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Interview mit dem Biografen Elger in Dresden: „Richter wird nie langweilig“

Interview mit dem Biografen Elger in Dresden: „Richter wird nie langweilig“

Dietmar Elger ist Leiter des Gerhard-Richter-Archivs in Dresden und Autor einer Richter-Biografie. Er kennt den Künstler seit 30 Jahren. Im dpa-Interview spricht er darüber, was Richters Malerei so einzigartig macht.

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Dietmar Elger, Leiter des Gerhard Richter Archivs in Dresden, vor Werken des Künstlers.

Quelle: dpa

Mal ganz ketzerisch gefragt: Was ist so großartig daran, Fotos abzumalen, so wie Gerhard Richter das tut?

Elger: „Bei diesem Abmalen geschieht ja sehr viel. Die Motive werden stilisiert, zum Teil isoliert oder vergrößert. Man sieht malerische Spuren. Das wirkt dann eben gar nicht mehr so fotografisch."

Und warum sind die Motive oft so ausgesprochen banal?

Elger: „Die Motive scheinen banal, aber ihre Geschichten sind es keineswegs. Viele dieser Bilder, die Gerhard Richter aus Zeitungen und Illustrierten genommen hat, sind Geschichten über Mord und Totschlag in der Familie. Wo die Tante die Nichte vergiftet hat, wo der Mann seine Frau umbringen wollte und so. Diese Bilder haben eine tiefere Schicht. Es gibt auch banale Motive, wenn Richter sein näheres Umfeld gemalt hat. Da spielt die Erforschung seiner eigenen Lebenssituation eine wichtige Rolle."

Insgesamt wirkt Richters Kunst seltsam unterkühlt.

Elger: „Richter hat sich immer gegen die Emotionalität des Abstrakten Expressionismus gewehrt, wo er immer das Gefühl hatte, da legt man seine Seele rein, da versucht man, einen inneren Ausdruck auf die Leinwand zu übertragen. Das entsprach überhaupt nicht seinem Charakter. Deshalb hat er gegenstandslose Bilder gemalt, die jede Befindlichkeit ausgeschlossen haben. Indem er zum Beispiel die gesamte Bildfläche grau zugemalt oder mit grauen oder farbigen Schlieren bedeckt oder die Farben nach dem Zufallsprinzip angeordnet hat. In diesen Bildern gibt es nichts zu psychologisieren. Man kann sie eher mit Begriffen wie Distanz, Neutralität und Zufall beschreiben."

Warum sind viele Bilder so verwischt oder sogar wild übermalt? Manche wirken geradezu so, als hätte Richter sie zerstören wollen.

Elger: „Richter vermeidet es, auf das Attraktive, auf das Naheliegende hinzumalen. Mit dem Rakel (Abstreicher) zerstört er bestimmte Dinge wieder, bringt Zufälle hinein, die er selbst nicht kontrollieren kann. Dadurch werden die Bilder unheimlich komplex, so dass man sie sich immer wieder ansehen kann. Die Bilder werden nie langweilig, weil sie auch nie einem bestimmten Geschmack folgen. Ich sehe manchmal Bilder im Stil von Richter, wo man sehr gut den Unterschied sieht, weil solche Bilder eben nur dekorativ aussehen, gut übers Wohnzimmersofa passen."

Sie arbeiten seit der Gründung des Gerhard-Richter-Archivs eng mit dem Künstler zusammen. Wie ist es eigentlich für ihn zu wissen, dass er mittlerweile als „Picasso des 21. Jahrhunderts" gehandelt wird?

Elger: „Richter denkt darüber nicht groß nach, er schiebt das weg. Man kann als Privatmensch nicht ständig mit dem Bewusstsein der eigenen künstlerischen Bedeutung leben. Wer das doch tut, müsste zwangsläufig ein ziemlich arroganter Mensch werden. Eine seiner ganz großen Stärken ist ja gerade, dass er seinem Werk selbst immer noch sehr kritisch gegenübersteht, die Arbeit immer wieder unterbricht, neu betrachtet und hinterfragt."

Wie lebt Richter eigentlich so in Köln - als Privatmensch?

Elger: „Er führt immer noch ein ziemlich normales Leben. Er hat ja nicht diese Bekanntheit eines Popstars. Es ist nicht so, dass er dauernd auf der Straße erkannt wird. Und diejenigen, die ihn erkennen, sind nicht unbedingt Menschen, die hinrennen und ihn um ein Autogramm bitten."

Christoph Driessen, dpa

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