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Jens Besser: der Banksy von Dresden

Jens Besser: der Banksy von Dresden

Jens Besser sagt, er sei der wohl bekannteste Namenlose der Stadt. Namenlos, weil er als Street Art-Macher nicht seinen Namen, sondern Slogan oder Bilder an die Wände malt.

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Galerien kommen für Jens Besser nicht in Frage. Der schönste Ort für seine Kunst sind Straßen und leerstehende Gebäude. Orte, an denen jeder vorbei laufen kann, um seine Kunst zu betrachten.

Quelle: Amac Garbe

Obwohl er viel im Ausland arbeitet und mittlerweile gar nicht mehr in Dresden wohnt - die Stadt wäre ohne seine Farbspuren ein ganzes Stück weniger bunt. Die Geschichte von einem, der sich für ungenehmigte öffentliche Kunst ins Zeug legt. Und nicht selten an der Freiheit anderer aneckt.

Der 31-jährige Besser ist in Freiberg geboren und hat an der HfBK Dresden analoge und digitale Bildmedien studiert. Seitdem er 13 Jahre ist, malt er. Zuerst Graffiti, dann wechselte er zur Street Art, klebte Sticker, sprühte Schablonen oder malte verpixelte Männchen an die Wand. Industriebrachen und leer stehende Häuser wurden zu seinem gut gelüfteten Atelier. Er hat viel ausprobiert, ist herumgereist, hat mit internationalen Kollegen gemalt, lehrt bei den Kunstpädagogen an der TU Dresden, hatte in Mannheim und Berlin gerade eine Einzelausstellung und schrieb vor ein paar Jahren das Buch "Muralismo Morte" (span. mural: Wandgemälde) über die Wiedergeburt des mexikanischen Murals in der zeitgenössischen Straßenkunst. Nun ist er da angekommen, wo es sich mit seiner Kunst Geld verdienen lässt. Das war schon immer sein Ziel. "Ich bin ein Optimist", sagt Besser, "ein realistischer Utopist. Die Vorstellungen die ich habe, versuche ich umzusetzen und verlasse dafür meine Utopien nicht. Aber ich werde nie sagen, dass der Kapitalismus scheiße ist. Auch wenn das System den Menschen, die darin leben, nicht entspricht." Er widersetzt sich diesem System mit der Herangehensweise an seine Arbeit. "Mich stört die allgemeine Annahme, dass Kunst im öffentlichen Raum vorher diskutiert werden soll. Street Art macht man doch erst und dann reden die Leute darüber. Wenn es gut ist, kann es erhalten werden, wenn nicht, wird es übermalt."

Für ihn ist die Straßenkunst lange schon kein Hobby mehr. Doch die langen bürokratischen Wege für kreative Straßenprojekte hält er für Zeit- und Geldverschwendung. "Es gibt gute Tendenzen. Menschen engagieren sich wieder stärker in ihrem Stadtteil. In Löbtau zum Beispiel haben Anwohner eine Brache besetzt und einen Garten daraus gemacht, den die Stadt erst danach offiziell erlaubte. Das Ungenehmigte ist wichtig, um voranzukommen." Sein letztes Großprojekt, "RAUM CityBilder" in der Friedrichstadt, war eine Mischform aus genehmigter und ungenehmigter Kunst: vom Verein riesa efau vorgeschlagen, vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und der Stadt Dresden gefördert, von Jens Besser in künstlerischer Freiheit betreut. Er schuf mit einem internationalen Team auf über 2500 Quadratmetern "eine der größten öffentlichen Galerien der zeitgenössischen Wandmalerei Europas", viele der Bilder sind noch zu sehen. So lange eben, bis der Leerstand beseitigt wird.

Wegen seiner Liebe zur großflächigen Wandmalerei nennt er sich Muralist. Oder öffentlicher Künstler, als ironischen Kommentar auf den Künstlerdünkel manch anderer Sprayer oder Street Art-Macher. Wenn überhaupt, dann sei er Überlebenskünstler. Es gibt aber gleichzeitig kaum einen anderen, der so viel Wirbel um die Street Art macht. Besser will größtmögliche Aufmerksamkeit. Er will die Kunst nur nicht in die Galerie tragen, sondern mitten in der Stadt aufführen. Da, wo sie ihr Publikum findet: den mit offenen Augen Vorbeilaufenden. In der aktuellen, wissenschaftlichen Abhandlung "Street Art-Karrieren" von Heike Derwanz steht er unter den beiden größten Namen des Business - Banksy und Shepard Fairey. Hat er also doch "Karriere" in der Street Art gemacht? "Ich mag den Begriff Karriere nicht. Das Schlimmste, was es gibt, ist, nach einer Karriere zu streben. Mich hat es verwundert, dass ich mit den beiden in einem Atemzug genannt werde", sagt Besser. "Vielleicht bin ich auch auswechselbar. Ich glaube, ich steh da drin, weil ich etwas ganz anderes mache, als die beiden. Die sind sehr kunstmarktaffin. Bei Banksy hängt eine Marketingabteilung dahinter, die ihn gepusht hat. Bei Shepard Fairey kann ich nur einen Kumpel zitieren, der sagt, seitdem er diesen einen Character (den "Obey Giant", Anm. d. Red.) erfunden hat, hat er nichts Neues mehr gemacht." Jens Besser jedoch ist der Namenlose, das sagt er noch ein paar Mal im Gespräch. "Mir kommt es auf keinen Stil an, ich mache einfach immer weiter und überlebe trotzdem." Die Namenlosigkeit bezieht sich deshalb auch auf den Kunstmarkt. "In der Dresdner Kunstwelt kennen mich die Leute. Aber in der kommerziellen Galeriewelt werde ich nicht wahrgenommen, also auch nicht ausgestellt." Doch irgendwann haben auch die SKD angefragt, ob es etwas von ihm zu kaufen gäbe. Der Kunstfonds erwarb dann ein paar Zeichnungen, die bis Sommer in der Ausstellung "Jetzt hier. Gegenwartskunst. Aus dem Kunstfonds" gezeigt wurden. Wieder hing Besser neben großen Namen, diesmal neben Neo Rauch oder Eberhard Havekost.

Doch irgendwo bewegungslos rumhängen ist seine Sache nicht. Er war dieses Jahr ein paar Monate in Bulgarien, gab Siebdruckkurse und malte Wände. Er schwärmt vom Laissez-faire-Gefühl in osteuropäischen Ländern, das im krassen Gegensatz zum sauberen, aufgeräumten und restriktiven Deutschland stehe. Sowas bedeutet für ihn Freiheit. "Ohne unterwegs zu sein, ohne andere Kulturen und andere Leute würde ich die Krise kriegen." Aber er erkennt auch die Vorteile Deutschlands mittlerweile an. "Schön, dass man hier besser und schneller Geld verdienen kann. Aber ich finde es schade, dass es so wenig Respekt gegenüber ungenehmigter Kunst gibt. Vor allem die Neustadt lebt ja von Graffitis und Street Art, aber trotzdem wird fast alles immer wieder beseitigt. Das ist andererseits eben Teil der Kunst, diese Vergänglichkeit, das gehört dazu. Deshalb dokumentiere ich einiges von mir und vielen anderen." Er erinnert sich an bessere Zeiten, so um das Jahr 2003, als ganze Ecken mit Postern, Stickern und Schablonen verziert waren. "Das geht heute gar nicht mehr. Auch wegen des Ordnungsamts. Du wirst als Plakatierer genauso gejagt wie früher ein Sprüher. Ich wurde angehalten, es wurden alle Plakate beschlagnahmt und ich musste ein Bußgeld zahlen. Obwohl da schon zig Plakate drunter klebten." Für Besser kriminalisiert das vor allem die alternative Szene, geldknappe Kreative, die sich Anzeigen in Magazinen und Zeitungen nicht leisten können. "Meine eigene Arbeit hat deswegen abgenommen, ich habe keine Lust, in einem Viertel etwas zu machen, in dem ich gejagt werde. Auch deshalb reise ich so viel."

Seine Stimme geht hoch, wenn er seinen Unmut äußert über die aktuelle Situation in Dresden. "Die Neustadt erhält Atmosphäre aufgrund der Dichte und durch die viele Kunst, die ihr visuelles Leben gibt. Mit der Zerstörung dieses Lebens verliert das Viertel seine Attraktivität. Die Leute wandern ab und gehen in reizvollere Städte." Er selbst ging allerdings in die andere Richtung. "Ich will nicht in die Großstadt, mich zieht es nicht in Metropolen. Es ist leicht, in der Großstadt zu bestehen, du musst nur dreist und arrogant sein. Ich will das nicht, es ist kein schönes Leben." Deshalb zog er in die ländliche Peripherie, braucht nun eine Stunde bis in die Dresdner Innenstadt. "Ich sehe nicht ein, in der Stadt zu wohnen, die so hohe Mieten verlangt, die Künstler und andere engagierte Leute erst möglich gemacht haben. Ich kann überall überleben, es kommt auf die Kunst an, die man macht."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.11.2013

Juliane Hanka

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