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Jazzpianist Dan Tepfer bringt Bachs Goldberg-Zyklus in die Tonne

Variationen von Variationen Jazzpianist Dan Tepfer bringt Bachs Goldberg-Zyklus in die Tonne

Das kurzfristig für Dresden gerettete Bachfest macht auch vor den Tiefen der Tonne nicht halt. Gleich dreimal soll dort den Verbindungen zwischen Bach und Jazz nachgespürt werden. Den Auftakt dazu schlug am Sonntag der U.S.-amerikanische Jazzpianist Dan Tepfer im bestens besuchten Jazzclub an.


Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. Das kurzfristig für Dresden gerettete Bachfest macht auch vor den Tiefen der Tonne nicht halt. Gleich dreimal soll dort den Verbindungen zwischen Bach und Jazz nachgespürt werden. Den Auftakt dazu schlug am Sonntag der U.S.-amerikanische Jazzpianist Dan Tepfer im bestens besuchten Jazzclub an.

Bach in der Tonne? O ja, die berühmten, ursprünglich schlicht als „Clavier Übung“ betitelten Goldberg-Variationen wurden hier als völlig neu zu entdeckender Zyklus interpretiert. Den späteren und heute verbreiteten Namen bekam der 1741 veröffentlichte Reigen aus 30 von zwei Arien gerahmten Variationen aufgrund einer Anekdote. Der russische Gesandte am Dresdner Hof habe sich einige Stücke „sanften und etwas muntern Charakters“ für seinen Cembalisten gewünscht – und der hieß eben Goldberg.

Es gibt berechtigte Zweifel an dieser Deutung. Fakt ist, der Name hat sich durchgesetzt und bringt Klavierschüler bis heute ins Schwitzen. Zu hoch hängt die Messlatte etwa durch die legendären Einspielungen von Glenn Gould (die zudem in Thomas Bernhards „Untergeher“ zu literarischem Ruhm kamen).

All diese Historie ficht den Amerikaner aus Paris – Dan Tepfer kam 1982 in der französischen Hauptstadt zur Welt – nicht an. Er vertraut auf Bach, Anfang und Ende aller Musik, und er ist sich seiner selbst gewiss. Beides aus gutem Grund. Denn zuerst einmal ist er fingerfertig genug, mit den teils vertrackten Ansprüchen des Originals bestens zurechtzukommen, zudem aber hat er die musikalischen Strukturen tief verinnerlicht und ist obendrein selbst ein genialer Erfinder. Vor allem aber nimmt er die Vorlage ernst und stülpt ihr keine seicht swingende Fahrstuhlmusik über, wie es Scharen billiger Klassik-Verjazzer gern tun. Von daher gehören diese Variationen der Variationen unbedingt sowohl in den Jazzclub als auch in dieses Bachfest.

Dan Tepfer hält sich bei seinen bereits vor fünf Jahren entstandenen „Goldberg Variations/Variations“ nicht lange pur beim Original auf, bleibt ihm aber dennoch sehr treu. Schon nach den ersten Takten verändert er Rhythmen, spreizt Läufe, reizt Tonhöhen aus, setzt Kontrapunkte zu Kontrapunkten. Bereits die zweite Variation beginnt er mit synkopischen Veränderungen, lässt Bach in den Hintergrund rücken, ohne ihn aber nur einen einzigen Ton lang zu verleugnen. Voller Respekt geht er mit Bachs Material um, erweist diesem Großmeister barocker Improvisation alle Ehre, indem er Goldberg mal nahe bleibt, ihn mal selbstbewusst spiegelt, um sich dann auch ganz frei improvisierend über den ursprünglichen Variationen zu erheben.

Tepfers spielerische Hingabe hat – neben der rein technischen Brillanz – eine erotische und geistige Komponente, als würde er uns den ganzen Goldberg wie auf einem Silbertablett servieren wollen, um darin gewinnbringend zu schürfen. Er holt auf seiner Entdeckungsreise weit mehr daraus hervor, als den meisten von uns bislang bekannt gewesen sein dürfte. Sein Spiel changiert zwischen inbrünstiger Verlorenheit und uhrwerksgleicher Rasanz. In diesem auch dynamisch breitgefasst spannungsvollen Spektrum kommt der Pianist auf eine Gesamtdauer von 88 Minuten – diverse Interpretationen des Originals wurden zwischen gut einer halben und fast eineinhalb Stunden gestoppt.

Kommendes Wochenende ist Johann Sebastian Bach erneut in der Tonne zu Gast, wird erst vom Duo Asja Valcic & Klaus Paier in der raren Verbindung von Cello und Akkordeon (1.10.) und dann von Olivia Trümmer und Jean-Lou Treboux an Klavier und Vibrafon (2.10.) modifiziert.

Von Aldo Lindhorst

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