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Islands berühmteste Band: Sigúr Ros kommen nach Dresden in die Junge Garde

Islands berühmteste Band: Sigúr Ros kommen nach Dresden in die Junge Garde

Fast wäre der Magen im Weg gewesen. Die Anfragen nach einem Interview mit den Musikern von Sigur Ròs erfolgten von unserer Seite aus in den letzten Jahren fast obligatorisch.

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Nun zu dritt: Georg Hólm, Orri Páll Dýrason und Jón Thór Birgisson (v.l.).

Quelle: PR

Genauso regelmäßig kamen die Absagen. So wie Marlene Dietrich sich einst von der Presse abwendete, weil sie das Gefühl hatte, sie sei zu Tode fotografiert worden, wollen die Isländer also gar nicht erst enden. Kuriose Gesprächssequenzen gibt es im Netz nachzusehen, so genannte "Nicht-Interviews", in denen Jón Thór Birgisson, Georg Hólm, Orri Páll Dýrason und Kjartan Sveinsson statt wirklich zu reden nur höflich räuspern und Einsilbigkeit fast schon in Geschwätzigkeit ausartet. Obwohl noch jung an Jahren, hatten sie es zeitig satt, immer wieder neu über ihre Fantasiesprache "Hopelandish" zu parlieren, über Vulkan-Rock, vokale Falsett-Feiern, überspannte Bögen auf Gitarrensaiten und darüber, was denn nun genau hinter ihrer alles in allem magischen Musik stecke. Und für Fotos zu posen, missfällt ihnen bis heute. Auch deshalb sind all ihre CDs und DVDs eher graphische Kostbarkeiten ohne Bandfoto. Sie erklären sich einfach nicht gern. Vor ihrem dritten Dresden-Konzert am 19. Juni in der Jungen Garde - das einzige Sommer-Einzel in Deutschland außerhalb von Festivals - gab es plötzlich doch ein Ja. Sigur Rós ließen bitten.

Wir achten diese Künstler sehr und wollen beitragen, sie bekannter zu machen, weil sie alte isländische Traditionen bewahren, die fast schon verloren schienen. Wir kommen so viel herum in der Welt, da ist es einfach schön, daheim zu sein.

Tempodrom Berlin, Februar 2013, Backstage, kurz nach 18 Uhr. Sänger Jón Thór Birgisson und Bassist Georg Hólm kommen in den abgesperrten Teil des Foyers, grüßen freundlich - und gehen vorbei. Die Kollegen von arte haben an diesem Abend, neben den DNN, das zweite Los gezogen. Schlagzeuger Orri Páll Dýrason, mit dem wir verabredet sind, kommt nicht. "Es ist der Magen", entschuldigt sich das Management, "so kurz vor dem Konzert will Orri noch etwas ausruhen". Machen wir doch alle, auch ohne Auftritt! Oder gehen gar nicht erst zur Arbeit. Das wiederum wäre schwierig für den Drummer einer Band. Ist zu verstehen. Sorry. Und tschüss? Auch ohne Spesen nichts gewesen? "Nach dem Konzert bring' ich dir Orri raus, versprochen", zaubert der Manager einen Spruch aus dem Hut, der sein Gegenüber nach fast 30 Jahren Interviewerfahrung eher ernüchtert denn erfreut. Sehr schön! Nach zweieinhalb Stunden Hochleistung, nach der Rós-Kur in der Sigur-Welt, wird sich Orri Páll Dýrason als verschwitztes Knäuel völlig genervt ins Hinterstübchen des Tempodroms drängen lassen, um gegen Mitternacht ausgerechnet ein Interview zu geben! Selten so gelacht.

Und? Er hat es getan. Nicht verschwitzt, nicht genervt, sondern entspannt und offen, so, hätte nicht Orri, sondern sein Klon das Konzert über hinter den Becken und Trommeln gewirbelt. "Entschuldige", beginnt der 35-jährige dreifache Vater das Gespräch, "aber mein Magen vorhin -"

Er hätte ja auch Kjartan Sveinsson vorschicken können? Hätte er nicht, denn Sigur-Rós-Gründungsmitglied und Multiinstrumentalist Sveinsson hat die Band Anfang 2013 verlassen. "Wir haben lange darüber gesprochen", sagt Orri Páll Dýrason. "Schon, als wir die letzte gemeinsame Platte gemacht haben, war es klar. Die Trennung geschah wirklich in einem guten Geist, und ich glaube, sein Ausstieg ist ultimativ. Er ist ein erwachsener Mann, er will jetzt einfach andere Dinge machen." In Familie bestimmt. Und Filmmusik, so wie er es u.a. für Ramin Bahranis "Plastic Bag" oder Neil Jordans "Ondine" schon getan hat.

Kjartan Sveinsson war ohne jeden Zweifel eine tragende Säule im Hause Sigur Rós, derjenige, der als einziger Musikstudierter des Quartetts die Kompositionen und Strukturen theoretisch durchdrungen, klassische Sonette geschrieben und u.a. mit dem Hilliard Ensemble die Bühne geteilt hat. Bestand die Gefahr des Auseinanderbrechens der Band? Dýrason: "Nein, überhaupt nicht. Ich denke eher positiv darüber. Kjartan hat uns mit seinem Weggang auf eine sehr eigene Art befreit. Das mag vielleicht negativ klingen, ist es aber überhaupt nicht. Er hat alle Arrangements gesteuert, war seit 1994, also über sein halbes Leben lang dabei. Klar, dass es ohne ihn Veränderungen geben muss. Aber, wie gesagt, vor allem wollte er es, das macht die Sache einfacher."

Nicht nur die aktuelle, heute erscheinende Trio-CD "Kveikur", die dem Vorgänger ungewöhnlich schnell folgt, ist ein Beweis. Auch die ersten Konzerte, die Sigur Rós ohne Sveinsson gespielt haben, sind es. An besagtem Abend in Berlin waren die drei zu elft - und hinterließen vor allem mit dem neuen Material einen bestechenden Eindruck. Zu elft werden sie auch in der "Garde" spielen, mit je drei Bläsern und Streichern sowie zwei Gastmusikern in der Kernbesetzung. Schade nur, dass das optische Konzept der "Kveikur"-Tour auch aufgrund der Helligkeit dieses Fast-Mittsommerabends ausfallen muss. Nur so viel: Es ist ein illuminiertes Aquarium.

Orri spricht leise. Und er bestätigt, dass er und die anderen miteinander gar nicht so viel reden: "Wir sind meistens einfach zusammen. Wenn wir Musik entwerfen oder einspielen, dann funktionieren wir auf diese schlichte Weise, wir suchen nach Stimmungen. Beim Mixen sieht es schon anders aus. Dann schalten wir in einen anderen Gang, nicht im Sinne von Kampf, eher im Ausreizen von Möglichkeiten. Da ist auch bei uns alles sehr geerdet und auf die Basics gerichtet."

Dyrason kam 1999 als neuer Drummer zu Sigur Rós, die Gruppe hatte bis dahin schon fünf gemeinsame Jahre hinter und den großen internationalen Durchbruch nach der fulminanten CD "Ágætis byrjun" vor sich. Anders als ihre Landsmännin Björk, die längst ihren künstlerischen und sozialen Mittelpunkt in den USA hat, leben Dýrason, Birgisson und Hólm weiter auf Island. Sie sind dort in der Wahrnehmung natürlich die Superstars, aber in Reykjavik ticken die Uhren dann doch noch etwas anders: "Da gibt es wirklich keine Grüppchenbildung, und wenn, dann sorgen die Touristen dafür. Die Isländer selbst interessiert das nicht. All die vielen isländischen Musiker erscheinen nicht nur sehr familiär, sie sind es auch. Wir sehen uns, spielen miteinander, wir borgen uns das Equipment. Es ist völlig ohne Bedeutung, wer von uns es ,geschafft' hat oder wie man das nennen mag. Ich bin ganz ehrlich, das genieße ich sehr."

Auf ihrer faszinierenden DVD "Heima" ist ihr Begriff von "Heimat" adäquat zu sehen. Sigur Rós ließen sich 2006 von Regisseur Dean DeBlois filmisch begleiten, als sie, verteilt auf die gesamte Insel, Konzerte in kleinen, zum Teil außergewöhnlichen Orten gaben. Dýrason: "Ich kann guten Gewissens sagen, dass ich schon an den meisten dieser Orte gewesen bin, bevor wir den Film aufgenommen haben. Wir haben ihn ja nicht umsonst ,Heimat' genannt. Die Tour in all diese kleinen Orte war geplant, bevor wir über eine DVD sprachen."

Es geht in "Heima" auch um kulturelle Tradition. Man sieht die Band zum Teil staunend und voller Demut mit Männern, Frauen, Jungs und Mädchen aus der Bevölkerung spielen: "Die Wurzeln sind natürlich in unseren Köpfen drin, wir sind schließlich Isländer und bleiben es auch. Sie beeinflussen uns, ohne dass wir genau beschreiben könnten, auf welche Art. Wir seien ,typisch isländisch', wird uns immer wieder nachgesagt. Doch, was ist das? Natürlich hat es uns sehr beeindruckt, als wir mit dem großen gemischten Volkschor gearbeitet haben, mit der Blaskapelle aus Laien, mit Sänger Steindor Andersen, der die alten Waisen, die Rimurs singt. Oder als wir einen Mann wie Palli Gudmundsson trafen, der in völliger Abgeschiedenheit aus Steinen und Jahrzehnte altem Rhabarber Marimbas baut. Wir achten diese Künstler sehr und wollen beitragen, sie bekannter zu machen, weil sie alte isländische Traditionen bewahren, die fast schon verloren schienen. Wir kommen so viel herum in der Welt, da ist es einfach schön, daheim zu sein. Wir sind einfach Jungs aus verschiedenen Vororten von Reykjavik, dort sind wir aufgewachsen, dort sind wir noch."

Das mit den zum Teil entflammten Deutungen der melancholischen wie harschen, sphärischen wie kantigen Musik von Sigur Rós, all die innewohnenden cineastischen Momente, an denen man sich beim Beschreiben förmlich aufreiben kann, ist allein Sache der Hörer. Dýrason: "Wir haben zum Beispiel nie viel über die Landschaft nachgedacht, sind nie an Orte gefahren, nur um uns inspirieren zu lassen. Schon um uns herum in Reykjavik ist so viel zu sehen - das Meer, die Berge. All die Interpretationen, wonach unsere Songs klingen sollen, sind von außen auf uns eingeströmt."

Sagt Schlagzeuger Orri Páll Dýrason und überhört das Türklopfen des Managers, der heilfroh ist, ein Versprechen eingehalten zu haben.

Sigur Rós live, Vorprogramm: Blanck Mass, Mittwoch, 19. Juni, 19.30 Uhr, Freilichtbühne Junge Garde

Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.06.2013

Andreas Körner

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