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Jan Seeger lässt "Pelléas et Mélisande" in der Semperoper Dresden baden gehen

Jan Seeger lässt "Pelléas et Mélisande" in der Semperoper Dresden baden gehen

Pelléas steht das Wasser bis zum Hals. Er liebt Mélisande, doch die ist mit seinem Halbbruder Golaud verheiratet. Mélisande muss zwischen Gefühl und Gehorsam entscheiden, Golaud treibt dieser Konflikt zum Brudermord.

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Bühnenmeister Henry Pintarelli und Claus Neumann aus der Dekorationsabteilung auf der Bühne für die Neuinszenierung "Pelléas et Mélisande".

Quelle: Matthias Creutziger

Eigentlich steht in dieser Oper also allen das Wasser bis zum Hals. Im sprichwörtlichen Sinn. Denn in Wahrheit reicht ihnen das kühle Nass gerademal bis zu den Knöcheln.

Tief genug, um für Claude Debussys symbolistische Oper "Pelléas et Mélisande" Stiefelpflicht auszurufen. Das katalanische Künstlerkollektiv La Fura dels Baus suchte für die Neuinszenierung in der Semperoper eine besondere Metaphorik und fand sie - im Wasser. Wasser ist Leben, kann aber auch tödlich sein, Wasser ist Labsal und Tiefe, steckt voller Abgründe und Strudel, gebiert sanfte Wellen und Lichtspiele. Man kann sich darin spiegeln - oder untergehen.

Für Jan Seeger, den Technischen Direktor der Semperoper, war diese Ausstattungsidee eine ganz besondere Herausforderung. Sein erster Gedanke, als er die Bühnenbildentwürfe sah: "Das wird ein großes Experiment für unser Haus. Aber zuerst denke ich immer, wie können wir's lösen." Dieser Ansatz, so weiß er, verbindet auch die Mitarbeiter der Bühnentechnik sowie der Werkstätten. Dennoch sei man sich in diesem Fall zunächst nicht sicher gewesen, ob die Vision des Künstlers Alfons Flores so umsetzbar wäre. Der ganze Bühnenboden sollte gewässert werden und mittendrin ein hohes Gebäude stehen, das sich obendrein auch noch dreht.

Nach einer Reihe kniffliger Denkaufgaben, in denen technische Realisierbarkeit ebenso eine Rolle spielte wie der finanzielle Rahmen, stand für Jan Seeger fest: "Wasser geht!" Inzwischen fließt es auch und hat sämtliche Proben bestanden. Auf einer Fläche von 345 Quadratmetern ergießen sich 17 Kubikmeter Leitungswasser und füllen ein maßgeschneidertes Folienbecken etwa fünf Zentimeter tief. Der von Höhlen durchsetzte Fels mittendrin erhebt sich sieben Meter hoch auf einer Grundfläche von zwölf mal sechs Metern.

Wenn solch ein Koloss gedreht werden soll, sind Kräfte gefragt, die jede herkömmliche Bühnenmaschinerie überfordern. Das Team um Jan Seeger hat lange nach einem Partner gesucht, der solch eine Antriebseinheit passgerecht liefern konnte. "Das ist echter Schwermaschinenbau," erläutert der Theatermann im DNN-Gespräch, "immerhin wirkt hier ein Drehmoment von 31 Kilonewtonmetern." Zum Vergleich: Der derzeit stärkste VW Phaeton hat ein Drehmoment von 430 Nm, ohne Kilo davor. Seeger zieht daher lieber die Analogie zu einem Turmdrehkran.

Der Trend im Theater gehe heute zu möglichst authentischen Eindrücken, so Seeger. Daher sei diese riesige Insel im Semper-See mit einem Drahtgewebe umhüllt, das die Lichteffekte besonders imposant und den Felsen wie aus echtem Granit wirken lässt. Auch das gehört zu den Vorbereitungen einer Neuproduktion, geeignete Hersteller zu finden, deren Material die erhofften Impressionen schafft, sämtlichen Brandschutzauflagen genügt und den Kostenrahmen nicht sprengt. 700 laufende Meter Aluminiumdrahtgitter wurden geordert und in den theatereigenen Werkstätten für "Pelléas et Mélisande" vernäht.

Während das Personal auf der Bühne nun beinahe nur noch in Stiefeln agiert, herrscht im Büro des Technischen Direktors gediegene Sachlichkeit. Auf dem Computerbildschirm präsentiert er die beeindruckenden Entwürfe zu dieser Oper, aus denen im Laufe der etwa einjährigen Vorbereitungszeit hunderte Zeichnungen, detaillierte Skizzen und Formeln geworden sind, um in umfangreichen Betriebsanleitungen abgebildet zu werden, die wiederum zur Handhabe des nunmehr greifbaren Bühnenbilds vonnöten sind. Nicht zuletzt muss an höchste Sicherheit gedacht werden, wenn sich Strom und Wasser so nahe kommen. Auf das Klima des Hauses wirke sich die Feuchtigkeit übrigens positiv aus und komme auch den Stimmen der Sänger zugute. Der stets so besonnen wirkende Seeger gerät ins Schwärmen, wenn er die zu erwartende Bildgewalt dieser Oper beschreibt: "Da entstehen unglaublich schöne Effekte, der Aufwand hat sich gelohnt."

Auch wenn nun jeweils zwei Stunden zum Befüllen der Bühne und eine Stunde zum Ablassen des Wassers nötig sein werden, auch wenn der große Aufbau viel Platz auf der Seitenbühne einnehmen wird - sämtliche Abläufe und Vorstellungstermine sind exakt abgestimmt. Bereits am Wochenende nach der Premiere muss für den Opernball alles geräumt sein, gleich nach dessen Ende am frühen Morgen wird das Haus wieder bestuhlt, und schon am Abend gibt es Proben, tags drauf die "Kapelle für Kids", und abends wird Pelléas, Golaud und Mélisande das Wasser wieder bis zum Hals stehen. Zumindest im sprichwörtlichen Sinn.

Premiere am 24.1., 19 Uhr, Semperoper

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.01.2015

Michael Ernst

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