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Irgendwann waren sie verschwunden - Katerina Tuckovas Roman über das Schicksal der Sudetendeutschen

Irgendwann waren sie verschwunden - Katerina Tuckovas Roman über das Schicksal der Sudetendeutschen

Gleich nach Ende des Zweiten Weltkrieges, am 30. Mai 1945, wurden etwa 20.000 deutschsprachige Bewohner der südmährischen Stadt Brünn/Brno auf einem Marsch Richtung Österreich getrieben.

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Ausschließlich Alte, Frauen, Kinder. Etwa 5200 von ihnen sollen Studien aus den 1990er Jahren zufolge dabei gestorben sein.

Über diesen "Brünner Todesmarsch" ist ein Roman erschienen. Ungewöhnlich daran: Verfasst hat ihn eine tschechische Autorin, die zudem mit 32 Jahren relativ jung ist. "Vyhnani Gerty Schnirch", so der Titel, zu Deutsch: "Die Vertreibung der Gerta Schnirch", ist 2009 im Brünner Host-Verlag herausgekommen. Ins Deutsche wird das Buch gerade übersetzt, wie Katerina Tuckova bei ihrer Lesung in der Dresdner Brücke-Villa sagte. Ein Verlag indes habe sich noch nicht gefunden.

Alle Zerrissenheit, alle Tragik der Sudetendeutschen, von denen es reichlich drei Millionen in der Tschechoslowakei gab und fast 60.000 in Brünn/Brno, konzentriert Katerina Tuckova exemplarisch in ihrer Hauptfigur Gerta Schnirch und deren Familie. Der Vater ist Deutscher, Anhänger Hitlers. Die Mutter Tschechin. 1939, zu jener Zeit, da die Romanhandlung beginnt, gilt Gerta Schnirch als Tschechin. Als solche fühlt sie sich auch 1945, weshalb sie völlig arglos in der Stadt bleiben möchte. Doch nun wird sie als Deutsche gekennzeichnet. Muss sich mit ihrer kleinen Tochter auf den Todesmarsch zunächst bis Pohorelice/Pohrlitz begeben.

Dort, in einem provisorischen Lager, sterben viele an Typhus. Sie erlebt Demütigungen, Hass und die enthemmte Gewalt der tschechischen Bewacher. "Paradoxerweise waren das Arbeiter der Brünner Waffenwerke, welche die Wehrmacht beliefert hatten, von denen keiner je Widerstand leistete", erläutert Katerina Tuckova. Auch in einer anderen Szene zeigt sie, dass es ausgerechnet zuvor angepasste Tschechen waren, die sich dann als besonders grausam erwiesen.

Die Autorin, die die Geschichte bis 2001 fortführt, erzählt fast nüchtern, lässt die vielen Details sprechen, was das Ganze umso bewegender macht. Für die deutschsprachige Bevölkerung Brnos habe sie sich mit 25, als Studentin, zu interessieren begonnen, berichtet Katerina Tuckova. Anfangs habe sie einfach nach den früheren Bewohnern ihrer Straße gefragt. "Im Gymnasium hatte uns niemand von diesem Teil der Geschichte im Gesamtkontext erzählt. Das einzige, was wir wussten: Es gab einmal Deutsche, und irgendwann waren sie verschwunden."

Neues erfuhr sie von einem Freund, einem Historiker, der sich damit beschäftigte. Sie hat historische Studien gelesen. Sich vor allem aber Erinnerungen von Zeitzeugen erzählen lassen, drei Jahre lang. "Meine Gerta Schnirch ist zwar eine fiktive Gestalt, doch ihr Schicksal ist authentisch. Ich habe versucht, beim Schreiben objektiv zu sein." Die Leser in der Tschechischen Republik reagierten auf den Roman sehr unterschiedlich, wie sie sagt. Manche hätten ihn verurteilt. Besonders einige Ältere, die den Krieg miterlebten. "Sie verstanden nicht, wie ich das aus Sicht einer Deutschen schildern konnte." Andere begrüßten das Buch. 2010 erhielt sie dafür einen wichtigen, von Lesern vergebenen Preis.

Katerina Tuckova ist nicht die einzige junge Tschechin, die sich mit den Vertreibungen beschäftigt. In den letzten Jahren haben auch andere aus der "dritten Nachkriegsgeneration" Theaterstücke geschrieben und aufgeführt, Spielfilme und Dokumentationen gedreht. In Decin schreibt Radek Fridrich Gedichte über die verschwundenen Deutschen. Die Studentengruppe "Antikomplex" füllt mit Lokalhistorie Wissenslücken von Schülern. Unverstellte Zeitzeugenberichte hält der Politikwissenschaftler Matthias Pfüller, der den Abend in der Brücke-Villa einleitete, für die beste Möglichkeit, aus gegenseitiger Aufrechnung herauszukommen und der politischen Instrumentalisierung etwas entgegenzusetzen. Nicht zuletzt für die Gegenwart in Europa müssten die Auswirkungen von Kriegstreiberei besonders auf unschuldige Menschen deutlich werden. "Nur so können wir wechselseitig Verständnis gewinnen."

Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.09.2012

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