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Jeffrey und Jack Lewis machten mit der Band The Junkyard in Dresdens Blauer Fabrik Station

Jeffrey und Jack Lewis machten mit der Band The Junkyard in Dresdens Blauer Fabrik Station

Im New Yorker Sidewalk-Café ging gerade das "Fall Antifolk Festival 2012" zu Ende. Das war die Sammelveranstaltung eines Genres, das sich, wenn nicht in diesem Café erfunden, doch wenigstens an dessen "Open Mic" zu weltweiter Aufmerksamkeit hochsang.

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Jeffrey Lewis (l.), einer der besten Songschreiber seiner Generation, mit seinem Bruder Jack.

Quelle: PR

Hießen die bekannteren Antifolker Anfang des neuen Jahrtausends noch Adam Green oder Regina Spektor, sind es jetzt Turner Cody oder Jeffrey Lewis, die immer wieder ihre Koffer packen, um in Europa anti zu sein. Lewis war in den letzten Jahren oft in Dresden. In der Blauen Fabrik hat er angeblich an jeder Wand schon einmal auf der Bühne gestanden. Dieses Mal ist es die gegenüber der Fensterfront. Vor rund 50 Leuten spielen er und seine Band ein energetisches und schräges Konzert, das gar nicht mehr so amateurhaft zwischen Punk und Folkmusik hin- und herbimmelt und die Welt zum Anlass und zum Auslassen nimmt.

Jarvis Cocker nannte ihn den besten Songschreiber seiner Generation, die größten Musikmagazine sehen das ganz ähnlich. Tatsächlich wünscht man sich beim Konzert ein Songbook, in dem man mitlesen kann. So versteht man nur hin und wieder etwas von der Poesie, der kindlichen Fantasie und der melancholischen Weisheit des Jeffrey Lewis, der nur ein paar Kilometer neben dem Sidewalk-Café aufwuchs, unter den Fittichen wohlmeinender Beatnik-Eltern. Das Künstlerviertel East Village war ihm Spielplatz, Schule und Rebellion zugleich. Heute singt er davon, wie sich alles geglättet und wie sich seine Stadt verändert hat, wie sich die Welt verändert hat. Oft ist das musikalisch verquer, mit ruhigeren und punkigen Phasen, mit Endlossätzen und wunderbaren Schnapsideen. In einem seiner neuen Songs vom Album "A Turn In The Dream-Songs" (2011, Rough Trade) schlägt er vor, Dinge, die viel Zeit benötigen, einfach später zu tun, dann, wenn die Jahre schneller vergehen, vielleicht ab vierzig. So einfach kann Leben sein, wenn man es lange genug in der Fantasie von Jeffrey Lewis einweicht.

Beim Auftritt blättert er zwischendrin durch zwei seiner Comics, denn er malt, wenn er nicht singt. Im ersten landet ein Alien auf der Erde und wundert sich über das Tag-Nacht-Wirrwarr, beschließt dann aber doch, das Licht auf seinen ewig dunklen Planeten zu exportieren, damit die Aliens mal darin zur Ruhe kommen können. Der zweite Comic ist eine fast dokumentarische Zusammenfassung der Französischen Revolution, inklusive Guillotine und Robespierre. Utopie und Geschichtsstunde - fürs amerikanische Publikum so etwas wie der Hauptgewinn in Sachen Weiterbildung. Namen und Worte wie Flannery O'Connor oder Fugu gehören in seine Lieder, ebenso wie das einsame Abendessen nach einer Trennung und die traurige Betrachtung der Welt, die als grüne Schleimmasse der Marke Krongu begann. Die war zwar nicht die beste, aber niemand hatte je eine andere Sorte probiert, und man entschied deshalb, dass sie gut sei.

Die Musik ist wärmer geworden, der schroffe Garagenrock, der die letzten Alben zusammenhielt, hängt im Schrank. Seine Band heißt jetzt The Junkyard, besteht aber immer noch aus seinem Bruder Jack am Bass und David Beauchamp am Schlagzeug. Dazu noch Kristin Andreassen an Tasten, Mundharmonika und Geige. Alle haben sie Platten von ihren Nebenprojekten oder Comics dabei. Nur "lazy Dave" nicht, der − wie zum Beweis seiner Lust am Müßiggang − breit und glücklich grinsend hinter seinem Schlagzeug sitzt. Jeffrey Lewis ist so etwas wie der Chronist der Gegenkultur. Der 36-jährige Literaturwissenschaftler hat sich eine innere Freiheit behalten. Er sieht auch von außen noch gut nach dieser Mischung von Rebellion und Jugendzimmer aus, mit Fusselbart und einer mit Stickern vollgeklebten Gitarre. Nur versteckt er mittlerweile Haarausfall unter seinem speckigen Basecap. "Eine Glatze zu kriegen ist das Männlichste, was ich jemals tun werde", singt er ja dann auch. Juliane Hanka

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2012

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