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Jeder ist seines Glückes Hans - "Ein deutscher Hausschatz" im Buchmuseum der SLUB

Jeder ist seines Glückes Hans - "Ein deutscher Hausschatz" im Buchmuseum der SLUB

Andreas Dress (Jg. 1943) und Claus Weidensdorfer (Jg. 1931) widmeten sich unerschrocken und mit ausufernder Spielfreude ausgestattet, zwanzig Jahre, ohne Ermüdungserscheinungen, den Helden unserer Kinderzeit, den Helden der deutschen Märchen, die sie im "Hick-Hack zu zwei rechten Händen" entthronten.

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Eine Seite aus Andreas Dress'/Claus Weidensdorfers "Ein deutscher Hausschatz". Eigenverl. Bd. 4. 1994.

Quelle: SLUB

Beides herausragende Zeichner, holten sie sie aus der Dunkelheit unnahbarer, verträumter Trägheit zurück in die Gegenwart. Glasklar geschliffen, ohne Sentimentalitäten, erlaubten sie sich, mit Wort und Bild Licht zu spenden und unsere manipulierten Sinne wieder zu schärfen, denn: Sie sind unter uns, die "Schneeflittchen", die "Dämlinchen", das "Ascheput", des "Rumpels Stilz", "Stempelsülz" und "Rumpelfilz", der "Hänsel und der Gretel". Und die Moral von der Geschicht': Jeder ist seines Glückes Hans! Die Feder glühte, der Pinsel sprühte. Es vernetzten sich auf den Blättern hahnebüchene, realitätsnahe, unglaubliche, grotesk ironische Wortschöpfungen mit expressiv dreister, linearer, formaler Potenzierung von Gutgläubigkeit und Verwerflichkeit. Lebendiger können sie nicht sein, die Zaubersprüche aus dem Märchenalltag, wo die Dimensionen von Gut und Böse fließend sind, wo nackte Begierden und freche Wahrheiten auf der Tagesordnung stehen. Willkommen sei derjenige Betrachter, der die Zeiten der täglichen Apokalypse zu deuten vermag. "Beflügelt eilt der Pinselmann zum andern Pinselmann sodann. Es knirscht die Feder, es huscht der Bleistift und alle Pinsel suhlen sich begeistert in bunten Pfützen. Im Galopp durchs Märchenland von Sebnitz nach Radebeul oder umgekehrt; Aber keiner weiß, wie lange der Weg uns trägt! Wie schnell die Uhr tickt? Ob man genug Verpflegung mit hat? Ob genug Erregung, ob ausreichend Bewegung ist...", weiter, weiter, immer weiter ging's.

"Ein Deutscher Hausschatz" war ursprünglich ein in 19 Platten radiertes, gemeinschaftlich errungenes, hingebungsvoll persifliertes Märchenstück, das virtuose Zeichenkunst mit ausufernder Phantasie und verbaler Spottlust verknotete. Nur manche Blätter wurden anfangs farbig gestaltet. Und es wurde weiter gezeichnet und weiter geschrieben, immer weiter, bis selbst die unberührten, jungfräulichen Rückseiten der jeweiligen Vorblätter der Mal- und Zeichenwut nicht mehr entkommen konnten.

Jedes der insgesamt 16 Hausschatz-Exemplare ist ein eigenständiges, unverwechselbares Unikat. Die Künstlerbücher wurden zu magischen Kultobjekten und ließen Sammlerherzen höher schlagen. Umso höher ist es zu schätzen, dass der "Deutsche Hausschatz" von Andreas Dress und Claus Weidensdorfer nun zum bewahrten Allgemeingut und Kulturerbe an dem Ort der Bücher wird, der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB).

Die unverdrossenen Künstler sind sich dahingehend einig, dass es besser ist, im Alter nativ zu sein, als in der Jugend Märchen zu verwechseln, die Gans für den Schwan und die Jungfer für die Kröte zu halten und sie an die Wand schmeißen wolln, zwecks Verwandlung in eine Prinzessin (was herunter fällt, kann auch ein Drache sein)." Andreas Dress und Claus Weidensdorfer schauten den Königstöchtern und der Teufelsbrut in alle Abgründe und erfüllten sarkastisch mit spitzem Stichel und spitzem Pinsel vielerlei Wünsche. Sie fanden sich nicht ab mit fixierten, märchenhaften Gegebenheiten. Sie laborierten und diskutierten, entpuppten und verpuppten, strukturierten und manövrierten, zerlegten und fügten zusammen. Idyllen zerbarsten unter ihren Händen mit dröhnendem Pinselschlag, in Überzeichnungen nisteten Wollust und Intrigen. Erbarmungslos zogen die Künstler zu Felde. Und sie befreiten auch Märchengestalten aus ihrer zementierten Enge: "-allerdings schwante mir schon immer, dass die Grimm-Brothers hier an einigem sehr gedreht haben. Nur ein Beispiel: Die Müllerstochter im Rumpelstilzchen ist eigentlich die Königstochter - und sie muß nicht, sondern kann nur Gold spinnen, von welchem Fluch sie Rumpelstilz befreit." So entstand innerhalb von zwanzig Jahren, so ganz nebenbei, ein glanzvolles, irrlichterndes gemeinschaftliches Werk, das zur Stellungnahme drängt. "Die Unersättlichkeit unseres Schröpfertums kann von uns nicht gebremst werden - die Folge sind die grauenhaften Wucherungen einer uferlosen Ausuferung unserer Berufungen zu Höchstem - Auswüchse des erschröcklichsten Ungeistes - verursacht nicht durch geistige Getränke, sondern auch durch Fisch, Fleisch, Flunderköpfe, Plunder- und Plaudertaschen sowie Flaschenkrebse."

Das Werk lebte von der Gunst der Stunde, von unerhörten Einfällen, von Gedankenblitzen, von expressiver Assoziationsgewalt, ja von gewaltigen Knittelversen, unverschämten Reimen, von berauschenden Wortkaskaden, willkürlicher Logik, unversöhnlichen Tatsachen, von Blendwerk und erotischen Exzessen, gesellschaftskritischer Stichelei, Wortkitzel und Wortgekritzel, auch infantilem Lustgewinn. "Alles wahr und doch gelogen. Alles Lug, doch nicht betrogen."

Schlagfertig traktierten sie Spießertum und Goldgeflunker. Eigensinnig, subversiv und provokant, mit einer Vorliebe für Kinderreim und dadaistische Narretei, gelangten sie zu klarer Welteinsicht, "fein geritzt und ausgedruckt". "Die Zusammenarbeit vollzieht sich spontan und gleichberechtigt", so Andreas Dress 2009. "Während das gegenseitige Reagieren oft zu einer Vermischung und Neutralisierung der individuellen Handschrift führte, kristallisierte sich mit der Zeit der Respekt vor autonomen Zonen des anderen auf der gleichen Arbeit heraus, so dass diese Handschrift am Ende auch erkennbar bleibt."

Aus verwandten Anschauungen, Arbeits- und Sehweisen ergibt sich die Thematik. Spannungen entstehen aus den unterschiedlichen Temperamenten. Die Provokation durch den anderen wirkt erfrischend, überraschend und setzt neue Potenzen frei. So sind aus Geben und Nehmen, Aufnehmen und Überlassen, Sprechen und Widersprechen diese Radierungen entstanden, die keiner von beiden allein hätte machen wollen und auch nicht hätte machen können.

bis 15. Juni im Buchmuseum der SLUB, Zellescher Weg 18, täglich 10 bis 18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.05.2014

Karin Weber

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