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Jazzmusiker Nils Landgren im Interview

„Durch Musik hält man zusammen“ Jazzmusiker Nils Landgren im Interview

Nils Landgren, der am Freitag nach Dresden kommt, sprach mit den DNN über die Vereinbarkeit von Jazz und Klassik und sein Engagement in Kenias Hauptstadt Nairobi.

Nils Landgren kommt am Freitag nach Dresden.
 

Quelle: Sebastian Schmidt/ PR

Dresden..  Für sein aktuelles Projekt hat sich der schwedische Posaunist Nils Landgren der Musik Leonard Bernsteins angenommen, dessen Klassiker aus der „West Side Story“ und anderen Musicals von Arrangeur Vince Mendoza für großes Orchester und Solisten neu orchestrieren lassen. Vor seinem Auftritt mit der Neuen Philharmonie Frankfurt und seinen Jazz-Kollegen am Freitag in Dresden hat mit dem Landgren gesprochen.

Frage: Erinnern Sie sich noch an Ihre allererste Begegnung mit Bernsteins Musik?

Nils Landgren: Das muss Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre gewesen sein. Da lief die US-Originalfassung der „West Side Story“ im schwedischen Fernsehen mit Natalie Wood und all den anderen Künstlern.

Was macht Bernsteins Musik so besonders?

Seine Musik ist sehr vielfältig, teilweise auch sehr tiefsinnig, doch zugleich stets zugänglich und melodiös. Teilweise verlangt sie auch viel vom Zuhörer, denn es ist eine anspruchsvolle Musik – aber eben immer auch mit dem Anspruch, Menschen diese klassische Musik zu eröffnen.

Nun hat Bernstein neben der Klassik auch den Jazz sehr geschätzt, selbst Jazz gespielt – und ist damit doch ziemlich singulär geblieben. Warum gibt es bis heute so viele Berührungsängste von klassischen Musikern und Komponisten gegenüber dem Jazz?

Wenn ich das wüsste… Ich höre oft klassische Musiker sagen, „Ich würde ja gern improvisieren, aber ich kann das nicht“ – und im Gegenzug sagen Jazzmusiker „Ich würde sehr gern ein klassisches Stück spielen, aber das traue ich mich nicht“. Insofern scheint es viel Respekt zu geben – wobei der durchkomponierten, notierten Musik nach wie vor mehr Bedeutung beigemessen wird als der improvisierten.

Zumindest hierzulande – ganz anders erleben Sie das immer wieder in Kenia, wo Sie sich mit Ihrer Funk Unit seit einigen Jahren in Kibera engagieren, einem Slumviertel in der kenianischen Hauptstadt Nairobi – „eine gigantische Müllhalde“, wie Sie selbst sagen, auf der eine Million Menschen leben. Was kann ein einzelner Mensch dort bewirken?

Erst einmal haben meine Band und ich für uns festgestellt, dass wir alle etwas bewegen können – auch wenn es nur ganz, ganz klein ist. Wir haben selbst vor Ort gesehen, wie sehr etwa die „Ärzte ohne Grenzen“ den Leuten helfen, die sie kostenlos behandeln – und damit vielen Kindern ihre Eltern retten, denn jeder Vierte dort leidet unter todbringenden Krankheiten wie Cholera, HIV, Tuberkulose oder Malaria.

Wie helfen Sie konkret?

Wir spenden einen Teil der Einnahmen von jedem verkauften Album an „Ärzte ohne Grenzen“ – und haben damit die Gewissheit, dass ein Teil dieser Menschen gerettet wird und vielleicht sogar ein besseres Leben führen kann. Zudem wollen wir den Kindern dort durch Musik die Chance auf ein besseres Leben geben…

… und bringen dafür gespendete Musikinstrumente nach Kibera, die sie den Kindern dort zur Verfügung stellen.

Ja, denn Musik ist ja eine universelle Sprache, die jeder verstehen kann ohne zu reden – und das ist ein ganz entscheidender Punkt: Wer etwas vermitteln kann mit und durch Musik, der kann sogar seine eigene Situation verändern. Und das wollen wir gern den Kindern dort zeigen: Wir geben ihnen die Werkzeuge an die Hand, und sie lernen, diese zu benutzen.

Und haben damit offenbar einen Nerv getroffen.

Ja, alle Kinder, die beteiligt sind an diesem Projekt, sind noch immer dabei und haben mittlerweile auch kleine Orchester gegründet. Und wir selbst fahren immer mal wieder nach Kibera und nehmen dann so viele Musikinstrumente mit, wie wir mitschleppen können – und treffen uns dann auch mit den 200 Mädchen und Jungen einer Waisenschule, in der wir dafür sorgen, dass die Kinder dort jeden Tag zu essen bekommen.

Ein gutes Gefühl – oder beruhigt dies nur das Gewissen der reichen Nationen gegenüber den Ärmsten dieser Welt?

Wir sehen, dass jeder Mensch etwas bewegen kann – und wenn jeder Mensch das täte, dann würden wir auch eine bessere Welt haben. Was nichts damit zu tun hat, dass wir besser sind als andere Menschen, aber wir haben auf jeden Fall den Versuch unternommen, etwas zu verändern. Was auch eine Veränderung in unserem Leben bedeutet: Denn hat man einmal mit so etwas angefangen, dann kann man damit nicht mehr aufhören.

Sie sprechen von den positiven Einflüssen, die die Musik auf das Leben der Kinder dort habe – aber kann Musik wirklich zu einem besseren Leben verhelfen?

Die Beschäftigung mit Musik kann dazu führen, dass man sich aus seiner eigenen Situation befreit und auch weiterkommt im Leben. Vor allem aber: Wenn Leute zusammen Musik machen, bilden sie auch eine Gruppe, lernen Kommunikation und Solidarität. Sie halten zusammen – und das verringert das Risiko, dass sie schon in frühen Jahren in einer Gang landen, in die Kriminalität oder Prostitution abrutschen. Zu realisieren: Durch die Musik hält man zusammen und bewegt etwas gemeinsam – das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Nils Landgren & Neue Philharmonie Frankfurt: A Tribute to Leonard Bernstein am 11.März, Alter Schlachthof

Von Christoph Forsthoff

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