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Interview mit dem Dresdner Pianisten und Organisten Jochen Aldinger vor seinem Tonne-Konzert am Freitag

Interview mit dem Dresdner Pianisten und Organisten Jochen Aldinger vor seinem Tonne-Konzert am Freitag

Jochen Aldinger steht für die umtriebige "mittlere" Jazzgeneration in Dresden. Der 1973 in Stuttgart geborene Pianist kam 2003 nach Studium an der Musikhochschule "Carl Maria von Weber", in Essen und am Berklee College in Boston hierher zurück, um sich als freischaffender Musiker und Musikpädagoge niederzulassen und eine Familie zu gründen.

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Jochen Aldinger.

Quelle: PR

Zuletzt entdeckte er die Hammond Orgel für sich. Für die DNN sprach Andreas Körner mit Aldinger über Projekte, Positionen und Passionen.

Frage: Sie vertonen auch Goethe-Gedichte, grooven mit Drum & Bass und über indische Rhythmen. Sehen Sie sich eigentlich als Jazzer?

Jochen Aldinger: Ja, wobei ich denke, dass der Begriff an sich sehr weit gefasst ist und wohl jeder etwas anderes darunter versteht.

Was ist Jazz für Sie?

Auf alle Fälle keine Stilistik. Bebop ist eine, vielleicht auch noch Swing, Jazz nicht. Ich halte sehr wenig von manchmal aufkommenden Diskussionen, ob denn dieses oder jenes noch oder schon Jazz sei. Jazz ist für mich eine Musikrichtung, die sich immer wieder neu weiterentwickeln und verändern muss, um lebendig zu bleiben. Eine festgelegte Definition für Jazz wäre sein Grabstein.

War Ihre Entscheidung für den Jazz eine bewusste?

Ja, und ich zögere nicht eine Sekunde bei der Antwort auf die Frage, ob ich es wieder machen würde. Ich bin mit dem Beruf absolut glücklich. Es ist der schönste der Welt!

Hatten Sie am Beginn große Illusionen?

Wie es als freiberuflicher Musiker sein würde, war mir damals natürlich nicht klar. Warnungen gab es genug. Die nimmt man zur Kenntnis und will es trotzdem. Beim Rückblick merke ich besonders an bestimmten Ereignissen, wo für mich Entwicklung passiert ist oder einfach nur Veränderung. Das Studienjahr in Boston war da extrem wichtig, rein menschlich und auch in Bezug auf Künstlerisches.

War immer klar im Visier, wo Sie handwerklich landen können, mit wem Sie sich würden messen können?

Schon. Man nimmt sich Orientierungen und Vorbilder her und glaubt daran, dass man dort hinkommen, manches sogar besser machen kann. Die Zeit wird zeigen, wo ich lande. Ich habe nie aktiv nach einem bestimmten Aldinger-Stil gesucht, der wird hoffentlich reifen. Er entwickelt sich durch Neugier, eine gewisse Respektlosigkeit, durch das Leben an sich.

Ein Großteil der Energie wird sicher auch bei Ihnen durch das Akquirieren von Konzertterminen aufgefressen...

Ja, und ich wünsche mir sehr, es würde irgendwann leichter werden. Vielleicht findet sich eine Agentur, die mir diese Arbeit abnimmt.

Ausschließlich von der Musik leben zu können, ist aber trotzdem Ihr Ziel?

Natürlich haben auch meine Eltern damals gesagt, ich solle einen richtigen Beruf lernen. Für mich war das aber keine Option. Heute kann ich mit meiner Familie von der Musik leben, dafür bin ich dankbar. Mit Unterrichten ist es zwar leichter, ein regelmäßiges Einkommen zu erzielen, aber ich möchte lieber spielen. Ich werde unausgeglichen und unzufrieden, wenn ich längere Zeit nicht auf der Bühne stehe.

Eine etwas ketzerische Frage: Mir waren und sind einige Dozenten an Musikhochschulen zu jung, zu wenig erfahren, zu unerprobt, was den Spiel-Alltag "draußen" betrifft. Ungeachtet der sicheren Honorarquelle - ist es für die Studenten gut?

Die Frage habe ich mir immer gestellt, auch weil die Musikstudenten keine Anfänger sind, sondern zum Teil schon sehr gute Musiker. Aber gerade diese Herausforderung macht es interessant. Und ich versuche, meine Lehrtätigkeit einzuschränken, eben, um "draußen" sein zu können und meinen Erfahrungsschatz zu erweitern. Honorarstellen sind ja ursprünglich unterstützende Positionen gewesen, nicht zuletzt um das Lehren zu lernen und in eine Professorentätigkeit hinein zu wachsen. Das ist durch den Geldmangel in der Kultur etwas anders geworden. Hier kämpfen wir gerade bundesweit an allen Musikhochschulen für bessere Bedingungen für Lehrbeauftragte.

Was können Sie den Jüngeren mitgeben?

Es geht nie darum, dass man eine Tonleiter schneller spielen kann als ein anderer. Musik ist kein Wettbewerb. Was aber nicht heißt, dass man um ausdauerndes Üben herum käme. Letztlich geht es um Überblick, den Blick von außen auf das Ganze, um Erfahrung, durchaus auch in Sachen Musikhören. Und die Intentionen, die man mit seiner Musik hat. Viele Musiker vergessen irgendwann, warum sie eigentlich Musik machen.

Ist der Jazz lebendig? Interessieren sich genügend jüngere Musiker für ihn?

Wenn es darum geht, den Klassiker nur künstlich am Tropf zu halten, dann sicherlich nicht. Aber es gibt sehr viele interessante Experimente junger Musiker. Und selbst beim Versuch, wie Thelonius Monk 1945 zu klingen, wird im günstigsten Falle etwas Eigenes herauskommen.

Jazz war immer Projektmusik. Könnten Sie sich eine stabile Bandbesetzung über Jahre vorstellen?

Wenn ich es mir wirklich frei aussuchen könnte, 150 Konzerte mit nur einer Band oder drei Mal 50 mit verschiedenen Formationen im Jahr zu spielen, würde ich mich für Letzteres entscheiden. Ich will nicht nur Orgel spielen, ich brauch' auch das Klavier. Ich will nicht nur im Duo spielen, sondern auch mit größeren Besetzungen. Würde ich aber in der Praxis eine grandios laufende Band bremsen?

Künstlerische Konstellationen sind die eine Sache, personelle die andere. Auch nicht zu unterschätzen...

Mit Freunden zu improvisieren, hat eine sehr eigene Intimität. Mir fällt es schwer, mit Musikern zu spielen, die ich nicht sympathisch finde. Das ist dann Kampf. Wobei, ich hatte mal ein Konzert mit denkbar unschöner Vorgeschichte, bei dem ich meinen Mitmusiker hätte auf den Mond schießen können und er mich. Ich muss dazu sagen, dass es sich um einen wirklich guten Freund handelt, an jenem Tag hätten wir uns besser aus dem Weg gehen sollen. Wir spielten wirklich gegeneinander. Nach dem Konzert kam eine ältere Dame zu mir, umarmte mich und sagte, es sei ihr schönstes Konzert gewesen.

Würden Sie als festes Ensemblemitglied in einem Orchester verkümmern?

Nicht als Dirigent (lacht). Nein, es macht viel Spaß, beispielsweise in einer Big Band einfach mal Rädchen zu sein, Teil eines größeren Ganzen. Aber nicht für immer.

Inwieweit sind CD-Produktionen in Zeiten schnelllebiger Netzwerke für Sie wichtig?

Unsere Kunst ist ja sehr flüchtig, da ist es einfach schön, ein Stück Arbeit auf den Punkt zu bekommen und dann in der Hand zu halten. Gute Veranstalter machen sich nach wie vor gern ein Gesamtbild vom Künstler, da reicht kein Link zu einem Garagenmitschnitt. Die Tendenz, gerade im Jazzbereich die Musik auch sehen zu können, nimmt zu. Deshalb habe ich einen professionellen Filmproduzenten für unsere Clips beauftragt.

Letztes Stichwort: Hammond Orgel. Ist es eine lange zurückgehaltene oder eine neu entdeckte Liebe zum Instrument?

Anfangs hat mich die Orgel überhaupt nicht interessiert. Der Klang hat mich einfach nicht gereizt. Irgendwann änderte sich das. Der auslösende Punkt war die Tatsache, dass ich auf der Orgel auch den fetten, tiefen Bass-Sound spielen kann. Man hat damit in einer Band eine völlig andere Funktion als mit dem Piano. Das ist eine andere körperliche Erfahrung, wie ein Rausch. Und ein weiterer Vorteil der Orgel ist, immer mein eigenes Instrument dabei zu haben und nicht auf den vorhandenen Flügel im Saal angewiesen zu sein. Das genieße ich sehr. Und um das noch mehr ausleben zu können, habe ich mir für meine Orgel extra von einem Holzkünstler eine Verkleidung im Retrostil einer alten Hammond B3 anfertigen lassen. In dieser Form gibt es diese Orgel also nur einmal auf der Welt.

Jochen Aldinger live: Freitag, 21 Uhr, Jazzclub Tonne (mit Downbeatclub)

- Downbeatclub mit Aldinger, Hammond Orgel, Konni Behrendt, Gitarre, Matthias Macht, Schlagzeug. Lässige Grooves aus Modern Jazz, Funk, Reggae, Afro Beat und Drum & Bass.

www.downbeatclub.com

- Goetheallee mit Aldinger, Klavier, Lena Sundermeyer, Gesang. Eine an Jazz und klassischen Liedern orientierte Zykluskomposition über zwölf Goethegedichte.

www.goetheallee.de

- aldimenz mit Aldinger, Klavier, Robert Menzel, Saxophon, Om Prakash Panka, Tabla. Meditative Rhythmen und tiefgründige Melodien.

www.aldimenz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.12.2011

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