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Intimes Gestöber: Malerei, Skulpturen und Arbeiten auf Papier von Helge Leiberg in der Dresdner Galerie Ines Schulz

Intimes Gestöber: Malerei, Skulpturen und Arbeiten auf Papier von Helge Leiberg in der Dresdner Galerie Ines Schulz

Man sieht es gleich: Helge Leibergs Bilder sind visualisierte Musik. Unbekümmert um die intellektuellen synästhetischen Experimente der Moderne des 20. Jahrhunderts hat er sich gleichsam archaischen Ausdrucksformen zugewandt und im Tanz des menschlichen Körpers, einer der ältesten Formen ästhetischer Artikulation, über Jahre eine Bildsprache entwickelt, die ebenso einfach wie offen ist, ebenso zeichenhaft wie differenziert und ebenso expressiv wie dem Auge Freude bereitend.

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Helge Leiberg: "Intimes Gestöber", Tusche auf Bütten, 2013, 75x107 cm.

Quelle: Galerie

Die Archaik von Höhlenzeichnungen trifft so auf komplexe Formen, die der unmittelbaren Erfahrung höchst elaborierter musikalischer Strukturen geschuldet sind. Man könnte nun denken, all das käme - wie man so sagt - ganz aus dem Bauch heraus, die fetzigen Figuren mit Haaren aus Farbspritzern, überlangen und fast schon ornamental verschränkten Gliedmaßen, hautlosen Köpfen, großen Füßen und Fingern, die zugreifen können wie Krallen, die das Prinzip Lebendigkeit bis zum letzten zu verteidigen bereit sind.

Aber so einfach ist das nicht. Zwar hat Helge Leiberg, der Erfinder des "Noise-Painting", immer wieder spontane Malerei zu Tönen, solchen der menschlichen Stimme wie instrumentell erzeugten, gemacht, die die Geburt des Bildes aus dem Ephemeren des Klanges im Wortsinn mit-erleben lassen. Aber auch das geschah nicht einfach so im Sinne eines von seelischem Chaos gezeugten Aktionismus. Viel eher entspringt alles, was Leiberg tut, einer Reflexion über die Möglichkeiten und Prinzipien der Wahrnehmung, des Wahrnehmens.

Was sehen wir, wenn wir denken, was hören wir, wenn wir sehen, welche Bewegung evoziert welche Bilder oder Gedanken? Verknüpfungen, die schwieriger zu erfassen sind als das einfache Reagieren auf einen Impuls, gleich welcher Quelle er entstammen möge.

Das bedeutet nun nicht, dass dem, was wir sehen, ein theoretisches Gerüst zugrunde liegt, das der Maler in der Arbeit fortwährend deklinieren würde. Es beschreibt vielmehr seine eigenen Wahrnehmungsformen, die mit dem Wort Sensibilität äußerst unzureichend beschrieben sind, wenngleich auch öfter Momente Proustscher Erinnerungs-Sinnlichkeit auf melancholischer Grundierung mitzuschwingen scheinen.

Es ist etwas anderes und das hat, denke ich, damit zu tun, dass Helge Leiberg der falschen Synästhesie unseres gegenwärtigen Alltags, dem ständigen Ansturm visueller, akustischer, olfaktorischer, haptischer, konsumistischer und pseudo-erotischer Reize ein gleichsam organisches Wahrnehmungsmodell entgegensetzt. Eines, das das Genannte nicht negiert und ihm auch nicht polemisch entgegentritt, sondern auf ein künstlerisch fassbares Maß zurückführt. Will sagen, das die Welt und die Erregungen, die sie in uns auslöst, in figurativen Codes beschreibt.

Von hier aus ist es leicht zu ver- stehen, dass Musik und Tanz die bestimmenden Ingredienzen in Leibergs Zeichenvorrat sind. Evolutionsgeschichtlich haben sich Musik und Sprache parallel entwickelt, als kommunikative Anpassungen an das menschliche Leben in größeren Gruppen. Wobei unter Anthropologen die Annahme verbreitet ist, dass die Sprache aus der pragmatischen, die Musik aus der sexuellen Kommunikation, sprich Selektion, hervorgegangen sei. Hier stoßen wir denn auch auf die Wurzel der mehr oder weniger deutlichen erotischen Appelle, die Leibergs Arbeiten aussenden. Erotik ist so etwas wie die kulturalisierte Form der Sexualität, eine im Zeitalter von YouPorn und Aids-Reklame aussterbende Kategorie, deren Entwicklung den Zivilisationsprozess aller Völker auf unterschiedliche Weise begleitet hat.

Leibergs Bild-Erotik nun balanciert auf jenem Grad von Sublimierung und Exaltation, der großer Kunst immer schon zu eigen war, man denke an Giorgione, Correggio, Germaine Richier oder Louise Bourgeois... Und weil Erotik und Tod eng zusammenhängen, wie wir nicht erst seit Georges Batailles berühmtem Buch "Die Tränen des Eros" wissen, und dieser Zusammenhang ebenso vielschichtig wie abgründig ist, können wir Leibergs bildnerische Choreografien sowohl als Feier der Lebendigkeit verstehen als auch als ein memento mori.

Helge Leiberg hat bis 1984 in Dresden gelebt und ist dann nach Westberlin gegangen. Schon als er noch hier war, hat er selbst Musik gemacht mit Freunden und Kollegen, mit A.R. Penck, Michael Freudenberg, Lothar Fiedler und anderen. Er hat hier an der Hochschule bei Gerhard Kett- ner studiert und bis heute das zeichnerische Element in seiner jeden Illusionismus vermeidenden Malerei bewahrt.

In den frühen 80er Jahren hat er Filme gedreht und zählte zum Kern jener Künstler, die von Dresden aus in der damals von den Realismus-Verwaltern bekämpften Verbindung unterschiedlicher künstlerischer Medien eine Art Avantgarde des Ungehorsams entwickelten... Etliche von ihnen blieben nur solange im Lande, bis das Machbare ausgereizt war und weitere Entwicklung nicht mehr möglich schien, dann zogen sie weiter.

Inzwischen hat auch Helge Leiberg einen ziemlich weiten und erfolgreichen künstlerischen Weg zurückgelegt, der keine abrupten Brüche kennt und auf dem das Vertrauen in die geistige und formale Intensität und Wirkkraft seines künstlerischen Ausdrucks sich längst nicht erschöpft hat, sondern im Gegenteil immer neu bestärkt wird.

Es ist noch immer das scheinbar Einfache, dass es oftmals am leichtesten hat, Dauer zu erlangen. Die Geschichte der Moderne hat dafür viele Beispiele parat.

bis 13. Juli. Obergraben 21, geöffnet Mo-Fr 10-18.30, Samstag 11-16 Uhr, Tel/Fax: 0049351/8012243

www.galerie-ines-schulz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.07.2013

Matthias Flügge

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