit, ersetzt durch ein selbstzufriedenes, mäanderndes Zurückblicken – beileibe kein Schicksal, das Somerville für sich allein gebucht hat, als vielmehr eine gängige und in gewisser Weise nachvollziehbare Verstopfung bei Altvorderen. In der entsprechend karierten Setlist des insgesamt durchaus fulminanten Abends geraten die Stücke von „Homage“ zur sympathischen Verschnaufpause zwischen dem großartig beschwingten „Tomorrow“, dem nachdrücklichen „Why?“ und dem glückseligen Discostampfer „Never can say goodbye“, bei dem man sich mal wieder kopfschüttelnd fragt, wie in aller Welt es Richard Coles, den zweiten Communard, nach all dem Kampf für Homosexuellen-Initiativen der Band ausgerechnet ins Priesteramt nach St. Pauls verschlagen konnte. Aber die Wege des Herrn sind bekanntlich unergründlich.

Somerville hat derweil mit seinen 55 Jahren eine hervorragende Zeit auf der Bühne, ausgelassen quirlt er im hochfrequenten Hüftschwung mit intaktem Falsett an seiner Band entlang vom Saxophon zum Background-Duo und zurück zum Publikum. Die alles bestimmenden satten Funk-Grooves funktionieren mit dieser Band exzellent. Der Abend lässt allerseits viel Euphorie von der Leine und berauscht sein Publikum. Da fallen ein paar bizarr anmutende Versatzstücke beinahe unter den Tisch. Etwa „Smalltown Boy“, dessen einst schwer aufschlagender Kellerdisco-Beat nun von fröhlich-hektischem Party-Schlagwerk und einem albernen Querflötensolo (!) entwürdigt wird. Kollidiert irgendwie unglücklich mit der Geschichte vom schwulen Außenseiter, der im tropfnassen Parka seine Eltern und sein rückständiges Kaff verlassen muss, weil er dort ständig auf die Fresse kriegt. Für Sachsen zudem eine ganz und gar zeitgenössische Analogie.

Und dann die große, unerklärbare Irritation zur schnell gegebenen Zugabe: Das herrliche, an sich bizarre, dazumal hungrig schwitzende Donna-Summer-Cover „I feel love“ gebiert mitten im schönsten einsetzenden Delirium allen Ernstes ein dödeliges AC/DC-Riff und drei Takte später blökt der halbe Saal den „Highway to hell“-Refrain. Mehrmals. Ob das lustig sein soll, war ob des allgemeinen eingebildeten, fröhlichen Vom-Barhocker-Fallens nicht mehr grundlegend in Erfahrung zu bringen.

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