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Intimer Liederabend mit Reinhard Mey in der Messe Dresden

Intimer Liederabend mit Reinhard Mey in der Messe Dresden

Neulich beim Liederabend: Um "die Intimität der Veranstaltung" zu wahren, werden die Gäste gebeten, aufs Fotografieren zu verzichten. Intimität in einer Halle mit 3800 Sitzplätzen? Sämtliche Karten dafür seit langem ausverkauft - und auf der Bühne: Ein Mann, eine Gitarre.

Dieser Abend wird tatsächlich beinahe intim, wirkt sehr persönlich.

Reinhard Mey schafft es noch immer. Er füllt die Säle mit seinen Liedern, mit seinem nach wie vor jungenhaften Charme. Derzeit ist er wieder auf Tour, seit 55 Tagen (!) absolviert er ein Konzert um das nächste, nicht einen einzigen Abend gönnt er sich Ruhe - die Rede ist von einem Mann, der nächsten Monat seinen 72. Geburtstag feiern darf.

Er ist bestechend attraktiv, wie er ganz in Schwarz auf die Bühne tritt, vom Jubel begrüßt und von keinem Hobbyfotografen gestört wird, um seinen Liederkreis auszuschreiten. In einem Querschnitt absolviert er die berühmten Titel aus fast fünf Jahrzehnten. Seine Ansagen sind einstudiert, aber wirken ehrlich, fast spontan, erzielen so die gewünschte Sympathie des Publikums, das wohl zum überwiegenden Teil Jugenderinnerungen an Reinhard Mey verbinden dürfte. Beglückt wird die Huldigung an den Auftrittsort Dresden zur Kenntnis genommen (und dabei muss nicht mal sein Mitwirken bei der "Showkolade" im November 1989 erwähnt werden), verzückt werden Klassiker wie "Über den Wolken" sowie als Rausschmeißer "Gute Nacht, Freunde" belauscht und mitgesummt.

Dazwischen gibt's allerlei Lebensweisheiten, die alle irgendwas mit Zwischenmenschlichem zu tun haben. Ob Mey sich freut, dass er bei seiner Arbeit singen darf, ob er sich als Spielmann und Traumverkäufer sieht, oder ob er berechtigtes Frohsein bekundet, nicht auf die schiefe Bahn geraten und Politiker oder Priester geworden zu sein - Mey ist authentisch auch da, wo die Pointen schon ausgelegt sind, auf dass man nur noch zutreten muss. Sein "Narrenschiff" von 1997 klingt wie ein Zeitbild von heute, die Klabautermänner haben die Endzeit in Sicht und nehmen Kurs aufs Riff. Kennen wir aus der Tagespolitik.

Aus dem Alltag bekannt sind "entfesselte Jungmütter mit ihren Monstertrucks", die schweres Gelände zwischen Öko-Läden und Kindergärten befahren. Was ist aus den Menschheitsträumen vom Fliegen geworden, die Mey in seinem Lied über Otto Lilienthal besingt? Die bedenkenlose Fahrerei im "Sport Utility Vehicle" (SUV)? Er pointiert solche Dummheiten, sagt aber nicht, dass sie verbrecherisch sind. Reinhard Mey setzt auf Nuancen, nicht auf erhobenen Zeigefinger, um die Bretter vor den Köpfen zu spiegeln. Er singt von Missverständnissen zwischen Generationen, von der Vergänglichkeit unseres Lebens. Die Tournee "Dann mach's gut" ist seinem im vergangenen Jahr gestorbenen Sohn gewidmet ("wie hab ich diesen Haderlumpen lieb"), Mey aber spricht von der Freude an den Enkeln, vom Loslassen der erwachsenen Tochter. In solchen Momenten wird es wirklich intim.

Dieses so erfahrene wie betörende Mannsbild weiß die Massen derart anzusprechen, dass sich jeder persönlich gemeint fühlt. Und lädt in der letzten Zugabe dazu ein, nun die Kameras zu zücken und die Blitzlicher blitzen zu lassen. Damit bedankt sich der Entertainer für den zweieinhalb Stunden lang gezeigten Respekt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.11.2014

Aldo Lindhorst

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