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Irritierend und turbulent - Premiere "Impressing the Czar" mit dem großartigen Semperoper Ballett

Irritierend und turbulent - Premiere "Impressing the Czar" mit dem großartigen Semperoper Ballett

Es hat sich stets als Privileg und Gewinn erwiesen, wenn das Ballett der Sächsischen Staatsoper Dresden Choreografien von William Forsythe übernehmen konnte. Kontinuierlich herangewachsen ist das Forsythe-Repertoire aber erst mit dem Semperoper Ballett unter Leitung Aaron S.

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Aus dem Schlussbild "Impressing the Czar" von William Forsythe mit kraftvollen Gruppenbildern als Metapher für verkörperte Zeit, Unbeständigkeit.

Quelle: Ian Whalen

Watkins, der mit seinem Team seit 2006 für eine besondere Qualität des Ensembles sorgt. Welche nicht nur, aber doch speziell auch für Forsythe-Werke unerlässlich ist. Man kann seine Choreografien mögen oder auch nicht, die älteren bevorzugen, vielleicht auch die neueren. Hervorragend getanzt werden müssen die einen wie die anderen. Und das wird sich auch nicht ändern.

Bei aller Vorfreude auf das Ereignis, dem erheblichen Aufwand für die Inszenierung sowie einer markanten Werbung für die Produktion im Dresdner Stadtbild - bei der reichlich zweistündigen Premiere von "Impressing the Czar" in der Semperoper weiß man zunächst nicht so genau, wozu man da geladen ist. Und ob es tatsächlich ein Privileg sein sollte, dieses vierteilige turbulente Werk in der Gänze des 1988 in Frankfurt am Main uraufgeführten Originals in Dresden herauszubringen. Und zudem auch ein Gewinn fürs Repertoire vom Semperoper Ballett?

Doch darüber muss letztlich das Publikum selbst entscheiden. Und wenn zu Beginn noch mancher Premierenbesucher arg verunsichert ist, nach Erklärungen und Deutungen sucht, so hat es dieser vielleicht schon nach einiger Zeit geschafft herauszufinden, wie wenig Sinn es macht, überhaupt zu viel über das Warum und Weshalb an diesem Abend nachzudenken. Wer sich von solchem Ehrgeiz dann halbwegs verabschiedet, gewinnt deutlich an Gelassenheit. Und kann letztlich die Freiheit genießen, voll und ganz auszukosten, wie hervorragend und mit der Eigenheit des Forsythe-Bewegungsvokabulars auf der Bühne gewitzt und gekonnt getanzt wird.

Dass Forsythe zu seinen teils rätselhaften Bildern eher selten Lösungen anbietet, weiß man ja längst. Und wenn bei "Impressing the Czar" in diversen Szenen die Überzeichnungen in alle Richtungen dick aufgetragen sind, darf man auch nicht glauben, er wolle uns damit verdummen. Nachdenken sollte man bei ihm schon, aber vielleicht aus besagten Gründen erst später. Und mit etwas Glück findet sich dann auch ein Pfad aus diesem Labyrinth, das mit dem Titel des Abends noch längst nicht ausgereizt ist. Bei dieser Forsythe-"Achterbahn" geht es rasant rauf und runter, kreuz und quer durch Geschichte und Geschichten, auch die Werkstätten haben ganze Arbeit geleistet, und die wunderbaren Tänzer zeigen, wie hoch die "goldenen Kirschen" hängen. Wenn es nach allem Getöse und Durcheinander, jener irren Wuselei zum Auftakt mit "Potemkins Unterschrift" ein Ballett der Moderne in seiner reinsten Forsythe-Erscheinung gibt, ist das Verblüffende daran, dass es quasi schon fast erholsam wirkt.

Dabei ist dieses bestens bekannte Stück "In the Middle, Somewhat Elevated" nun alles andere als beschaulich oder gar beruhigend. Und schon gar nicht mit der aufregenden Musik von Thom Willems, die selbst mit leisen Tönen das szenische Geschehen kraftvoll zu forcieren weiß. Doch in diesem Umfeld entfaltet es spürbar eigene Qualitäten, lässt ahnen, wie wichtig es für Forsythe ist, dass Tänzer auf der Bühne sie selbst sein können. Mit Bravour natürlich, doch jeder auf seine Weise. Und da entdeckt man einmal mehr die Eleganz und Geschmeidigkeit von Jiri Bubenicek, die Klasse von Raphael Coumes-Marquet oder die rasant hohen Beinschwünge von Elena Vostrotina. Und ist natürlich auch stolz auf Johannes Schmidt, der sich auf dieser Ebene zu halten weiß.

Weder damals noch heute hat Forsythe die reine Provokation und schon gar nicht eine äußerliche Proklamation gesucht. Er will nicht bekehren oder belehren, reagiert vielmehr auf Entwicklungen und Fragen, die ihn ganz persönlich interessieren, inspiriert damit auch jene, die mit ihm arbeiten und seine Werke tanzen. Was sich als Impuls deutlich fortsetzen kann - das war an diesem Abend absolut zu spüren. Und ist auch in der Energie der Einstudierenden erkennbar, mit Kathryn Bennetts, der die Produktionsleitung oblag, und ihrer Assistentin Rebecca Gladstone, mit Alan Barnes, David Kern, Helen Pickett, Ana Catalina Roman sowie Laura Graham.

Als nach den enorm forcierten und kraftvoll drängenden Gruppenbildern im letzten Stück beim Schlussapplaus sowohl Tänzer als auch Zuschauer gleichermaßen "Dampf ablassen" und sich fast gegenseitig feiern, dürfte es wohl gelungen sein, was zu Beginn noch eher verunsichernd wirkt. Die Botschaft, dass Tanz frei und lustvoll sein kann und sein muss. Wofür es auf der Bühne ebenso wie bei den Zuschauern halt auch Begeisterungsfähige braucht. Und dann lohnt sich eben ein solches Wechselbad der Gefühle, versteht man etwas mehr die launigen, sich speziell auf Dresden beziehenden Sprüche von Helen Pickett (als Gast), die gemeinsam mit Ana Presta und diversen anderen die Szene vital aufmischt und bei ihrer Kunst-Auktion die rundum bewegende Frage stellt: "Was war der Punkt von allem?"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.05.2015

Gabriele Gorgas

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